Wissenschaftsfreiheit schützen und stärken
Workshop der DFG-Senats-AG „Resilienz in der Wissenschaft“ mit nationalen und internationalen Expert*innen in Berlin / Vielschichtiger und engagierter Austausch über Gefährdungslagen und Handlungsoptionen / Denkanstöße für aktuell entstehendes Positionspapier
Der Schutz und die Stärkung der Wissenschaftsfreiheit angesichts mannigfacher und massiver Bedrohungen war das Thema – und das dezidierte Anliegen – eines Workshops, der am 18./19. Mai im Berliner Büro der DFG stattfand. Das hochkarätig besetzte Treffen brachte Mitglieder des Präsidiums und Senats der größten Forschungsförderorganisation und zentralen Einrichtung für die Selbstverwaltung der Wissenschaft in Deutschland mit nationalen und internationalen Expert*innen zusammen und bot einen ebenso vielschichtigen wie engagierten Austausch über aktuelle Gefährdungsszenarien und Handlungsoptionen.
Veranstaltet wurde der Workshop von der Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Resilienz in der Wissenschaft“ des Senats der DFG. Die von den DFG-Vizepräsident*innen Professorin Dr. Britta Siegmund und Professor Dr. Johannes Grave geleitete AG befasst sich seit ihrer Einsetzung im Frühjahr 2025 mit der Frage, wie die Wissenschaft und ihre Institutionen widerstandsfähiger gegen (geo-)politische Risiken gemacht werden können und wie sich die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland langfristig wirkungsvoll schützen lässt. Nach einer im März dieses Jahres veröffentlichten ersten (interner Link) bereitet sie derzeit ein umfassenderes Positionspapier zur Stärkung und Resilienz der Wissenschaften insgesamt vor, für das auch der jetzige Workshop weitere Denkanstöße erbringen sollte.
In einer Reihe von Sessions mit Impulsen auswärtiger Gäste, denen sich jeweils engagierte Diskussionen anschlossen, warf der Workshop einen vertieften und weiter vertiefenden Blick auf vor allem drei Facetten seines Themas:
Bereits die erste Session zeigte, dass Wissenschaftsfreiheit weit über die Wissenschaft hinaus von Belang und ihr Schutz und ihre Stärkung alles andere als eine pro domo-Angelegenheit der Wissenschaft ist. Moderiert von Professor Dr. Georg Duda von der Berliner Charité – der wie alle Moderator*innen des Treffens dem DFG-Senat und der AG angehört – beleuchteten der Generalsekretär des Stifterverbandes, Dr. Volker Meyer-Guckel, und Dr. Carsten Wehmeyer vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), welche Bedeutung eine freie Forschung für den Innovations- und Technologiestandort Deutschland hat, welchen neuen Anforderungen sich die Wissenschaft im Innovationssystem stellt und welche Risiken für die Innovationskraft und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit entstehen, wenn Wissenschaftsfreiheit unter Druck gerät.
Mit den ganz konkreten Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland befasste sich die zweite Session des Workshops, die von Professorin Dr. Heike Krieger von der Freien Universität (FU) Berlin moderiert wurde. Ausgangspunkt war hier eine verfassungsrechtliche Einordnung von Professor Dr. Christoph Möllers, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Berliner Humboldt-Universität, der in den vergangenen Jahren auch als Prozessvertreter vor dem Bundesverfassungsgericht den Bundestag und Bundesrat sowie die Bundesregierung vertreten hat. Die Analyse des Leibniz-Preisträgers der DFG und der anschließende Austausch zeichneten ein präzises Bild von autoritär-populistischen legislativen Vorstößen sowie Wahl- und Regierungsprogrammen, in denen mit strategischer Zielstrebigkeit die Kontrolle über das Wissenschaftssystem angestrebt wird, aber auch von subtileren Formen der Einflussnahme auf Forschung und Lehre.
Dass Resilienz den Blick über nationale Grenzen hinaus braucht – und wie sehr sie von diesem profitiert –, verdeutlichte die von Professor Dr. Ralf Ludwig von der Universität Rostock moderierte dritte Session. In ihr berichteten Professorin Dr. Shalini Randeria, die heute an der Universität Bremen tätige frühere Rektorin und Präsidentin der Central European University in Wien, und Professorin Kathrin Zippel, PhD, Einstein-Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Gender Studies an der FU Berlin, von Erfahrungen mit politischem Druck auf Wissenschaft und Hochschulen in Ungarn und in den USA. Ihre Schilderungen aus erster Hand machten konkret, welche Mechanismen der Einflussnahme dort griffen und welche Gegenstrategien sich als wirksam erwiesen.
Diese Impulse und Diskussionen boten nicht zuletzt auch weitere Hinweise für das aktuell entstehende Positionspapier der DFG-Senats-AG. Dieses soll Maßnahmen zur Stärkung der politischen, juristischen und institutionellen Resilienz des deutschen Wissenschaftssystems skizzieren und dabei auch einen besonderen Blick auf das Förderhandeln der DFG werfen.