Zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen

Logo: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - zur Startseite Deutsche Forschungsgemeinschaft

banner: Kopfbereich DFG2020 Logo - deutsch Für das Wissen entscheiden

Interview mit Professor Wolf Singer, Communicator-Preisträger 2003

"Wissenschaft ist ein kultureller Prozess"

Was bewegt Sie dazu, Herr Professor Singer, Ihre Forschungsergebnisse nicht nur in wissenschaftlichen Zeitschriften zu veröffentlichen, sondern sie immer wieder auch in Vorträgen und Aufsätzen für ein Laienpublikum darzustellen?

Singer: Als Wissenschaftler am Max-Planck-Institut sind wir recht privilegiert: Weitgehend unbelastet von Verwaltungsaufgaben und mit relativ geringen Lehrverpflichtungen können wir ganz und gar unseren Leidenschaften frönen. Ich meine, das bringt auch Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit mit sich, die das Ganze ja bezahlt. Daher gibt es eine Bringschuld der Forscher, darzustellen, was sie tun und warum und was dabei herauskommt. Wo Wissenschaftler dieser Aufgabe nicht nachkommen, müssen sie sich nicht über Desinteresse und mangelnde Akzeptanz in der Öffentlichkeit wundern.

Gab es für Sie einen konkreten Anlass, mit Ihrer Forschung an die Öffentlichkeit zu gehen?

Singer: Ein Anlass war die Kritik an unseren Tierexperimenten in der Hirnforschung. Tierschützer unterstellten mir geradezu sadistische Motive und ich war gezwungen, mich zu wehren. Zunächst ging es also darum, Rechenschaft abzulegen und aufzuklären über unsere Arbeit. Dabei bemerkte ich, dass es bei vielen Menschen ein ungeheures Interesse an der Hirnforschung gibt, wenn auch oft nur ein geringes Wissen. Auf jeden meiner Vorträge und Aufsätze hin erhalte ich viele Nachfragen, und es entwickeln sich ausführliche Korrespondenzen - die Menschen wollen wissen, was Hirnforschung ist und was sie zu Tage fördert. Daraus ergab sich eine positive Rückkopplungsschleife. Nicht zuletzt zwang dies auch dazu, die eigene Arbeit und ihre Relevanz immer wieder zu reflektieren. Zudem ärgerte es mich gelegentlich, dass selbst gebildete Menschen so wenig über die Naturwissenschaften wissen.

Inwiefern?

Singer: Das lässt sich bei jedem Party-Gespräch beobachten: Niemand würde zugeben, dass er nichts von Goethe gelesen hat oder Dostojewski nicht kennt. Aber von den wichtigsten naturwissenschaftlichen Leistungen nichts zu verstehen, gilt nicht als Makel. Dabei leisten die Naturwissenschaften einen mindestens ebenso großen Beitrag zur Entstehung und Veränderung von Weltbildern wie etwa die Belletristik. Die Art und Weise, wie wir heute leben, ist zu einem großen Teil von Ergebnissen der Naturwissenschaften bestimmt. Wie kommt es, dass das, was die Wissenschaftler tun, in unserer Gesellschaft dennoch nicht zur Kultur gerechnet wird? Darin manifestiert sich doch die Neugier, die den Menschen auszeichnet - Erkenntnis gewinnen ist ein eminent kultureller Prozess.

Gibt es eine Annäherung zwischen Kultur- und Geisteswissenschaften einerseits und den Naturwissenschaften - speziell der Hirnforschung - andererseits?

Singer: Da gibt es Misstrauen und viele Verständigungsschwierigkeiten. Wer sich Problemen wie dem Bewusstsein oder der Determiniertheit menschlichen Verhaltens von Seiten der Neurobiologie nähert, gerät leicht in den Verdacht, schnödem Biologismus zu frönen. Dabei reden wir doch alle über die gleiche Welt und sollten in der Lage sein, uns gegenseitig zu verstehen. Natürlich gibt es verschiedene Traditionen und Beschreibungssysteme. Die Geisteswissenschaften stellen die Frage nach dem Bewusstsein vor allem aus der Perspektive der ersten Person - der Introspektion. Damit bewegen sie sich sozusagen im datenfreien Raum. Ich denke, es wäre nützlich, sie würden wenigstens zur Kenntnis nehmen, was die Hirnforschung zu Tage fördert. Denn wir erforschen ja das Substrat, das die Leistungen hervorbringt, die die Geistes- und Kulturwissenschaften thematisieren. Also müssen deren Beobachtungen und unsere irgendwie zusammenhängen. Aber auch wir Naturwissenschaftler tun uns schwer damit, mentale Phänomene, die jeder nur aus eigenem Erleben kennen kann, mit unseren experimentellen Beobachtungen zu verbinden. Die Philosophie sollte, so denke ich, die Metawissenschaft sein, die sich mit der Ordnung dessen befasst, was wir wissen und wissen können. Dafür aber muss sie das Wissbare zur Kenntnis nehmen.

Glauben Sie denn, dass es einmal möglich sein wird, alles, was wir subjektiv empfinden, auch mit den Mitteln der Hirnforschung zu erfassen?

Singer: Das weiß heute niemand. Wir können uns noch nicht vorstellen, wie Brückentheorien aussehen müssten, um zwischen den unterschiedlichen Beschreibungssystemen vermitteln zu können. Doch ich denke, um weiter zu kommen, müssen wir uns aufeinander zu bewegen. Dazu gibt es bei einigen Kollegen aus der Philosophie durchaus Bereitschaft. Andere sagen, es handelte sich um völlig unterschiedliche Zugriffe auf die Wirklichkeit, und wollen sich nicht von einer "biologistischen" Herangehensweise kontaminieren lassen. Die Zahl derer schwindet aber, soweit ich es beobachte.

Und wie steht es bei den Hirnforschern?

Singer: Bei uns gibt es natürlich genauso Defizite. Ich muss mir schon vorwerfen lassen, dass ich über Bewusstsein und freien Willen rede, ohne Hegel, Kant, Schopenhauer oder Descartes umfassend studiert zu haben. Aber gerade darum plädiere ich für eine engere Zusammenarbeit: Beide Seiten würden profitieren.

Forscher, die ihre Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren, stellen meist den zu erwartenden Nutzen für die Gesellschaft heraus - neue Medikamente etwa, oder schnellere Computer. Was nützt die Hirnforschung?

Singer: Ich halte es für bedenklich, allzu sehr mit dem kurzfristigen Nutzen zu argumentieren. Wissenschaft funktioniert im Allgemeinen nicht so, dass ich ein Ziel definiere - etwa eine Behandlung für Epilepsie zu finden - und es dann mit einer voraussehbaren Investition an Zeit und Geld erreichen kann. Die Hirnforschung hat das Ziel, die neuronalen Mechanismen von Hirnleistungen aufzuklären. Zu diesen Leistungen zählt alles Verhalten, unser Denken und Erleben, und natürlich auch seine Abweichungen, etwa psychische Erkrankungen. Mit zunehmendem Wissen wachsen unsere Möglichkeiten, in das Krankheitsgeschehen einzugreifen. Aber das ist ein langfristiger, nicht im Einzelnen planbarer Prozess mit vielen Umwegen. - Anwendungsmöglichkeiten für Ergebnisse der Grundlagenforschung sehen wir bereits in sehr vielen Bereichen, in der Medizin, in der Pädagogik, in der Informationstechnologie.

Was trägt die Hirnforschung zur Pädagogik bei?

Singer: Zunächst bestätigt sie, was gute Eltern und Pädagogen schon immer wissen: Die Förderung von Kindern in den ersten Lebensjahren ist enorm wichtig. Doch zur Erfahrung kommt nun auch die Erkenntnis, warum das so ist und warum sich manches später nicht mehr aufholen lässt. Ein Beispiel: Sprache besteht aus einer unablässigen Folge von Lauten. Wir wissen heute, dass Kinder schon sehr früh in der Sprachentwicklung lernen, diesen Strom in seine einzelnen Bestandteile, die Phoneme, zu zerlegen. Während dieses Lernprozesses werden bestimme Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn geknüpft; andere, in der jeweiligen Sprache nicht benötigte, verkümmern. Darum fällt es Asiaten so schwer, "l" und "r" zu unterscheiden, und deshalb erfolgt die Phonemsegmentierung bei der spät erlernten Zweitsprache nicht mehr automatisch. Nach dieser sensiblen Phase ist dieser Teil der Hirnentwicklung abgeschlossen. Das ist der Grund dafür, dass wir eine später erlernte Sprache nie mit der gleichen Mühelosigkeit erfassen wie die Muttersprache. Nur Kinder, die zweisprachig aufwachsen, beherrschen beide Sprachen gleich gut.

Die erste Fremdsprache sollte also schon im Kindergarten erlernt werden?

Singer: Unbedingt. Und auch in vielen anderen Bereichen müssten Kinder schon früh viel mehr Möglichkeiten erhalten als heute. Hier stimmen Hirnforschung und die Ergebnisse der PISA Studie überein. Andererseits muss man aber auch bedenken: Wenn man ein Kind in einem ganz bestimmten Bereich sehr stark fördert - etwa intensiv Geige üben lässt - werden zwar bestimmte Hirnregionen stärker ausgebildet. Doch wir wissen heute nicht, ob das nicht zu Lasten anderer Strukturen geht, die dann entsprechend weniger entwickelt werden. Klar ist aber: Bis in die Pubertät hinein entwickelt sich das Gehirn und seine Verschaltungen werden noch ständig umgebaut. Und zwar abhängig davon, was ein Kind erlebt und welche praktischen Erfahrungen es macht. Darum ist diese Phase so wichtig dafür, was aus einem Menschen wird.

Vielfach wird heute behauptet, ein Großteil unserer Fähigkeiten und Charaktereigenschaften sei genetisch bestimmt. Welche Bedeutung haben Bildung und Erziehung da noch?

Singer: Es gibt da eine Pendelbewegung. Die 68er glaubten, der Mensch sei durch Erziehung beliebig formbar. Das hat sich nicht bestätigt. Heute dagegen höre ich oft, sogar von Lehrern, es komme auf Förderung und Erziehung nicht so sehr an. Das Wesentliche stecke ja doch irgendwie in den Genen und sei eben "Veranlagung". Die spektakulären Erfolge der Genomforschung haben offenbar dazu geführt, dass die genetische Determiniertheit des Menschen stark überschätzt wird. Tatsächlich aber ist im Erbgut nur festgelegt, welche Fertigkeiten wir entwickeln können, nicht, welche wir tatsächlich ausbilden. Viele Verknüpfungen im Gehirn - und die auf ihnen beruhenden kognitiven, sozialen und motorischen Fähigkeiten - können nur entstehen und erhalten bleiben, wenn sie genutzt und damit verstärkt werden.

Gehen Sie darum mit Ihrem Projekt "Brücken schlagen" selbst an die Schulen?

Singer: Hier geht es mehr darum, Wissenschaft aus erster Hand zu vermitteln. Schüler entwickeln nur dann Interesse an Naturwissenschaften, wenn sie selbst positive Erfahrungen mit diesen Fächern machen. Und Wissenschaft ist nun mal da am spannendsten, wo die Front der Forschung verläuft. Das können Wissenschaftler selbst besser vermitteln als Lehrbücher. Wo wir - in den Schulen oder sonst in der Öffentlichkeit - sorgfältig darstellen, was die Hirnforschung erreicht hat, woran wir arbeiten und welche offenen Fragen es gibt, stoßen wir immer auf großes Interesse. Die Menschen sind fasziniert von dieser Forschung und fragen genau nach. Nur eines sollten wir niemals tun: die Leute mit unrealistischen Versprechungen und allzu glatten Antworten für dumm verkaufen.

Interview: Wiebke Rögener