Schmuckbild: Geistes- und Sozialwissenschaften

Geschlecht und Vielfältigkeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Aus den Geistes- und Sozialwissenschaften kommen wichtige Impulse für einen reflektierten Umgang mit der Vielfältigkeit der Gesellschaft in Forschungsprojekten.

Im Leitfaden für die Antragstellung bei der DFG werden unter dem Abschnitt „Relevanz von Geschlecht und / oder Vielfältigkeit“ Antragstellende gebeten, die Rolle dieser Dimensionen für ihre jeweiligen Forschungsprojekte separat zu reflektieren und darzulegen, sofern sie relevant ist.

Die Berücksichtigung individueller und gruppenbezogener Merkmalszuschreibungen ist sozial- und zumeist auch geisteswissenschaftlicher Forschung bereits inhärent und damit in der Regel in diesem Wissenschaftsbereich keine zusätzlich zu berücksichtigende Dimension der Forschung. Mit der seit 2020 in den Antragsleitfäden gewünschten Reflexion ist für die Sozial- und Geisteswissenschaften keine Bevorzugung einer bestimmten Forschungsrichtung oder eines bestimmter thematischer Zuschnittes verbunden.

In der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung werden Merkmalszuschreibungen und soziale Kategorien, und damit Geschlecht und Vielfältigkeit, möglicherweise bereits in der Konzeptionsphase von Projekten und damit beim thematischen Zuschnitt, der Ausarbeitung des Forschungsdesigns und in der Entwicklung der Methode berücksichtigt. Daher kann das Antragskapitel „Ziele und Arbeitsprogramm“ bereits Angaben zur Relevanz von Geschlecht und Vielfältigkeit für das Forschungshaben enthalten. Im Abschnitt „Relevanz von Geschlecht und / oder Vielfältigkeit“ kann in diesen Fällen dann ggf. auf entsprechende Angaben an anderer Stelle des Antrags verwiesen werden.

Beispiele aus der Forschung

Im Folgenden werden beispielhaft Projekte vorgestellt, in denen Vielfältigkeitsaspekte auf ganz unterschiedliche Weise und auf verschiedenen Ebenen zum Tragen kommen.

Sexuelle Orientierung, ethnische Zugehörigkeit, Religion: Wie kommt es zu Hasskriminalität aufgrund bestimmter Identitätsmerkmale? Welche strafgesetzgeberischen Reformen können daraus abgeleitet werden?

Geschlecht: Was sind die Dynamiken und Dimensionen von Kriegs- und konfliktbezogener sexuelle Gewalt gegen Männer? Wie gehen männliche Überlebende (vor dem Hintergrund ihrer Konflikterfahrung) mit ihrer geschlechterbedingten Vulnerabilität um und werden (politisch) aktiv?

Sexuelle Orientierung: Welche Fehlerquellen gibt es bei der Erhebung sensitiver Merkmale (am Beispiel von LSBTIQ)? Was ist bei der Interpretation von Prävalenzschätzungen sensitiver Merkmale zu beachten?

Nationalität, Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Religion, Sprache etc.: Unter welchen Bedingungen werden Menschen nach solchen oder andren Unterscheidungen alltagsweltlich oder durch Institutionen kategorisiert, separiert oder räumlich segregiert? Welche Konstellationen und Mechanismen befördern oder verhindern die eine oder andere Form von Humandifferenzierung?

Geschlecht, Geschlechterrollen, Alter, Wohnort, religiöse und ‚ethnische‘ Gruppenzugehörigkeiten: Welche Vorstellungen und Praktiken von Kindspflegschaften gibt es in den drei untersuchten ‚ethnischen‘ Gemeinschaften? 

Vielfältigkeitsdimensionen der Forscher*innen: Neben den inhaltlich relevanten Vielfältigkeitsdimensionen kommt in der ethnologischen Feldforschung auch den Forschenden selbst eine besondere Rolle zu. In diesem konkreten Fall wurde die Wissenschaftlerin im Feld nicht nur als Forscherin, sondern auch in ihrer Rolle als Mutter wahrgenommen. Als Frau hat sie in diesem Forschungskontext oft leichteren Zugang zu Frauen und Männern, ein männlicher Forscher würde hingegen eher Zugang zu den eigenen Geschlechtsgenossen finden. Durch die Mutterschaft wird die Forscherin im Feld jedoch nicht nur als Mutter und damit auch als Erwachsene respektiert, sondern es entsteht auch eine zusätzliche Legitimation, kindheits- und elternschaftsbezogene Themen mit den Gesprächspartnern vor Ort zu diskutieren. All dies beeinflusst den Forschungsprozess und damit im Weiteren auch die Forschungsergebnisse.

Geschlecht, Herkunft und sozio-ökonomische Situation: Wie wirken sich die Bedingungen des Kriegs in der Ukraine sowie die institutionellen und rechtlichen Voraussetzungen auf die Aufnahme von ukrainischen Geflüchteten in Deutschland aus? Welche Unterschiede gibt es aufgrund unterschiedlicher Kontextbedingungen im Vergleich mit anderen Gruppen von Geflüchteten und Migrant*innen? 

Geschlecht, Geschlechterrollen/Gender: Durch kulturelle und politische Dynamiken unterliegt die Geschlechterkategorie Männlichkeit tiefgreifenden Wandlungsprozessen und steht damit zunehmend zur Disposition. Wir wirken sich die ambivalenten Wandel auf die Kunst aus?

Geschlecht und sexuellen Orientierung, Nationalität/Ethnizität, Religion: Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede gibt es in der Darstellungsform von Mehrheits- und Minderheitengruppen in den unterschiedlichen Medien? Werden Minderheiten als ähnlich oder unterschiedlich im Vergleich zur Mehrheitsgruppe konstruiert?

Geschlecht und Identität: Welche Anerkennungskonflikte produziert das Bundesverfassungsgerichtsurteil zur dritten positiven Geschlechtsoption (wie auch das neue Selbstbestimmungsgesetz)? Wie geht die katholische Kirche als gesellschaftlicher Akteur mit den Anerkennungskonflikten um? Wie kann die theologische Ethik sie produktiv bearbeiten? Welche Denkstile spielen dabei eine Rolle?

Geschlecht, soziale Herkunft, Beruf: Werden arbeitsbedingte Ursachen für psychisches Leid in der Behandlung berücksichtigt? Unterscheidet sich dies je nach Geschlecht, Annahmen über die soziale Herkunft und Vorstellungen von „normaler“ Arbeit der Patient*innen?

Geschlecht – hier: queer = einem heteronormativen Anspruch nicht entsprechende Pfarrpersonen: Ob und wie wirkt sich die Pluralisierung von Lebensformen von Pfarrer*innen auf die theologische Reflexions- und Handlungspraxis aus? 

Sexuelle Orientierung und Identität: Wie und warum werden auch Sexualität und sexuelle Identität sowie entsprechende Rechte im Kontext von staatlichen Neuordnungsprozessen neu erfunden bzw. definiert? Wie entwickelte sich die Sexualpolitik im 19. Jahrhundert bis zur Erfindung der Rechte der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität im Jahr 1969?

Richten Sie Ihre Anregungen bitte an

Postfach Vielfaeltigkeitsdimensionen
E-Mail: vielfaeltigkeitsdimensionen@dfg.de