Datentracking in der Wissenschaft
Offene und vertrauenswürdige wissenschaftliche Informationsinfrastrukturen sind eine wesentliche Voraussetzung für die digitale Wissenschaftskommunikation. Sie ermöglichen den Zugang zu Publikationen, Forschungsdaten und weiteren wissenschaftlichen Informationsressourcen und begleiten zunehmend den gesamten Forschungs- und Publikationsprozess. Mit ihrer Nutzung entstehen zugleich umfangreiche Daten über wissenschaftliche Arbeits- und Kommunikationsprozesse.
Die Erhebung, Verknüpfung und Auswertung dieser digitalen Nutzungsspuren – häufig als Datentracking bezeichnet – gewinnt damit zunehmend an Bedeutung. Die DFG hat diese Entwicklung frühzeitig aufgegriffen und gestaltet die Diskussion gemeinsam mit wissenschaftlichen Bibliotheken, Forschenden, Wissenschaftseinrichtungen und weiteren Partnern aktiv mit. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Transparenz, des Datenschutzes, der wissenschaftlichen Selbstbestimmung sowie der digitalen Souveränität. Ziel ist es, das Vertrauen in wissenschaftliche Informationsinfrastrukturen zu stärken und ihre Gestaltung an den Werten einer offenen und verantwortungsvollen Wissenschaft auszurichten.
Datentracking als Thema der DFG
Die Digitalisierung verändert die wissenschaftliche Informationsversorgung grundlegend. Wissenschaftliche Verlage und andere Informationsanbieter stellen heute nicht mehr ausschließlich Publikationen bereit, sondern bieten zunehmend Plattformen, Analysewerkzeuge und weitere digitale Dienste an, die den gesamten Forschungszyklus begleiten. Dabei entstehen Nutzungsdaten, die wertvolle Erkenntnisse über wissenschaftliche Arbeits- und Kommunikationsprozesse ermöglichen können. Gleichzeitig wirft diese Entwicklung Fragen danach auf, wer diese Daten erhebt, wie sie verarbeitet werden, wofür sie genutzt werden und wie Transparenz sowie wissenschaftliche Selbstbestimmung gewährleistet werden können.
Die DFG hat die wissenschaftspolitische Bedeutung dieses Prozesses früherkannt. Einen wesentlichen Impuls setzte der Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme (AWBI), der sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung wissenschaftlicher Informationsinfrastrukturen auf Transparenz, wissenschaftliche Selbstbestimmung und Datenschutz befasste. Mit dem Informationspapier „Datentracking in der Wissenschaft – Aggregation und Verwendung bzw. Verkauf von Nutzungsdaten durch Wissenschaftsverlage“ (2021) hat der AWBI die wissenschaftspolitische Diskussion über Datentracking angestoßen und für die Auswirkungen der Digitalisierung wissenschaftlicher Informationsinfrastrukturen sensibilisiert.
Datentracking ist damit nicht allein eine Frage des Datenschutzes. Es berührt grundlegende Aspekte der Gestaltung vertrauenswürdiger wissenschaftlicher Informationsinfrastrukturen und damit die Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Kommunikation im digitalen Zeitalter. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Fragen nach Transparenz bei der Datenerhebung, der informationellen Selbstbestimmung von Forschenden, dem verantwortungsvollen Umgang mit wissenschaftsbezogenen Nutzungsdaten sowie der digitalen Souveränität wissenschaftlicher Einrichtungen. Zum Informationspapier des AWBI: Datentracking in der Wissenschaft (2021) ((Download) I (Download))
Datentracking in den DEAL-Verhandlungen
Die Empfehlungen des AWBI wurden im Rahmen des Projekts (externer Link) aufgegriffen. In den Verhandlungen mit den großen Wissenschaftsverlagen wurden Datenschutz- und Datentracking-Aspekte erstmals systematisch in nationale Open-Access-Transformationsverträge eingebracht. Eine gemeinsame Expertengruppe von AWBI und DEAL entwickelte hierzu Empfehlungen für die Vertragsgestaltung und begleitete die Verhandlungen.
Ein wichtiges Ergebnis war die erstmalige Aufnahme eines eigenständigen Abschnitts zu Datenschutz und Datentracking („Data Privacy“) in die DEAL-Verträge. Damit wurden Anforderungen an Transparenz und den Umgang mit wissenschaftsbezogenen Nutzungsdaten erstmals ausdrücklich Bestandteil nationaler Transformationsverträge. Auch wenn die vereinbarten Regelungen aus Sicht der Wissenschaft nicht alle Herausforderungen lösen, schufen sie einen wichtigen Präzedenzfall für zukünftige Lizenz- und Vertragsverhandlungen. Die Verhandlungen stießen auch international auf Interesse und verdeutlichen, dass Fragen des Datentracking und der digitalen Souveränität zunehmend als Bestandteil wissenschaftspolitischer Vertragsgestaltung verstanden werden.
Aufbauend auf diesen Vereinbarungen fanden Workshops mit den DEAL-Wissenschaftsverlagen statt. Ziel war es, Datenschutz- und Datentracking-Aspekte auf operativer Ebene zu diskutieren und Transparenz über konkrete Tracking-Praktiken sowie Datenverarbeitungsprozesse zu schaffen. Die Workshops verdeutlichten, dass Datenschutz und Transparenz nicht allein Gegenstand vertraglicher Regelungen sind, sondern einen kontinuierlichen Dialog darüber erfordern, wie wissenschaftliche Informationsinfrastrukturen – einschließlich der von Verlagen und anderen Informationsanbietern betriebenen Plattformen und Dienste – im Einklang mit den Anforderungen und Werten der Wissenschaft gestaltet werden können.
- Altschaffel et al. (2024): Datentracking und DEAL – Zu den Verhandlungen 2022/2023 und den Folgen für die wissenschaftlichen Bibliotheken ((externer Link) I (externer Link))
- (Download)
Datentracking, Künstliche Intelligenz und Open Access
Mit dem zunehmenden Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) gewinnen Herkunft, Qualität und Nutzung wissenschaftlicher Daten zusätzlich an Bedeutung. KI-Systeme können große Mengen an Nutzungsdaten analysieren und daraus neue Dienste oder wissenschaftliche Auswertungen ableiten. Umso wichtiger ist Transparenz darüber, welche Daten verwendet werden, unter welchen Bedingungen sie erhoben wurden und wie KI-gestützte Ergebnisse entstehen.
Vertrauen in KI setzt daher Vertrauen in die zugrunde liegenden Daten und die digitalen Informationsinfrastrukturen voraus, mit deren Hilfediese verarbeitet werden. Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind zentrale Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Einsatz datenbasierter Technologien in der Wissenschaft.
Auch für Open Access ergeben sich daraus neue Fragestellungen. Neben dem offenen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen rückt zunehmend der verantwortungsvolle Umgang mit den bei ihrer Nutzung entstehenden Daten in den Fokus. Offene Wissenschaft umfasst daher nicht nur den freien Zugang zu Wissen, sondern auch transparente und vertrauenswürdige Rahmenbedingungen für dessen digitale Nutzung.
Aktuelle Aktivitäten
Die DFG befasst sich weiterhin mit den wissenschaftspolitischen Fragestellungen rund um das Datentracking. Gemeinsam mit Partnern aus der Allianz der Wissenschaftsorganisationen werden derzeit Empfehlungen für den Umgang mit Datentracking in wissenschaftlichen Bibliotheken sowie bei Lizenz- und Vertragsverhandlungen erarbeitet. Ziel ist es, wissenschaftliche Einrichtungen dabei zu unterstützen, Datenschutz, Transparenz und ethische Anforderungen bei der Gestaltung digitaler Informationsinfrastrukturen zu berücksichtigen und den verantwortungsvollen Umgang mit wissenschaftsbezogenen Nutzungsdaten weiter zu stärken.
Datentracking – kurz erklärt
Datentracking bezeichnet die Erhebung, Verknüpfung und Auswertung von Daten, die bei der Nutzung digitaler Informationsangebote entstehen. Im wissenschaftlichen Kontext können hierzu beispielsweise Suchanfragen, Downloads oder weitere Interaktionen mit Publikations- und Informationsplattformen gehören. Problematisch wird Datentracking insbesondere dann, wenn Nutzungsdaten über verschiedene Dienste hinweg zusammengeführt, durch Drittanbieter weiterverarbeitet oder mit anderen Datenbeständen verknüpft werden. Dadurch können Daten in umfassende digitale Datenökosysteme einfließen und Nutzungsprofile entstehen, die für Forschende weder transparent noch kontrollierbar sind.
Im Mittelpunkt der wissenschaftspolitischen Diskussion stehen insbesondere Fragen
- der Transparenz bei der Erhebung und Nutzung wissenschaftsbezogener Daten,
- der informationellen Selbstbestimmung von Forschenden,
- der wissenschaftlichen Vertraulichkeit und Freiheit,
- der digitalen Souveränität wissenschaftlicher Einrichtungen sowie
- des Vertrauens in digitale wissenschaftliche Informationsinfrastrukturen.
Vertrauenswürdige digitale Informationsinfrastrukturen sind eine wesentliche Grundlage für eine offene und leistungsfähige Wissenschaft. Damit Forschende diese Infrastrukturen selbstbestimmt nutzen können, müssen Transparenz, Datenschutz und der verantwortungsvolle Umgang mit wissenschaftsbezogenen Nutzungsdaten ebenso selbstverständlich sein wie der freie Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Die DFG wird sich daher auch künftig gemeinsam mit ihren Partnern dafür einsetzen, dass der Umgang mit Nutzungsdaten sowie der Einsatz datenbasierter Technologien im Einklang mit den Werten einer offenen, verantwortungsvollen und wissenschaftsgeleiteten Wissenschaftskommunikation erfolgen.