Reallabore in der Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungsforschung: Wie sie gestaltet werden können
DFG-Senatskommission empfiehlt unterstützende Rahmenbedingungen / Langfristige Förderung, neue Anreizsysteme und gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Finanzierung gefordert
Vom Acker bis zum Teller: Der Weg hin zu unserer Nahrung verläuft entlang einer langen Wertschöpfungskette. Wie können Wissenschaft und Praxis in den Agrar- und Ernährungssystemen in Zukunft besser zusammenarbeiten? Ein möglicher Ansatz sind Reallabore, in denen verschiedene Akteure in einem experimentellen Umfeld miteinander kooperieren und voneinander lernen. Die Ständige Senatskommission Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen (SKAE) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) skizziert in einer nun veröffentlichten Stellungnahme, welche Rahmenbedingungen für den erfolgreichen Einsatz von Reallaboren notwendig sind.
Die Wissenschaftler*innen empfehlen darin insbesondere, die Einrichtung und Finanzierung von Reallaboren langfristig anzulegen, damit die dort stattfindende Forschung effizient und erfolgreich sein kann. Zudem könne die Finanzierung von Reallaboren nicht primär aus den bestehenden Förderstrukturen für wissenschaftliche Projekte geleistet werden – sondern sollte als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden und entsprechend konzipiert werden.
Reallabore sind eine Form der Kooperation verschiedener Akteure, beispielsweise aus der Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, aus einzelnen Berufs- und Interessengruppen oder der Zivilgesellschaft. Die Idee dahinter: gemeinsam Probleme zu identifizieren und Lösungswege zu erarbeiten. Ein wichtiges Charakteristikum ist dabei das Co-Design der Forschung durch die beteiligten wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Akteure. Reallabore werden bereits in diversen Bereichen des Zusammenwirkens von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft eingesetzt und sind dort zum Teil schon länger etabliert, beispielsweise im Bereich der Mobilität, der nachhaltigen Stadtentwicklung oder beim Einsatz von Robotik in der Pflege.
Lücke zwischen Grundlagenforschung und Praxis schließen
Auch in den Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungssystemen entstehen in Deutschland und Europa zunehmend netzwerkartige Reallabor-Initiativen. In der Landwirtschaft widmen sie sich zum Beispiel der Frage, wie Leguminosen, also Hülsenfrüchte, stärker in die Anbaupraxis integriert und als „Nischenkulturen“ auf deutschen Märkten vermarktet werden können. Ein anderes Beispiel findet sich im Ernährungsbereich, wo Expert*innen die Chancen und Herausforderungen von verstärkt nachhaltigen beziehungsweise gesunden Ernährungsumgebungen in Kitas, Schulen oder Krankenhäusern untersuchen. Dabei bearbeiten sie unter anderem Fragestellungen zu Akzeptanz, Kosten-Nutzen-Analysen oder Krankheitsprävention.
„Reallabore können dabei helfen, eine Lücke zwischen der Grundlagenforschung und der Praxis zu schließen und den besonderen systemischen Herausforderungen des Wissenschaftsfelds umfassender gerecht zu werden. Dabei darf das klassische Feldversuchswesen nicht außer Acht gelassen werden“, sagt die Vorsitzende der SKAE, Professorin Dr. Doris Vetterlein vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).
In ihrer Stellungnahme legt die Kommission dar, dass die Umsetzung von Reallaboren in Agrar- und Ernährungssystemen mit vielfältigen Herausforderungen verbunden ist. Dazu zählen vor allem die unterschiedlichen Interessen und Ressourcen der Akteure, hemmende rechtliche und administrative Rahmenbedingungen und ein hoher Aufwand für Koordination, Kommunikation und Vertrauensbildung. „Kurzfristige Projektlaufzeiten und die üblichen wissenschaftlichen Anreizsysteme etwa erweisen sich als wenig geeignet für Reallabore“, sagt Professorin Dr. Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda und stellvertretende Vorsitzende der SKAE.
Die Kommission wirbt daher dafür, die bestehenden wissenschaftlichen Rahmenbedingungen, Anreizsysteme und Ausbildungsstrukturen in den Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften generell zu stärken und zu erweitern. „Damit wäre gewährleistet, dass die aufwendige Arbeit in Reallaboren angemessene Anerkennung findet“, so Rückert-John weiter.
Gemeinsame Entwicklung innovativer Ansätze
Eine weitere Herausforderung bei der Umsetzung von Reallaboren betrifft die Methodik, denn naturwissenschaftliche Grundlagenforschung muss mit dem offenen, explorativen Charakter von Experimenten in Reallaboren vereint werden. Gelingt dies, können Reallabore einen Mehrwert bieten: Während kontrollierte Experimente grundlegende Mechanismen aufdecken, ermöglichen Reallabore die gemeinsame Entwicklung und Erprobung innovativer Ansätze und fördern gemeinsame Lernprozesse.
Die SKAE empfiehlt, die Einrichtung und Finanzierung von Reallaboren langfristig anzulegen, und zwar mit einer Förderdauer von mindestens zehn Jahren. „Solche langfristigen Förderperspektiven werden benötigt, um Vertrauen zwischen den beteiligten Akteuren aufzubauen und die erforderlichen Strukturen einzurichten“, unterstreicht Vetterlein. Die Finanzierung und Förderung von Reallaboren könne entsprechend nicht primär aus den bestehenden Förderstrukturen für wissenschaftliche Projekte geleistet werden, sondern sollte von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesamtgesellschaft gleichermaßen getragen werden.
Laut dem Papier können Erkenntnisse der Grundlagenforschung und die Arbeit in Reallaboren produktiv ineinandergreifen: Durch die Berücksichtigung realweltlicher Kontexte etwa eröffnet die Grundlagenforschung neue Anknüpfungspunkte für innovative Ansätze in Reallaboren. „Reallabore sind als zentraler Baustein integrierter Systemforschung und Erweiterung der Forschungslandschaft zu sehen, die zur Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen beitragen können“, resümiert Doris Vetterlein.
Die Ständige Senatskommission Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen
Die Senatskommission wurde vom Senat der DFG zum 1. Januar 2024 eingerichtet. Der Schwerpunkt der Ständigen Senatskommission Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen (SKAE) liegt in der Beratung verschiedener Zielgruppen aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu Entwicklungen, die im Zusammenhang mit anstehenden Transformationen in den Agrar- und Ernährungssystemen stehen. Die derzeit 18 Mitglieder der Senatskommission sind Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen der Agrar- und Ernährungswissenschaften sowie benachbarter Fachgebiete. Hinzu kommen Ständige Gäste aus verschiedenen deutschen Forschungsinstitutionen.
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