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Dr. Christian Remling - Heinz Maier-Leibnitz-Preisträger 2000

Laudatio von Prof. Dr. Jürgen Mlynek, Vizepräsident der DFG

32 Jahre alt, Fachbereich Mathematik und Informatik, Universität Osnabrück

Herr Dr. Christian Remling ist 32 Jahre alt und derzeit Heisenberg Stipendiat der DFG. Er hat in Frankfurt Physik studiert ist mit 24 Jahren Diplomphysiker geworden und hat während der nächsten sechs Jahre an der Universität Osnabrück in Mathematik promoviert und habilitiert mit Zwischenaufenthalt als Post-Doc am renommierten Califomia Institute of Technology in Pasadena, USA. Diesem Werdegang entsprechend ist sein Arbeitsgebiet an der Schnittstelle von Mathematik und Physik angesiedelt.

Herr Remling ist ein "Mechaniker". Fachkräfte mit handwerklichen Fähigkeiten und klassischer Ausbildung sind ja bekanntlich Mangelware in Deutschland. Dennoch wäre Herr Remling als Mechaniker schwer verinittelbar: er ist zwar fähig, aber leider ein Quantenmechaniker, d.h. ihn beschäftigen in erster Linie nur nichtldassische Probleme. Sein Berufshandicap als Mechaniker wird an folgendem Beispiel deutlich: beim Auseinandernehmen eines Motors würde ich am meisten interessieren, wann mit zunehmender Kleinheit die einzelnen Motorteile anfangen würden, Welleneigenschaften zu zeigen. Seien wir doch mal ehrlich: so einem Mechaniker würde man doch nicht sein Auto anvertrauen oder?

Aber im Ernst: was interessiert Herrn Remling wirklich?

Die Quantemnechanik - entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts (vor 100 Jahren hielt Max Planck in Berlin seinen legendären Vortrag zur Quantenphysik) - erlaubt es uns, Phänomene zu verstehen, die der Newtonschen Mechanik schlicht verschlossen sind und die häufig auch unserer Intuition zuwiderlaufen. Auch wenn das immer noch Anlaß zu hitzigen philosophischen Debatten gibt, so bestimmt doch die Quantenmechanik längst unsere Technik und damit unseren Alltag: Der Transistor im Computer funktioniert ebenso nach den Regeln der Quantemnechanik wie der Keinspintomograph im Krankenhaus. Ein anderes Beispiel, das uns schließlich zu den Arbeiten von Dr. Remling führt, sind die Natriumdampflampen, deren leuchtendes Gelb jeder kennt der schon einmal nachts auf einer holländischen Autobahn gefahren ist. Warum gelb? Die in Wahrheit recht komplizierte Erklärung liefert die Quantenmechanik. In ihrem Kein beruht sie auf der Tatsache, daß den an den Naüiumkern gebundenen Elektronen nur diskrete Energiewerte erlaubt sind.

Ungebundene Elektronen dagegen können Energien aus einem kontinuierlichen Bereich annehmen. Diese Dichotomie zwischen diskretem und kontinuierlichem Spektrum gilt den Physikern heute nahezu als Allgemeinplatz.

Doch der Vorsichtige wird fragen, ob es denn immer so sein muß. Gerade mathematische Physiker wie Dr. Remling, bei denen die Vorsicht Programm ist versuchen mit derartigen Fragen die Grenzen und Möglichkeiten einer Theorie zu finden. Dazu bedarf es neben einem tiefen Verständnis der Physik eine über das übliche hinausgehende Einsicht in die Mathematik, eine Notwendigkeit, die sich auch im Werdegang des Preisträgers wiederfindet. Ausgerüstet mit dem Handwerkszeug aus zwei Disziplinen hat sich Herr Remling mit der Frage beschäftigt, ob die naive Einteilung in diskrete und kontinuierliche Spektren immer gültig ist. Die Antwort ist: Meistens, aber nicht immer, wobei Ausnahmen auch in der Natur vorzukommen scheinen. Einer der schönsten Beiträge von Herrn Remling zum "nicht immer" ist die Konstruktion eines expliziten mathematischen Beispiels, an dessen Existenz viele geglaubt haben, das aber keiner vor ihm sah.

Herr Dr. Christian Remling erhält den diesjährigen Hans Maier-Leibniz-Preis für seine herausragenden Arbeiten zur Spektraltheorie von (Schrödinger-) Differential-Operatoren.