Zur Resilienz von Forschungsdateninfrastrukturen
Ad-hoc-AG des Senats der DFG beschreibt aktuelle Risiken und formuliert Empfehlungen an Forscher*innen, Fachgesellschaften und Wissenschaftspolitik für gemeinsames Handeln
Wissenschaftliche Daten bilden heute das Fundament nahezu aller wissenschaftlichen Disziplinen. Aus Sicht der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist der freie Zugang zu verlässlichen Forschungsdaten zentrale Voraussetzung für eine freie Wissenschaft, von der Grundlagenforschung bis hin zur praktischen Anwendung. Mit der fortschreitenden Digitalisierung, der Nutzung internationaler Clouds und der Automatisierung von Analyseprozessen wächst jedoch auch die Abhängigkeit von digitalen Infrastrukturen, die diese Daten speichern, verarbeiten und bereitstellen. Forschungsdaten sind damit längst nicht mehr Begleitprodukte wissenschaftlicher Arbeit, sondern zentrale Ressourcen von strategischer Bedeutung für Forschung, Innovation und Wissenssouveränität.
Gleichzeitig steigt ihre Verwundbarkeit: Cyberangriffe, institutionelle Krisen, ideologisch motivierte Förderentscheidungen sowie geopolitische Spannungen insgesamt können zur Manipulation von Daten, zu massiven Datenverlusten oder auch zum Verlust des Zugangs zu Daten führen. Exemplarisch können hier weltweit genutzte Strukturen wie die an den National Institutes of Health (NIH) angesiedelte GenBank (Datenbank mit Gensequenzdaten), die ebenfalls an den NIH angesiedelte Publikationsdatenbank PubMed oder Datenressourcen der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) genannt werden, aber auch Satellitenprogramme, die für die Klima- und Umweltforschung von großer Relevanz sind.
Einschränkungen dieser Art – wie auch anderer Aspekte der akademischen Freiheit – sind derzeit weltweit zu beobachten.
Viele für die Forschung relevante Datenbestände sind vulnerabel, wenn sie zum Beispiel ohne ausreichende Redundanz vorgehalten werden, weil der Zugriff auf Repositorien im Ausland massiv eingeschränkt werden kann, Regularien für die weitere Verwendung von Daten rechtlich unzureichend geklärt sind oder nachhaltige Sicherungskonzepte fehlen. Weitere Risiken wie etwa Lock-In-Effekte können zudem aus Abhängigkeiten auch von kommerziellen Anbietern resultieren. Damit rücken – neben einem offenen Zugang – Fragen nach Resilienz, Souveränität und nachhaltiger Sicherung in den Fokus.
Aktuelle Initiativen und politische Diskussionen gewinnen daher derzeit erheblich an Gewicht. So ist das Sichern von gefährdeten Datenbeständen im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbart. Zudem wird das Thema Forschungsdatensicherung in mehreren Kleinen Anfragen im Deutschen Bundestag aufgegriffen, in denen unter anderem Strategien gegen strukturelle Abhängigkeiten gefordert werden. Ausführliche Diskussionen in der Allianz der Wissenschaftsorganisationen haben im Jahr 2025 den Weg zu einer neuen, aus Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technik und Raumfahrt (BMFTR) finanzierten und von der DFG administrierten Förderinitiative geebnet, die auf die Sicherung gefährdeter Datenbestände, den Aufbau von technischen und organisatorischen Redundanzen sowie die Einbindung in nationale und europäische Netzwerke zielt. Dieser parallele Ansatz – parlamentarische Aufmerksamkeit und förderpolitischer Impuls – verdeutlicht, dass die Redundanz, Zugänglichkeit und Governance von Forschungsdateninfrastrukturen als strategische Herausforderungen für Wissenschaft und Politik verstanden werden.
Bereits laufende Initiativen wie die Konsortien der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) oder die European Open Science Cloud (EOSC) bieten wichtige Aufsatzpunkte für die weitere Ausgestaltung einer resilienten Dateninfrastruktur. Offen bleibt jedoch, wie Verbundstrukturen, Redundanzsysteme und rechtliche Zuständigkeiten dauerhaft im europäischen Rechtsrahmen verbleiben, finanziert und koordiniert werden können.
Ziel ist die Gestaltung einer resilienten, souveränen und interoperablen Forschungsdatenlandschaft, die nicht nur technische Datensicherung von internationaler Relevanz gewährleistet, sondern Offenheit und Sicherheit zugleich ermöglicht.
Diesen Aspekten hat sich die im Frühjahr 2025 für zunächst zwei Jahre etablierte Senats-Arbeitsgemeinschaft zu „Resilienz in der Wissenschaft“ gewidmet. Die AG ist als interdisziplinäres Austauschforum konzipiert und besteht aus Mitgliedern des Senats und des Präsidiums der DFG. Sie versteht sich als Anlaufstelle für Fachgesellschaften und wissenschaftliche Akteure und verfolgt derzeit aktuelle Debatten, Formen der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit und zukunftsrelevante Lösungsansätze. Für eine Stärkung der „Infrastrukturellen Resilienz“ appelliert die AG an Forscher*innen, wissenschaftliche Fachgesellschaften und Wissenschaftspolitik, sich die nachstehenden Empfehlungen zu eigen zu machen:
1. Wissenschaftler*innen und Fachgesellschaften sollten gemeinsam agieren.
- Wissenschaftler*innen sollten adäquat mit ihren eigenen Forschungsdaten umgehen, indem sie disziplinspezifische Standards zur Beschreibung der Daten sowie überregionale Infrastrukturen für deren qualitätsgesicherte Archivierung und Kuratierung nutzen und so die Anschlussfähigkeit von Datenbeständen in geeigneter Weise sichern helfen.
- Mit dem reflektierten Einsatz von Open-Source-Produkten europäischer Herkunft können Forscher*innen selbst dazu beitragen, die Abhängigkeiten von kommerziellen Produkten zu reduzieren und so zu einer umfassenderen digitalen Souveränität zu kommen.
- Wissenschaftliche Fachgesellschaften und Fachverbände sollten Allianzen bilden, um in engem Austausch auch mit den europäischen Pendants in Bezug auf Fragen zu Abhängigkeiten und Gefährdungen der für das jeweilige Fach relevanten Datenbestände und -infrastrukturen sprechfähig zu werden.
- Fachgesellschaften und Fachverbände sollten sich auch mit den fachlich einschlägigen Infrastruktureinrichtungen eng abstimmen, um gegebenenfalls konkrete Maßnahmen zum Aufbau einer resilienten Dateninfrastruktur zu definieren.
2. Forschungseinrichtungen und die Wissenschaftspolitik sollten Infrastrukturen auf Dauer sichern.
- Die Finanzierung der Forschungsdateninfrastruktur sollte in zentralen Bereichen als Teil der Daseinsvorsorge und damit als nationale Kernaufgabe begriffen werden, die nicht ausschließlich privaten oder wettbewerblichen Akteuren überlassen werden darf.
- Es bedarf daher einer dauerhaften Finanzierung für resiliente, langfristig angelegte europäische/internationale Dateninfrastrukturen.
- Ein erster Schritt hin zu resilienten Dateninfrastrukturen sollte die Verstetigung bereits aufgesetzter Maßnahmen (zum Beispiel der Förderinitiative für die Sicherung gefährdeter Datenbestände und zur Datenresilienz) sein.
- Die Finanzierung einer resilienten Dateninfrastruktur sollte weder auf eine einzige Förderorganisation noch auf einen einzelnen europäischen Nationalstaat konzentriert werden. Es müssen tragfähige Modelle für die kooperative, insbesondere länderübergreifende (europäische und internationale) Finanzierung einer resilienten Dateninfrastruktur ausgearbeitet werden. In diesem Sinne sollte nicht nur das BMFTR, sondern auch andere Ressorts und nach Möglichkeit ebenso weitere Akteure wie etwa private Stiftungen zur Finanzierung einer resilienten Dateninfrastruktur beitragen.
- Dateninfrastrukturen können ihre Funktion für Wissenschaft und Gesellschaft nur erfüllen, wenn Personal mit besonderer Expertise im Softwareengineering, in der Datenkuratierung und in der IT-Administration dauerhaft zur Verfügung steht.
- Die Entwicklung eigener Karrierepfade im Infrastrukturbereich ist auch deshalb weiter zu forcieren, um der drohenden Abwanderung von hoch qualifiziertem Personal aus der Wissenschaft in die Industrie zu begegnen.
Kontakt
| E-Mail: | Anne.Brueggemann@dfg.de |
| Telefon: | +49 (228) 885-2213 |
| E-Mail: | Kathrin.Kohs@dfg.de |
| Telefon: | +49 (228) 885-2935 |