Neuer DFG-Vertrauenswissenschaftler für Zentralasien: Ein Interview mit Dr. Peter Liebelt
Die DFG setzt sich bereits seit einiger Zeit für den Ausbau der Wissenschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Zentralasien ein – Gründe dafür sind das in der Region steigende Potenzial für die Wissenschaft sowie ihre Relevanz für die Bearbeitung globaler Forschungsfragen. Allein im vergangenen Jahr führte die DFG zahlreiche Aktivitäten in Zentralasien und Reisen in die Region durch. Dieses Engagement wird nun vor Ort in Almaty durch einen DFG-Vertrauenswissenschaftler, Dr. Peter Liebelt von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Leiter des Central Asia Sustainable Innovation Bureau, unterstützt. Im Interview spricht er über die Chancen, die sein neues Amt mit sich bringt.
Dr. Peter Liebelt
© CASIB
DFG: Lieber Herr Liebelt, wir freuen uns sehr, Sie als Vertrauenswissenschaftler für die DFG in Zentralasien gewonnen zu haben. Sie sind ja bereits seit einigen Jahren in der Region verankert und widmen sich dem Ausbau der Kooperation zwischen Deutschland und den zentralasiatischen Ländern in der Wissenschaft. Warum ist Zentralasien für die deutsche Wissenschaft interessant und warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass die DFG sich in Zentralasien engagiert?
Peter Liebelt: Lassen Sie mich mit einem großen Dankeschön für das entgegengebrachte Vertrauen und Interesse an der Zusammenarbeit beginnen. Ich freue mich, die DFG in der Region Zentralasien unterstützen zu dürfen. Bereits über die letzten Jahre hat sich mit der DFG eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu Zentralasien entwickelt, die mit meiner Funktion als Vertrauenswissenschaftler nun weiter gestärkt wird.
Die Region Zentralasien mit den fünf Ländern Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan bietet deutschen Forschenden einmalige Möglichkeiten:
Die naturräumliche Vielfalt, von den Halbwüsten über die Steppengebiete bis zum Hochgebirge, einhergehend mit den aktuellen globalen Herausforderungen, wie zum Beispiel extreme Witterungsbedingungen im Zuge des Klimawandels, und gesellschaftliche wie auch wirtschaftliche Transformationsprozesse machen Zentralasien zu einem besonders geeigneten Untersuchungsgebiet für zahlreiche Forschungsfragen im Kontext der derzeitigen internationalen Nachhaltigkeits- und Transformationsdebatte. Oft hilft aber auch der Blick zurück zum Verständnis aktueller Prozesse. Mit seinen bis in die Bronzezeit zurückreichenden zivilisatorischen Wurzeln ist Zentralasien eine wichtige Region für die Archäologie. Zahlreiche Ausgrabungen bringen immer wieder spektakuläre neue Entdeckungen zutage.
Zu den vielen thematischen Anknüpfungspunkten kommt hinzu, dass sich Universitäten und Forschungsinstitute zurzeit dynamisch entwickeln und großes Interesse an internationaler Kooperation besteht. Diese Kombination macht die Region zunehmend attraktiv für die deutsche Wissenschaftsgemeinschaft.
DFG: Und was hat Sie persönlich nach Kasachstan geführt?
Peter Liebelt: Mich fasziniert der gesamte postsowjetische Raum schon seit vielen Jahren – persönlich, aber natürlich vor allem auch fachlich. Die Region war aber, und ist vielleicht noch immer, für viele nicht so leicht zugänglich. Daran wollte ich etwas ändern. Und so bin ich 2018 zur Unterstützung der Forschungszusammenarbeit zwischen Deutschland und den zentralasiatischen Ländern (und Mongolei) nach Almaty gezogen, um vor Ort aktiv sein zu können. Hier leite ich die Auslandsrepräsentanz der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) in Kasachstan sowie das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) finanzierte Kontaktbüro, das Central Asia Sustainable Innovation Bureau (CASIB). Zuvor war ich für die MLU in verschiedenen Forschungsprojekten der DFG, des BMFTR sowie der VolkswagenStiftung zum postsowjetischen agrarischen Landnutzungswandel und dessen Einfluss auf Bodendegradationsprozesse in Russland tätig. In dieser Zeit konnte ich viel Erfahrung in der interkulturellen Zusammenarbeit sammeln, was mir beim Aufbau der Auslandsrepräsentanz der MLU in Kasachstan und des CASIB sehr geholfen hat.
In den letzten Jahren hat sich in der Forschungslandschaft der Region sehr viel zum Positiven entwickelt. Der Ausbau der Forschungskapazitäten an den Universitäten, vor allem in Kasachstan und Usbekistan, führt mittlerweile zu einem merklichen Wachstum der Forschungsqualität und eröffnet neue Möglichkeiten für Kooperation. Mit der erst 2023 geschlossenen strategischen Regionalpartnerschaft zwischen Deutschland und den zentralasiatischen Staaten sowie der EU-Zentralasienstrategie und anderen strategischen Papieren ist ein guter Rahmen geschaffen, um Forschungskooperationen mit Zentralasien weiter zu stärken. Seit 2018 hat unser Büro zahlreiche Forschungsvorhaben unter deutscher Leitung in Zentralasien begleitet. Hierzu gehören 15 BMFTR-finanzierte Projekte der CLIENT-II-Fördermaßnahme „Internationale Partnerschaften für nachhaltige Innovationen“ im Rahmen der BMFTR-FONA Initiative. Das erfolgreiche Abschneiden der zentralasiatischen Länder in dem weltweiten Wettbewerb im Rahmen von CLIENT II war eine positive Überraschung und zeigt nochmal, was für ein großes und oftmals unterschätztes Forschungspotenzial in der Region vorhanden ist. In den Projekten stand die Frage nach neuen Wegen für einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen im Fokus. Neben Forschungskooperationen unterstützt die Auslandsrepräsentanz der MLU zahlreiche Instituts- und Hochschulpartnerschaften. Diese bilden mit der Förderung von Forscher*innen in frühen Karrierephasen die Grundlage für weitergehende Forschungsaktivitäten. Hervorzuheben sind hierbei Kooperationen der MLU im Rahmen des „Zentrums für Deutsches Recht“ an der Maqsut Narikbayev University (MNU) in Astana, mit dem Turkmenischen Nationalinstitut für Weltsprachen „Azadi“ in Aschgabat oder auch der Usbekischen Staatlichen Universität Urgench zu geoökologischen Fragestellungen.
DFG: Das sind hervorragende Beispiele einer fruchtbaren Arbeit! Wir haben bereits eindrücklich erlebt, dass Sie sich als Leiter des CASIB vor Ort einen Namen gemacht haben. Könnten Sie noch ein bisschen mehr über die Aufgaben und Ziele des Büros erzählen?
InnoWeek in Taschkent 2024
© CASIB
Peter Liebelt: Unser Büro, bestehend aus meinen beiden Kolleginnen Assiya Sagymbay und Raushan Amanzholova und mir, wurde 2018 mit Mitteln des BMFTR, damals noch BMBF, zur Intensivierung der Wissenschafts- und Forschungskooperation zwischen deutschen und zentralasiatischen Partnern gegründet. Im Vordergrund stehen dabei die Bildung und der Ausbau nachhaltiger internationaler Wissens- und Innovationsnetzwerke und die Verbesserung des Zugangs zu Forschungsressourcen und -netzwerken in der Region. Dies trägt zur Erhöhung der Sichtbarkeit deutscher Forschungsexzellenz und zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft bei. Hierfür organisieren wir regelmäßige Regionalkonferenzen und nehmen an Messeveranstaltungen teil.
CASIB-Regionalkonferenz in Almaty 2024
© CASIB
Eine weitere wichtige Aufgabe besteht darin, das BMFTR über aktuelle Entwicklungen in der Forschungslandschaft Zentralasiens zu informieren. Hierzu stehen wir in einem engen Austausch mit den Förder-, Mittlerorganisationen sowie Universitäten in Zentralasien und unterstützen die Vorbereitung und Durchführung von Delegationsreisen deutscher Fördereinrichtungen.
DFG: Und wie möchten Sie als Vertrauenswissenschaftler konkret die Aktivitäten der DFG vor Ort unterstützen? Was motiviert und überzeugt Sie, sich in dieser Funktion einzusetzen?
Besichtigung eines Forschungslabors an der Kasachischen Nationalen Universität 2025 im Rahmen einer DFG-Delegationsreise
© CASIB
Besichtigung eines Forschungslabors an der Kasachischen Nationalen Universität 2025 im Rahmen einer DFG-Delegationsreise
© CASIB
Peter Liebelt: Da wir mit CASIB die gesamte deutsche Wissenschaftslandschaft in Zentralasien vertreten, schließt unser Aufgabenspektrum bereits jetzt die Unterstützung der DFG vor Ort ein. Wir arbeiten hierzu seit einiger Zeit erfolgreich mit den regional zuständigen Vertreter*innen der DFG zusammen. Hierbei geht es vor allem darum, die DFG und ihre Fördermöglichkeiten in der Region bekannt zu machen. Mit der Formalisierung der Zusammenarbeit über die neu geschlossene Vereinbarung habe ich als Vertrauenswissenschaftler nun die Möglichkeit, auch offiziell in der Region für die DFG sprechen zu können. Das ist eine große Verantwortung und gleichzeitig Motivation für meine Arbeit. Mein Ziel ist es, die institutionelle Verankerung der DFG zu stärken, indem wir unsere gewachsenen Netzwerke zur Verfügung stellen und Kontakte vermitteln. Mit Blick auf die Forschenden sehe ich es als Chance, durch Beratungsleistungen die Initiierung neuer Forschungskooperationen zu unterstützen. Und natürlich freue ich mich auch, wenn wir im Rahmen von Delegationsreisen und Aktivitäten vor Ort gemeinsam aktiv werden können und ich die DFG aufgrund meiner Regionalkompetenz begleiten darf. Ich freue mich auf die gemeinsame Zusammenarbeit mit der DFG in der Region und bin überzeugt, dass wir einen wichtigen Beitrag zur Realisierung der bestehenden Kooperationspotenziale mit der Region leisten werden.
DFG: Diese Unterstützung ist in der Tat sehr wertvoll, wie wir bereits in der Vergangenheit erfahren durften. Gibt es auch schon Pläne für die nächsten Monate? Und wenn Sie sich etwas wünschen dürften für die Zukunft, was wäre Ihre Vision?
DFG-Vizepräsidentin Professorin Dr. Karin Jacobs überreicht Herrn Dr. Peter Liebelt die unterzeichnete Vereinbarung in der usbekischen Botschaft in Berlin
© DFG
DFG-Vizepräsidentin Professorin Dr. Karin Jacobs überreicht Herrn Dr. Peter Liebelt die unterzeichnete Vereinbarung in der usbekischen Botschaft in Berlin
© DFG
Peter Liebelt: Ja, das neue Jahr startet gleich mit einem Highlight. So wird DFG-Vizepräsidentin Professorin Dr. Karin Jacobs Usbekistan besuchen. Geplant ist unter anderem ein Arbeitstreffen mit Wissenschaftler*innen aus Deutschland und Zentralasien an der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Republik Usbekistan unter der Leitung des DFG-Senatsmitglieds Professor Dr. Georg Guggenberger zum Thema „One Health“ in Agrarökosystemen, welches der Vorbereitung von Kooperationsformaten dienen soll. Ein weiteres wichtiges Ereignis wird das „Matchmaking Event“ mit deutschen, kasachischen und usbekischen Forschenden im Rahmen der UDIF-HAW-Maßnahme sein.
Ich freue mich auch, dass wir die DFG aufgrund meiner neuen Funktion eng in eine Veranstaltung einbinden können, die die MLU im Februar 2026 an der Leopoldina mit Finanzierung des BMFTR organisiert. Dieses erste Deutsche Hochschul- und Wissenschaftsforum Zentralasien (DWHZ) soll einen wichtigen Beitrag zur besseren Vernetzung deutscher Akteure mit Zentralasienbezug leisten und über Kooperationsmöglichkeiten informieren.
Unsere Vision ist, Zentralasien enger in die internationale Wissenschaftslandschaft zu integrieren und diesen spannenden Forschungsraum mit seinen tollen aufgeschlossenen und neugierigen Wissenschaftler*innen der breiten Forschungscommunity bekannter zu machen. Das Vertrauen der DFG in unsere Arbeit ist eine wichtige Voraussetzung hierfür. Wir haben die Möglichkeit, über verschiedene Formate den Austausch zwischen deutschen und zentralasiatischen Wissenschaftler*innen weiter zu stärken und potenzielle Forschungspartner*innen zusammenzubringen, um letztendlich gemeinsame Forschung höchster Qualität zu fördern.
DFG: Diesen Ansatz werden wir gemeinsam mit Ihnen, lieber Herr Liebelt, vor Ort in Zentralasien umsetzen. Wir sind uns sicher, den Bedarfen aus der Wissenschaft mit Ihrer Unterstützung adäquat begegnen zu können. Vielen Dank für das Interview.