Pressemitteilung Nr. 16 | 1. Juni 2026

DFG fördert zehn neue Graduiertenkollegs

Themen reichen von multidimensionalen Biomaterialien über Chinas geoökonomischen Aufstieg bis zur urbanen Zukunft / Rund 70 Millionen Euro für erste Förderperiode

DFG-Förderprogramm: Graduiertenkollegs

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet zur weiteren Stärkung der frühen wissenschaftlichen Karriere zehn neue Graduiertenkollegs (GRK) ein. Das hat der zuständige Bewilligungsausschuss in Bonn beschlossen. Die neuen GRK werden ab Herbst 2026 zunächst fünf Jahre mit insgesamt rund 70 Millionen Euro gefördert. Darin enthalten ist eine Programmpauschale in Höhe von 22 Prozent für indirekte Projektausgaben. Unter den neuen Verbünden sind drei Internationale Graduiertenkollegs (IGK) mit Kooperationspartnern in Australien und Frankreich sowie erstmals ein Kolleg, bei dem eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften als mitantragstellende Einrichtung beteiligt ist.

Zusätzlich zu den zehn Einrichtungen stimmte der Bewilligungsausschuss für die Verlängerung von elf Graduiertenkollegs für jeweils eine weitere Förderperiode, darunter ein IGK mit Partnern in Australien. 

Graduiertenkollegs bieten Doktorand*innen die Möglichkeit, in einem strukturierten Forschungs- und Qualifizierungsprogramm auf hohem fachlichem Niveau zu promovieren. Aktuell fördert die DFG insgesamt 212 GRK, darunter 28 IGK.

Die neuen Graduiertenkollegs im Einzelnen

(in alphabetischer Reihenfolge ihrer Sprecherhochschulen, unter Nennung der Sprecher*innen sowie der weiteren antragstellenden Hochschulen und der Kooperationspartner):

Nano- oder Mikrogele aus synthetischen Polymeren werden derzeit etwa bei der Stimulierung von Stammzellen, der Verabreichung von Arzneimitteln und als Gerüst für den Gewebeaufbau eingesetzt. Allerdings weisen die bislang existierenden Gele begrenzte Fähigkeiten zum Beispiel zur Selbstorganisation oder Interaktion mit ihrer Umgebung auf, das heißt sie kommen nicht an die Fähigkeiten lebender Materie heran. Das interdisziplinäre GRK „Adaptive weiche Materie durch Programmierung kolloidaler Gele mit biologischen Bausteinen (EMERGE)“ will daher die Grundlage für Gele mit lebensähnlichen Funktionen schaffen. Dafür sollen biologische Bausteine wie beispielsweise Polyphenole, Polysaccharide oder Nukleinsäuren in die Polymere integriert und die Gele damit „programmiert“ werden. Ziel ist es, neue Nano- und Mikrogele zu entwickeln, die sich beispielsweise nach einer Beschädigung selbst regenerieren können. (RWTH Aachen, Sprecher: Professor Dr. Andrij Pich)

Viele der im klinischen Kontext genutzten Biomaterialien sind häufig nur auf eine bestimmte Funktionalität ausgelegt. Im deutsch-australischen IGK „Multidimensionale Biomaterialien [MB]2“ haben es sich Forscher*innen der Chemie, Physik, Zellbiologie, Materialwissenschaften und Medizintechnik gemeinsam mit ihren Partner*innen in Melbourne zum Ziel gesetzt, neue und breiter einsetzbare Materialien zu entwickeln. Diese sollen künftig durch Ausnutzen jeweils spezifischer Wechselwirkungen zwischen Zellen und dem dafür konzipierten Material mehrere Funktionen in sich vereinen. (Universität Bayreuth, Sprecher: Professor Dr. Thomas Scheibel; Kooperationspartner: Monash University, Swinburne University of Technology und University of Melbourne, alle drei Australien)

Wie werden Konflikte in verschiedenen Kulturen beigelegt? Das GRK „Versöhnung und ihre Äquivalente im transkulturellen Vergleich“ zielt darauf ab, Konzepte, Strategien und Praktiken von Versöhnung systematisch zu erforschen. Dabei sollen sowohl europäische als auch außereuropäische Kulturen in den Blick genommen werden. Die Hypothese der Wissenschaftler*innen ist, dass mit Versöhnung und ähnlichen Konzepten jeweils ein Reaktions- und Strategierepertoire bereitgestellt wird, durch das Konfliktsituationen entschärft und – im besten Fall – überwunden werden können. Für den transkulturellen Vergleich sollen verschiedene Bedingungsfaktoren von Versöhnung herangezogen werden wie etwa soziale Aushandlungsprozesse, Verfahren der Konfliktlösung oder auch Wert- und Normsysteme. (Universität Bonn, Sprecherin: Professorin Dr. Christine Gisela Krüger)

Drei große aktuelle Herausforderungen stehen im Zentrum des GRK „Urbane Zukunft – Bewältigung des Wandels für eine bessere Gesundheit in blauen Städten“: der Klimawandel, die öffentliche Gesundheit und die urbane Nachhaltigkeit. Untersucht werden die Transformationen in Städten des Globalen Südens, die an einem Fluss oder einer Meeresküste gelegen sind. Ein besonderes Merkmal des Verbunds ist die Einbindung der Medizin zusätzlich zu den Sozialwissenschaften sowie der Biodiversitäts- und Ökosystemforschung. Das erlaubt es, komplexe Wechselwirkungen – etwa zwischen steigenden Temperaturen, Luftqualität und gesundheitlichen Belastungen – besser zu verstehen, integrierte Lösungsansätze zu entwickeln und diese Erkenntnisse auf Regionen zu übertragen, die absehbar von Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein werden. Erstmals ist bei diesem GRK eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften als mitantragstellende Einrichtung beteiligt. (Universität Bonn, Sprecher: Professor Dr. Nico Mutters; ebenfalls antragstellend: Hochschule Bonn-Rhein-Sieg)

Für die erdölbasierte Chemieproduktion ist der Übergang zur vermehrten Nutzung biobasierter Rohstoffe und erneuerbarer Energien weiterhin eine große Herausforderung. Die bisherigen Prozesse sind auf die vielgestaltigen Biomasserohstoffe und die Schwankungen in der Bereitstellung von Energie aus erneuerbaren Quellen nicht eingestellt. Um diese Hürden zu überwinden, braucht es tolerante Prozesse, die robust und flexibel gegenüber Fluktuationen und Variationen in den Betriebsbedingungen sind. Diesem Ziel widmet sich das GRK „Tolerant, Nachhaltig, Effizient: Überwindung des Toleranz-Effizienz-Dilemmas für robuste und flexible (bio)chemische Prozesse der Zukunft“. (TU Dortmund, Sprecher: Professor Dr.-Ing. Hannsjörg Freund)

In fast allen Bereichen des Alltags spielen technische Systeme eine immer größere Rolle. Das geht mit neuen Herausforderungen einher, da der Mensch hinter und an der Maschine sich mit immer komplexeren Systemen auseinandersetzen, diese verstehen und auch bedienen können muss. Entscheidend hierfür ist eine intuitive, zuverlässige und sichere Mensch-System-Interaktion, die die Perspektive der Nutzer*innen berücksichtigt. Ziel des GRK „Human-in-the-Loop Co-Design interaktiver Systeme (coHu) “ ist es, neue Werkzeuge und Methoden zugunsten sicherer und nutzerfreundlicher Interaktionen zwischen Mensch und System zu entwickeln. (Universität Erlangen-Nürnberg, Sprecher: Professor Dr.-Ing. Philipp Beckerle)

Der Einfluss Chinas auf die globale Weltordnung wurde bislang überwiegend in Einzeldisziplinen erforscht. Das GRK „Chinas geoökonomischer Aufstieg und der Aufbau struktureller Macht (China-GRASP): Empirische Untersuchungen auf der Makro- und Mikroebene“ untersucht die politische Ökonomie Chinas nun aus der interdisziplinären Sicht der Politik- und Wirtschaftswissenschaft und der Area Studies. Dies erlaubt es, die Besonderheiten Chinas präziser zu erfassen: Anstatt wie bisher bei Ländern mit hegemonialen Ansprüchen den offenen Konflikt zu suchen, weitet China seinen Einfluss in Form struktureller Macht – basierend auf Sicherheit, Produktion, Finanzen und Wissen – aus. Die Forscher*innen wollen die Bedingungen bestimmen, die diesen Prozess fördern oder hemmen, und die politischen wie ökonomischen Konsequenzen analysieren, die daraus entstehen. (Universität Göttingen, Sprecherin: Professorin Dr. Anja Jetschke)

Welche Bedeutung hat das Geschlecht in völkerstrafrechtlichen Kontexten? Und inwieweit ist Recht eine „vergeschlechtlichte Konstruktion“? Solche Fragen will das GRK „Geschlecht und Vergeschlechtlichungen in völkerstrafrechtlichen Kontexten: Konflikte, Normative Ordnungen, Transformationspraktiken“ untersuchen und so die Wechselwirkungen zwischen Völkerstrafrecht und Geschlecht näher betrachten. Dazu will der Verbund einerseits die Rolle von Geschlechterkonzeptionen für Entstehung, Wirkung und Wahrnehmung bewaffneter Konflikte und struktureller Gewalt analysieren. Andererseits will er die geschlechtsspezifischen Prägungen des völker(straf)rechtlichen Rechtssystems und die gesellschaftlichen Mechanismen zur Aufarbeitung völkerrechtlicher Konflikte näher betrachten. (Universität Marburg, Sprecherin: Professorin Dr. Stefanie Bock)

Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems gehen einher mit Veränderungen in voneinander abhängigen Bereichen auf der Zellebene sowie in der Zelle selbst. Die von den Veränderungen betroffenen Strukturen werden als Mikrodomänen bezeichnet und steuern als zentrale Einheiten der Zelle die Signalübertragung und den Transport von Molekülen. Das deutsch-französische IGK „Mikrodomänen bei Herzerkrankungen“ hat das Ziel, die Mechanik der Mikrodomänen im Hinblick auf kardiovaskuläre Erkrankungen besser zu verstehen. Forscher*innen aus Hamburg und Paris wollen daher Krankheitsmechanismen auf zellulärer und subzellulärer Ebene identifizieren und, wo bereits bekannt, besser verstehen. So soll die Entwicklung spezifischer Herzmedikamente ermöglicht werden, die auf die Funktion der jeweils betroffenen Mikrodomäne zugeschnitten sind und somit zielgerichteter als bislang wirken könnten. (Universität Hamburg, Professor Dr. Viacheslav Nikolaev; Kooperationspartner: Universität Paris-Saclay, Frankreich)

Das deutsch-australische IGK „Reparaturkulturen“ schlägt eine Brücke zwischen westlichen und indigenen Wissens- und Kulturkontexten. Den klassisch modernen Begriffen „Fortschritt“ oder auch „Innovation“ setzen die Wissenschaftler*innen den Begriff „Repair“ entgegen. Damit wollen sie bestehende Narrative kritisch hinterfragen und eine konstruktive, zukunftsorientierte Perspektive für die Forschung unter anderem der Postcolonial Studies, World Literatures, Indigenous Colonial Studies, der Globalgeschichte, Medienwissenschaft, Science and Technology Studies und der Environmental Humanities eröffnen. Der Reparatur-Begriff wird dabei nicht bloß programmatisch gesetzt, sondern ebenso theoretisch differenziert und inhaltlich begründet. (Universität Potsdam, Sprecherin: Professorin Dr. Anja Schwarz; Kooperationspartner: University of Melbourne, Australien)

Die für eine weitere Förderperiode verlängerten GRK

(in alphabetischer Reihenfolge ihrer Sprecherhochschulen, unter Nennung der Sprecher*innen sowie der weiteren antragstellenden Hochschulen und der Kooperationspartner, mit Verweisen auf die Projektbeschreibungen in der DFG-Internetdatenbank GEPRIS zur laufenden Förderung):

Weiterführende Informationen

Ausführliche Informationen zum Förderprogramm und zu den geförderten Graduiertenkollegs finden sich unter: www.dfg.de/gk(interner Link)

Weitere Informationen erteilen auch die Sprecher*innen der Graduiertenkollegs.

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