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Geschlecht und Vielfältigkeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Aus den Geistes- und Sozialwissenschaften kommen wichtige Impulse für einen reflektierten Umgang mit der Vielfältigkeit der Gesellschaft in Forschungsprojekten.

Schmuckbild: Geistes- und Sozialwissenschaften

Im Leitfaden für die Antragstellung bei der DFG werden unter dem Abschnitt (4) „Relevanz von Geschlecht und / oder Vielfältigkeit“ Antragstellende gebeten, die Rolle dieser Dimensionen für ihre jeweiligen Forschungsprojekte separat zu reflektieren und darzulegen, sofern sie relevant ist.

Die Berücksichtigung individueller und gruppenbezogener Merkmalszuschreibungen ist sozial- und zumeist auch geisteswissenschaftlicher Forschung bereits inhärent und damit in der Regel in diesem Wissenschaftsbereich keine zusätzlich zu berücksichtigende Dimension der Forschung. Mit der nun geforderten Reflexion ist für die Sozial- und Geisteswissenschaften auch keine Bevorzugung einer bestimmten Forschungsrichtung oder bestimmter thematischer Zuschnitte verbunden.

In der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung werden Merkmalszuschreibungen und soziale Kategorien, und damit Geschlecht und Vielfältigkeit, möglicherweise bereits in der Konzeptionsphase von Projekten und damit beim thematischen Zuschnitt, der Ausarbeitung des Forschungsdesigns und in der Entwicklung der Methode berücksichtigt. Daher kann das Antragskapitel „Ziele und Arbeitsprogramm“ bereits Angaben zur Relevanz von Geschlecht und Vielfältigkeit für das Forschungshaben enthalten. Im Abschnitt „Relevanz von Geschlecht und / oder Vielfältigkeit“ kann in diesen Fällen dann ggf. auf entsprechende Angaben an anderer Stelle des Antrags verwiesen werden.

Beispiele aus der Forschung

Im Folgenden werden beispielhaft Projekte vorgestellt, in denen Vielfältigkeitsaspekte auf ganz unterschiedliche Weise und auf verschiedenen Ebenen zum Tragen kommen.

Beyond Vulnerability: Eine Exploration der Politischen Agency männlicher Überlebender kriegsbedingter sexueller Gewalt

Philipp Schulz

Die Vielfältigkeitsdimension der Geschlechter spielt für den Untersuchungsgegenstand des Projekts „Beyond Vulnerability“, das sexuelle Gewalt gegen Männer in Norduganda und Sri Lanka in den Blick nimmt, eine zentrale Rolle.

Kriegs- und konfliktbezogene sexuelle Gewalt gegen Männer tritt häufiger auf als allgemein angenommen. Nach wie vor sind diese Verbrechen auch in der Forschung jedoch nur unzureichend untersucht. Die wenigen existierenden Studien konzentrieren sich in erster Linie auf geschlechtsspezifische Verletzlichkeiten / Verwundbarkeiten und Leiden. Die männlichen Überlebenden werden dabei fast ausschließlich als passiv, gedemütigt und ihrer Geschlechtsidentität beraubt dargestellt.

Zu der von Frauen und Mädchen erlebten konfliktbezogenen sexuellen Gewalt gibt es bereits (politik-)wissenschaftliche Studien, die u. a. auch gezielt die aktive Rolle der Überlebenden und ihre Handlungsfähigkeiten und -möglichkeiten in Konflikten in den Blick nehmen. Ziel dieses Projekts ist es, diese Perspektive auf die Handlungsfähigkeit auch für die Untersuchung von sexueller Gewalt gegen Männer einzunehmen und damit ein ganzheitliches, nuanciertes sowie empirisch-fundiertes Bild der Geschlechter-Dynamiken von bewaffneten Konflikten und sexueller Gewalt zu zeichnen.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie männliche Überlebende (vor dem Hintergrund ihrer Konflikterfahrung) mit ihrer geschlechterbedingten Vulnerabilität umgehen und politisch aktiv werden.

Durch den Fokus auf die nur selten wahrgenommenen männlichen Überlebenden sexueller Gewalt ermöglicht die Untersuchung ein vertieftes Verständnis der langfristigen Auswirkungen von bewaffneten Konflikten und liefert einen wichtigen empirischen und theoretischen Beitrag zur Erforschung der Folgen sexueller Gewalt sowie zur interdisziplinären Friedens- und Konfliktforschung.

Kindspflegschaften im Kontext ethnischer Heterogenität (Borgu/Republik Benin)

Jeannett Martin

Das Projekt befasst sich mit Kindspflegschaften im Nordbenin und untersucht die damit verbundenen Vorstellungen und Praktiken bei drei ‚ethnischen‘ Gemeinschaften. „Kindspflegschaft“ bedeutet, dass Kinder für längere Zeiträume in einem anderen Haushalt als dem ihrer biologischen Eltern leben.

Bei diesem Projekt kommt den Vielfältigkeitsdimensionen insbesondere beim Forschungsdesign eine bedeutende Rolle zu. Die Wissenschaftlerin hat in Benin bei und mit Personen unterschiedlichen Geschlechts, Alters, Wohnorts, religiöser und ‚ethnischer‘ Gruppenzugehörigkeit geforscht. Die Untersuchungen zeigen, dass sowohl zwischen als auch innerhalb der drei ‚ethnischen‘ Gemeinschaften große Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit, die Formen und teilweise die Bedeutungen von Kindspflegschaften bestehen. Große Varianz zeigt sich etwa innerhalb einer ‚ethnischen‘ Gemeinschaft zwischen ländlich-agrarisch geprägtem Lebensraum auf der einen und durch stärkere Transformationsprozesse geprägtem städtischem Umfeld auf der anderen Seite, aber auch zwischen Angehörigen der gleichen Ethnie, die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zugehören. Außerdem unterscheiden sich die Kindspflegschaftspraktiken und die damit verbundenen Vorstellungen von Elternschaft und Rollenbildern teilweise zwischen Männern und Frauen. Ethnizität kann damit nicht als ein zentraler Faktor zur Erklärung entsprechender Praktiken und Vorstellungen gelten.

Neben den inhaltlich relevanten Vielfältigkeitsdimensionen kommt in der ethnologischen Feldforschung auch den Forschenden selbst eine besondere Rolle zu. In diesem konkreten Fall wurde die Wissenschaftlerin im Feld nicht nur als Forscherin, sondern auch in ihrer Rolle als Mutter wahrgenommen. Als Frau hat sie in diesem Forschungskontext oft leichteren Zugang zu Frauen und Männern, ein männlicher Forscher würde hingegen eher Zugang zu den eigenen Geschlechtsgenossen finden. Durch die Mutterschaft wird die Forscherin im Feld jedoch nicht nur als Mutter und damit auch als Erwachsene respektiert, sondern es entsteht auch eine zusätzliche Legitimation, kindheits- und elternschaftsbezogene Themen mit den Gesprächspartnern vor Ort zu diskutieren. All dies beeinflusst den Forschungsprozess und damit im Weiteren auch die Forschungsergebnisse.

Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung

Stefan Hirschauer

Die Forschungsgruppe hat Praktiken kultureller Kategorisierung von Menschen untersucht, also jene Unterscheidungsprozesse, deren Ergebnis alltagsweltlich als einfach gegebene ‚Merkmale‘ von Personen und als ‚Menschengruppen’ wahrgenommen werden. Die analysierten Vielfältigkeitsdimensionen umfassten u. a. religiöse, nationale, geschlechtliche und ethnische Grenzziehungen sowie Alters- und Leistungsklassen. Die Fragestellung der Gruppe war, wann Menschen nach der einen oder anderen Hinsicht unterschieden werden (doing difference) und unter welchen Bedingungen sie gerade nicht danach unterschieden werden, die Unterscheidung also ausbleibt, inhibiert oder überlagert wird (undoing difference).

Der Vergleich von heterogenen Fällen der Kategorisierung sollte die hochgradige Kontextabhängigkeit und Kontingenz dieser Prozesse aufzeigen und damit die sozialen Bedingungen von Differenzierung sowie Entdifferenzierungen der Herstellung alltagsweltlicher ‚Menschensorten‘ beleuchten.