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Pressemitteilung Nr. 38 | 20. Juli 2012
Vom Wert des Doktortitels – Emmy Noether-Geförderte diskutieren über Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft

DFG-Präsident Kleiner wirbt für eine Entschleunigung in der Wissenschaft / Emmy Noether-Treffen 2012 bringt 160 Nachwuchswissenschaftler zusammen

Das elfte Emmy Noether-Treffen hat vom 13. bis 15. Juli 2012 wieder aktuell und ehemals Geförderte des Emmy Noether-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Potsdam zusammengebracht. Gut 160 Forscherinnen und Forscher waren angereist, um konkrete Fragen aus ihrer täglichen Arbeit, aber auch wissenschaftspolitische Themen miteinander zu diskutieren. Mit dem Emmy Noether-Programm unterstützt die DFG die frühzeitige wissenschaftliche Selbstständigkeit exzellenter junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Neben den DFG-Geför-derten waren auch in diesem Jahr wieder Forscherinnen und Forscher vertreten, die Starting Grants des European Research Council (ERC) erhalten haben.

Der Wissenschaftspolitische Abend am 13. Juli rückte unter dem Titel „Abschreiben – Fälschen – Anmaßen. Ist der Doktortitel seinen Preis wert?“ Fragen nach Ethik, wissenschaftlicher Qualität und ihrer Sicherung in den Mittelpunkt. Auf dem Podium diskutierten fünf renommierte Gesprächspartner aus Wissenschaft, Wirtschaft, Personalwesen und Medien sowohl über individuelle als auch strukturelle Gründe für wissenschaftliches Fehlverhalten und erörterten denkbare Strategien und Auswege.

Dr. Bettina Duval, Leiterin des Academic Staff Development an der Universität Konstanz, machte als Motive für Plagiate Faulheit, mangelnde Motivation und fehlendes Unrechtsbewusstsein aus. Der Psychologe Professor Fritz Strack von der Universität Würzburg ergänzte, dass das „Fälschen“ in den verschiedenen Fächern unterschiedliche Gesichter habe: In den Geisteswissenschaften handele es sich vermehrt um Plagiate, in den Naturwissenschaften eher um Datenfälschungen. Dass sich die Wahrnehmung von Fälschungen in jüngster Zeit drastisch geändert habe, betonte auch der Jurist und DFG-Ombudsman für die Wissenschaft, Professor Wolfgang Löwer, anhand prominenter Plagiatsfälle der jüngsten Zeit: Jenseits des elementaren Gebots „Du sollst nicht fälschen!“ setzten Vroniplag und andere immer engere Regeln. Er unterstrich, dass die Qualitätssicherung nicht nur Plagiate betreffe: „Fast peinlicher als das war in einigen der überprüften Arbeiten das Niveau.“ Doch auch bei ansonsten anspruchsvollen Arbeiten sei klar: „Betrug ist gegen Qualität nicht aufrechenbar.“ Allerdings dominierten keinesfalls die schwachen oder auch unredlichen Arbeiten.

Hans Stratmann, Human Resources Boehringer Ingelheim, sagte, dass in der Wirtschaft die „Titel-Diskussion“ kaum wahrgenommen werde. Eine Promotion sei jedoch gerade in den Bereichen Forschung und Innovation für eine Einstellung unerlässlich, wohingegen nach fünf Arbeitsjahren kein Unterschied im Gehalt mehr auszumachen sei. Strack mahnte zu einem Umdenken in der öffentlichen Titelführung: Der Doktortitel im Ausweis sei zu einem „bürgerlichen Titel“ geworden, der mit einem Prestigeversprechen die falschen Anreize zur Promotion setze. Auch müsse grundlegend darüber nachgedacht werden, ob Zeit und Aufwand einer Doktorarbeit in einzelnen Disziplinen wirklich vergleichbar seien oder ob ein fachlich abgestuftes Qualifikations- und Titelsystem möglicherweise gerechter wäre.

Aus dem Publikum kamen zahlreiche Nachfragen und Kommentare zum unterschiedlichen Stellenwert der Promotion in den einzelnen Fächern. Rege diskutiert wurde das Betreuungsverhältnis an deutschen Universitäten und die Frage, ob Betreuung und Begutachtung von Doktorarbeiten getrennt sein sollten. Auch Anreizsysteme und deren mögliche negative Auswirkungen kamen zur Sprache.

In seinen abschließenden Worten betonte DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner die Vorreiterrolle der DFG beim Eintreten für die Gute Wissenschaftliche Praxis. Die DFG sehe im strukturierten Promovieren und in verbindlichen Arbeitszusammenhängen wichtige Faktoren dafür, dass die Promotion selbstständige wissenschaftliche Arbeit ermögliche und nicht als dritte Phase des Studiums gesehen werde. Dazu solle „nur da promoviert werden, wo auch geforscht wird“ und wo das Betreuungsverhältnis „stimme“. Denn dieses entscheide letztlich, ob eine Promotion erfolgreich sei: „Dafür braucht es Zeit, Vertrauen und Nähe.“ Kleiner warb auch bei dieser Gelegenheit für eine Entschleunigung in Wissenschaft und Forschung, die die DFG zum Beispiel durch ihre Reform der Publikationsrichtlinien bei Förderanträgen unterstütze.

Neben dem Wissenschaftspolitischen Abend fand auch die traditionelle Emmy Noether Lecture regen Zuspruch. In diesem Jahr unternahm der Psychologe und Anthropologe Dr. Bernhard Fink einen Streifzug durch die Welt der zwischenmenschlichen Anziehung. Auf amüsante Weise zeigte er die evolutionären Grundlagen menschlicher Zuneigung: In wen wir uns verlieben, resultiere aus einem längst noch nicht erschöpfend erforschten Zusammenspiel von körperlichen Merkmalen und Signalen – von der Körper- und Gesichtsform über die Bewegung, den Geruch bis hin zu Hauterscheinung und Stimme. Auch wenn einige Auslöser von verliebten Gefühlen bekannt sind, eine „Formel der Liebe“ wollte Fink abschließend nicht formulieren.

Das Treffen bot darüber hinaus eine Vielzahl an Gelegenheiten zur fachlichen und interdisziplinären Vernetzung. In Fachworkshops tauschten sich die Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler untereinander aus. Darüber hinaus informierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DFG-Geschäftsstelle über die neuesten Entwicklungen in der DFG und berieten in konkreten Fragen. Die thematischen Workshops, die die Geförderten selbst vorbereitet und ausgewählt hatten, behandelten Themen wie den „Aufbau einer Nachwuchsgruppe“ oder „Familie und Beruf“, aber auch „Öffentlichkeitsarbeit und Neue Medien“ oder Mentoring und Networking.

Weiterführende Informationen

Weitere Informationen rund um die Förderung im Emmy Noether-Programm im Internet unter:

Ein ausführlicher Bericht zu diesem Emmy Noether-Treffen und weitere Informationen im DFG-Magazin im Internet unter: