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Prof. Dr.Christoph Markschies - Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträger 2001

Lebenslauf

1962 In Berlin-Zehlendorf geboren

1981-1987 Studium der Evangelischen Theologie, Klassischen Philologie und Philosophie in Marburg, Jerusalem, München und Tübingen; Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes

1988-1994 Wissenschaftlicher Assistent für Alte Kirchengeschichte (Patristik) an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Lehrstuhl Frau Prof. Dr. Luise Abramowski

1991 Promotion (s.c.l.)

1994 Habilitation und Ordination. Auszeichnung der Habilitation mit dem Hanns-Lilje-Preis der Göttinger Akademie der Wissenschaften 1994

1994-2000 Ordinarius für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena

1996 Gastvorlesungen am theologischen Studienjahr der Päpstlichen Universität San Anselmo in Jerusalem (ebenso 1997, 1998 und 1999/2000)

1996 Ordentliches Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt

1998/1999 Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Institute for Advanced Study

1999 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Institute for Advanced Study

1999 Projektleiter des Langzeitvorhabens "Griechische Christliche Schriftsteller" an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

1999/2000 Fellow des Institute for Advanced Study der Hebrew University, Jerusalem

1999 Ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Vorstandsmitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie.

2000 Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (Jerusalem)

2000ff. Ordinarius für Historische Theologie (Antike und Mittelalter) an der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg

Forschungsschwerpunkte

Das spezifische Profil meiner Arbeit wird bis heute dadurch bestimmt, daß ich neben der evangelischen Theologie auch Philosophie, klassische Philologie und Kunstgeschichte der Antike, genauer die Christliche Archäologie, studiert habe. Diesen Studienfächern verdanke ich einerseits ein nachhaltiges Interesse an konsistenten und knappen Argumentationen, andererseits ein großes Vergnügen an der Erschließung neuer Texte, Inschriften und Papyri in philologisch zuverlässiger Form für meine historische Arbeit. Die Archäologen und Kunsthistorikern haben mir schließlich die Einsicht vermittelt, daß eine lediglich auf Texte und die präzise Wiedergabe ihres argumentativen Duktus konzentrierte historische Arbeit einseitig bleiben muß, weil sie die Fülle gelebten Lebens auf die schriftlichen Quellen reduzieren würde.

Einen ersten Schwerpunkt meiner Forschung bilden die unerläßlichen Arbeiten am philologischen Fundament jeder historischen Arbeit: Ich ediere im Rahmen eines von der DFG geförderten Projektes der Berlin-Brandenburgischen Akdemie der Wissenschaften Arbeiten des ersten nach antiken Maßstäben hoch gebildeten Theologen Origenes aus Alexandria, an denen man studieren kann, wie sich das antike Christentum auf die Bedingungen einer damaligen Wissenschaftsgesellschaft einstellte und dabei veränderte. Weiter bin ich beteiligt an der Erschließung des berühmten gnostischen Textfundes von Nag Hammadi, in dem sich eine sehr besondere Variante christlicher Theologie äußert, die manche Verbindungen zu gegenwärtigen esoterischen und neureligiösen Tendenzen aufweist. Schließlich bereite ich eine Neuausgabe derjenigen Schriften vor, die nach Form und Inhalt neutestamentliche Schriften imitieren, aber nicht mehr in den Kanon der Bibel eingegangen sind (die sogenannten "Apokryphen"); sie sind interessante Zeugnisse von Frömmigkeit und Denken der nicht wissenschaftlich orientierte, sogenannte "einfache" Christen in der Antike.

Als zweiten Schwerpunkt meiner Arbeit nenne ich die Strukturgeschichte des antiken Christentums, zu der ich 1997 ein kleines allgemeinverständliches Taschenbuch vorgelegt habe (Zwischen den Welten wandern. Strukturen des antiken Christentums [Fischer-Taschenbuch 60101], Frankfurt/Main 1997, diverse Übersetzungen). Gerade weil zwischen der Spätzeit der griechisch-römischen Antike und der Gegenwart so viele Parallelen bestehen - beispielsweise konnte der römische Staat die Pensionen nicht mehr zahlen; auch verloren die traditionellen Religionen und der Staatskult in dramatischer Weise ihre Anziehungskraft - , ist es notwendig, die Geschichte des antiken Christentums so bunt und farbig als irgend möglich und gleichzeitig theoretisch so ambitioniert wie möglich nachzuerzählen. Da meine Disziplin, die Geschichte des antiken Christentums, aus mancherlei Gründen im Konzert der anderen historischen Wissenschaften eine verspätete Disziplin genannt werden kann, müssen erst sorgfältig die Mentalitäten von Individuen und die Strukturen von Institutionen untersucht werden. Wenn man beispielsweise die Institutionen untersucht, in denen in der Antike christliche Theologie betrieben wurde, stellt man überraschende Unterschiede fest, die nicht zuletzt an den unterschiedlichen Institutionsprofilen hängen, aber auch ebenso überraschende Gemeinsamkeiten mit vergleichbaren nichtchristlichen Einrichtungen. Zur Geschichte der antiken christlichen Institutionen bereite ich eine längere Veröffentlichung vor, die mit vielen anderen meiner Arbeiten eine ausführliche Gesamtdarstellung vorbereiten will.

Einen dritten Schwerpunkt kann man mit den Stichworten "Rezeptions-" und "Wissenschaftsgeschichte" umschreiben. So habe ich beispielsweise 1995 gefragt, ob hauptsächlich eine bestimmte Form von Theologie für die architektonischen Umbrüche, die zur Gotik führten, verantwortlich ist und derartig schlichte Kausalitäten als problematisch zurückgewiesen (Gibt es eine Theologie der gotischen Kathedrale? [AHAW.PH 1/1995], Heidelberg 1995). Außerdem habe ich verschiedene Studien zur Wissenschaftsgeschichte meines Faches im Kontext anderer historisch-philologischer Disziplinen vorgelegt. Angesichts der gegenwärtigen Diskussion, ob die Theologie in eine historische Kulturwissenschaft transformiert werden kann, interessieren mich auch grundsätzliche Fragen der historischen Methodik und Theoriebildung; ein starkes handwerkliches Taschenbuch (Arbeitsbuch Kirchengeschichte [Universitätstaschenbücher Nr. 1857], Tübingen 1995) ist durch grundsätzliche Beiträge zur Stellung der Kirchengeschichte ergänzt worden.

In den kommenden Jahren möchte ich weiter auf diesen Schwerpunkten arbeiten und dazu noch stärker den dramatischen Umgestaltungsprozeß der antiken Gesellschaft in den Blick nehmen, in dessen Kontext die reichsweite Ausbreitung des Christentums steht. Wenn man beispielsweise den rapiden Glaubwürdigkeitsverlust antiker Paradigmen von Heil und Heilung näher in den Blick nimmt (wie etwa den plötzlichen Verfall der Asclepius-Heiligtümer) und die ebenso plötzliche Attraktivität anderer Paradigmen, dann könnte es vielleicht gelingen, solche Strukturanalogien zu gegenwärtigen Umgestaltungsprozessen auch einem breiteren Publikum verständlich zu machen, für das beispielsweise die heftige Debatte über die Glaubwürdigkeit des Paradigmas "chinesische Medizin" durchaus zum Alltag gehört.