DFG fördert neun neue Forschungsgruppen
Themen reichen von der Signalübertragung bei Nervenzellen bis hin zur Analyse von Verschwörungstheorien / Insgesamt rund 40 Millionen Euro für erste Förderperiode
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet neun neue Forschungsgruppen ein. Das hat der Hauptausschuss der DFG auf Empfehlung des Senats beschlossen. Die neuen Forschungsgruppen erhalten insgesamt rund 40 Millionen Euro inklusive einer Programmpauschale in Höhe von 22 Prozent für indirekte Projektausgaben. Zusätzlich zu den neun Neueinrichtungen wurde die Verlängerung von sechs Forschungsgruppen und einer Kolleg-Forschungsgruppe für eine weitere Förderperiode beschlossen. Eine der neu bewilligten Forschungsgruppen wird im Rahmen der D-A-CH-Zusammenarbeit gemeinsam mit dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert.
Forschungsgruppen ermöglichen Wissenschaftler*innen, sich aktuellen und drängenden Fragen ihrer Fachgebiete zu widmen und innovative Arbeitsrichtungen zu etablieren. Sie werden bis zu acht Jahre lang gefördert. Im Ganzen fördert die DFG zurzeit 191 Forschungsgruppen, sieben Klinische Forschungsgruppen und 15 Kolleg-Forschungsgruppen. Klinische Forschungsgruppen sind zusätzlich durch die enge Verknüpfung von wissenschaftlicher und klinischer Arbeit charakterisiert, während Kolleg-Forschungsgruppen speziell auf geistes- und sozialwissenschaftliche Arbeitsformen zugeschnitten sind.
Die neuen Verbünde im Einzelnen
(in alphabetischer Reihenfolge der Hochschulen der Sprecher*innen):
Sümpfe, Moore, Marschen – Feuchtgebiete wurden lange als unheimliche, schwer kontrollierbare Räume wahrgenommen, die es zu kultivieren galt. Heute weiß man, welche lebenswichtigen Funktionen diese Grenz- und Übergangszonen innehaben: Feuchtgebiete binden Kohlenstoffdioxid, schützen Küstenlinien, filtern und reinigen Wasser. Im Rahmen der „Environmental Humanities“ wirft die Forschungsgruppe „Den Sumpf mitdenken – Geschichten aus der Zwischenzone, 1630–1997“ einen neuen Blick auf die ambivalenten Erfahrungen und oft umstrittenen Visionen und Terminologien der Beziehung zwischen Mensch und Feuchtgebiet. Insgesamt soll Aufschluss darüber gewonnen werden, wie Menschen in Mittel- und Westeuropa mit Sümpfen gelebt und gedacht haben, sie als Quelle philosophischer Inspiration wahrnahmen – und warum sie schon früh für ihren Schutz kämpften. (Sprecherin: Professorin Dr. Simone Müller, Universität Augsburg)
Die Forschungsgruppe untersucht „Medienpraktiken des Widersprechens in vernetzten Öffentlichkeiten“ als relationales, dynamisches Kommunikationsgeschehen, in dem bislang sozial, wirtschaftlich oder kulturell benachteiligte Personen im demokratischen Kontext ihre Stimme gegen eine (wahrgenommene) hegemoniale Dominanz erheben. Neben diskursiven Praktiken des Widersprechens, bei denen Medien bestimmte Inhalte vermitteln, werden auch die digitalen Bedingungen in den Fokus genommen, die die Praktiken des Widersprechens, etwa im Bereich von Social Media, deutlich verändert haben. Aber auch jene materiell-gestaltenden Praktiken, bei denen Medien als Organisationen, Infrastrukturen und Technologien selbst zum Gegenstand des Widersprechens werden, sollen genauer untersucht werden. (Sprecherin: Professorin Dr. Margreth Lünenborg, FU Berlin)
Im Nervensystem werden Informationen auf unterschiedlichen Wegen übertragen. Neben der klassischen, räumlich sehr gezielten Kommunikation zwischen Nervenzellen und Synapsen können Botenstoffe auch über die Grenzen einzelner Synapsen hinaus wirken. Neuere Forschung zeigt immer genauer, wie vielfältig und dynamisch das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Signalwege ist. Hier setzt die Forschungsgruppe „In und außerhalb der Synapse: Überholte Dogmen der synaptischen Signalübertragung und Neuromodulation?“ an. Sie will ein tieferes Verständnis neuronaler Kommunikationswege erreichen und herausfinden, wie anpassungsfähig diese sind. Untersucht werden soll, wie das Nervengewebe Informationen filtert, übersetzt und in Aktivität umwandelt. Ziel ist es, etablierte Vorstellungen von synaptischer Signalübertragung zu überprüfen und unser Verständnis der Informationsverarbeitung im Gehirn zu erweitern. (Sprecher: Professor Dr. Christian Henneberger, Universität Bonn)
Das Klimaschutzgesetz hat das ehrgeizige Ziel gesetzt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2045 so stark zu senken, dass Deutschland komplett klimaneutral sein wird. Hierzu braucht es einen klaren, rechtsverbindlichen Fahrplan, der festlegt, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft von Grund auf wandeln müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Dabei verändert die Frage, wie Gesetze diesen Wandel bewirken können, ihrerseits aber auch das Rechtssystem selbst. Das ist die zentrale Kernbotschaft der Forschungsgruppe „Transformatives Klimarecht: Raum – Zeit – Gesellschaft“. Sie will die ökonomischen, ökologischen und sozialen Veränderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität in den für sie entscheidenden Dimensionen betrachten, um so die neuen Rahmenbedingungen für ein wirksames und zukunftsfähiges und damit nachhaltiges Klimarecht zu eruieren. (Sprecher: Professor Dr. Claudio Franzius, Universität Bremen)
Der Mensch ist die einzige bekannte Spezies, die Lebensmittel durch Wärmebehandlung verarbeitet. Wärmebehandelte Lebensmittel sind besser verdaulich, führen jedoch auch zu metabolischen und physiologischen Veränderungen, etwa durch veränderte Lipidverbindungen in Nahrungsfetten. Über deren Bioaktivität liegen bisher nur wenige Erkenntnisse vor. Die Forschungsgruppe „Chemische, physiologische und evolutionäre Auswirkungen der Hitzebehandlung von Nahrungslipiden (HTDL)“ will überprüfen, ob HTDL zu Veränderungen der Lipidome – also der Gesamtheit der Lipide –, der membran- und biophysikalischen Eigenschaften der Zellen, von neurometabolischen Prozessen sowie von Stoffwechselsignalwegen und Fortpflanzungsprozessen führen und ob diese Veränderungen die Evolution der HTDL-Konsumenten ändern können. Die Forschungsgruppe wird im Rahmen der D-A-CH-Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert. (Sprecher: Professor Dr. Klaus Reinhardt, Universität Dresden)
Im Bauteildesign versprechen eisenbasierte Formgedächtnislegierungen (FGL) gegenüber etablierten Werkstoffen wie Nickel-Titan-Legierungen neue Anwendungsmöglichkeiten. Bisher wurden die verschiedenen Formgedächtniseffekte aber weitgehend getrennt voneinander betrachtet und eingesetzt. Zudem fehlt es an einem geeigneten Legierungsdesign zur gezielten Nutzung derartig kombinierter Effekte in Anwendungen. Die Forschungsgruppe „Kombinierte Effekte in Fe-basierten Formgedächtnislegierungen – Modellgetriebenes Legierungsdesign unter Berücksichtigung der Prozess-Mikrostruktur-Eigenschaftsbeziehungen“ will diese kombinierten Effekte tiefgreifend erforschen und durch ein modellgetriebenes Legierungsdesign gezielt leistungsfähige eisenbasierte Formgedächtnislegierungen entwickeln sowie die entsprechenden Wirkmechanismen grundlegend verstehen. (Sprecher: Professor Dr.-Ing. Thomas Niendorf, Universität Kassel)
Die Forschungsgruppe „Jenseits des Wahnsinns: Die Analyse von Verschwörungsüberzeugungen unter Berücksichtigung von deren Vorteilen“ stellt die Frage, welche potenziellen Funktionen und Vorteile Verschwörungsüberzeugungen für deren Anhänger*innen unter kommunikativen, psychologischen und gesellschaftlichen Aspekten haben. Indem dies systematisch untersucht wird, soll die Popularität und Attraktivität von Verschwörungstheorien besser verstanden werden. Damit geht die Forschungsgruppe über den bisherigen Forschungsstand hinaus, der sich fast ausschließlich auf deren negative Folgen konzentriert. Diese andere Perspektive soll zu einem differenzierten theoretischen Verständnis von Verschwörungsüberzeugungen beitragen und das Forschungsfeld methodisch weiterentwickeln. Im Mittelpunkt stehen dabei interdisziplinäre Ansätze aus Psychologie und Kommunikationswissenschaft. (Sprecher: Professor Dr. Roland Imhoff, Universität Mainz)
Kutaner Lupus erythematodes (CLE) ist eine Autoimmunerkrankung der Haut, die sich in verschiedenen Formen äußert und mitunter zu starken Vernarbungen der Haut führt. Die bleibenden, sichtbaren Hautschäden und der mit CLE oft verbundene Haarausfall belasten die Lebensqualität der Betroffenen im Alltag häufig stark. Trotz der klinischen Relevanz sind außer der Behandlung mit Glukokortikosteroiden – umgangssprachlich: Kortison – keine anderen Therapien für CLE zugelassen. Dies geht einher mit einem bestenfalls lückenhaften Verständnis molekularer Grundlagen und einer unzureichenden Definition beobachtbarer Subtypen. Diesen Problemen will sich die Forschungsgruppe „Untersuchung der Immunpathogenese des kutanen Lupus erythematodes“ widmen, um die Basis für zukünftige, neue therapeutische Ansätze zu legen. (Sprecherin: Professorin Dr. Claudia Günther, Universität Tübingen)
„Alternative Fakten“ sind eine problematische Begriffsprägung der ersten Trump-Präsidentschaft; sie stellen eine ernste Bedrohung heutiger Gesellschaften dar. Das Phänomen ist jedoch viel älter und lässt sich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen. Die Forschungsgruppe „‚Alternative Fakten‘ im 16. Jahrhundert“ historisiert das Phänomen, indem sie mit der Frühen Neuzeit eine für das europäische Selbstverständnis einflussreiche Epoche und den damaligen Medienwandel ins Blickfeld rückt. Ihren Leitbegriff versteht sie als eine sprachliche Praxis, die anerkannte Wissensnormen in Frage stellt und durch konkurrierende Behauptungen zum Zweck der Dialogverweigerung, der Diskurszerstörung, der Verunsicherung oder der Inszenierung etwa in Rhetorik, Religion oder Politik bewusst unterläuft. (Sprecherin: Professorin Dr. Regina Toepfer, Universität Würzburg)
Die für eine weitere Förderperiode verlängerten Verbünde
(in alphabetischer Reihenfolge der Hochschulen der Sprecher*innen und mit Verweisen auf die Projektbeschreibungen in der DFG-Internetdatenbank GEPRIS zur laufenden Förderung):
Forschungsgruppe (externer Link) (Sprecherin: Professorin Dr. Andrea Walther, HU Berlin)
Forschungsgruppe (externer Link) (Sprecher: Professor Dr. Thorsten Glaser, Universität Bielefeld)
Forschungsgruppe (externer Link) (Sprecher: Professor Dr.-Ing. Thomas Lampke, Universität Chemnitz)
Forschungsgruppe (externer Link) (Sprecher: Professor Dr. Wolfgang Imo, Universität Hamburg)
Kolleg-Forschungsgruppe (externer Link) (Sprecher: Professor Dr. Kiran Patel, LMU München)
Forschungsgruppe (externer Link) (Sprecher: Professor Dr. Martin Klingenspor, TU München)
Forschungsgruppe (externer Link) (Sprecher: Professor Dr. Michael Möller, Universität Siegen)
Weiterführende Informationen
Ausführliche Informationen erteilen auch die Sprecher*innen der Verbünde.
Zu den Forschungsgruppen der DFG:
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(externer Link), Qualitäts- und Verfahrensmanagement, Tel. +49 228 885-2301
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