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„In Amerika gewesen“: Deutsche Forschende in den USA und Kanada im Gespräch

Dr. Tanja Khosrawipour

Dr. Tanja Khosrawipour

© Privat

(19.08.21) Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert mit dem Forschungsstipendium und seit 2019 mit dem Walter Benjamin-Stipendium die Grundsteinlegung für wissenschaftliche Karrieren durch Finanzierung eines eigenen, unabhängigen Forschungsvorhabens im Ausland und seit 2019 auch in Deutschland. Ein großer Teil dieser Stipendien wird in den USA und zu einem kleineren Teil auch in Kanada wahrgenommen, Ausdruck einer in vielen Disziplinen und in besonderem Maße in den Lebenswissenschaften herrschenden Überzeugung, dass es hilfreich für die Karriere sei, „in Amerika gewesen“ zu sein. In einer Reihe von Gesprächen möchten wir Ihnen einen Eindruck von der Bandbreite der DFG-Geförderten vermitteln. In dieser Ausgabe schauen wir, wer sich hinter der Fördernummer KH 347 verbirgt.

DFG: Liebe Frau Dr. Khosrawipour, herzlichen Glückwunsch zur im vergangenen Jahr abgeschlossenen Habilitation und besten Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch mit uns nehmen. Sie sind Chirurgin am Universitätsklinikum in Düsseldorf und geben in Ihrem Lebenslauf drei Muttersprachen an, Persisch, Deutsch und Englisch. Zwei davon sind leichter nachzuvollziehen als die dritte. Möchten Sie das ein wenig erläutern?

Tanja Khosrawipour (TK): Ja, gerne, aber zunächst einmal herzlichen Dank für Ihr Interesse und natürlich auch für das Forschungsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), mit dem ich in Kalifornien Projekte verfolgen konnte, die sich jetzt für meine Karriere in Deutschland als sehr hilfreich erweisen. Meine Eltern sind nach der iranischen Revolution nach Deutschland gekommen, wo mein Vater dann an der RWTH Aachen Elektrotechnik studiert hat. Ich bin in Deutschland geboren und spreche seit meiner frühen Kindheit Deutsch und Persisch. Aufgrund mehrerer Aufenthalte in Kalifornien im Rahmen meiner Schul- und Studienzeit sowie als Postdoc spreche ich auch Englisch auf Muttersprachenniveau. Gerade in der heutigen, globalisierten Welt ist die Mehrsprachigkeit von großer Bedeutung, und vor allem öffnet sie den eigenen Horizont. Wie bereits Federico Fellini vor vielen Jahren formuliert hat: „A different language is a different vision of life“.

DFG: Sie haben sich im vergangenen Jahr habilitiert, da waren Sie 30 Jahre alt. Sie haben an der gymnasialen Mittelstufe zweimal eine Klasse übersprungen und Ihr Abitur trotz eines Auslandsaufenthalts während der Oberstufe mit 17 Jahren und mit einer Note abgelegt, die Ihnen ein Medizinstudium ermöglicht hat. Haben Sie sich während der Schulzeit nicht zeitweise auch sehr gelangweilt?

TK: In unserer Familie wurde Bildung ein sehr hoher Stellenwert eingeräumt und ich hatte immer sehr viel Spaß am Schulunterricht. In der Mittelstufe habe ich dann gemerkt, dass ich mir ein höheres Maß an Leistung zutraue, und so kam es dann auch zur zweimaligen Vorversetzung. Obwohl mir zwei Jahre Unterricht im Vergleich zu anderen Schülern fehlten, konnte ich schnell aufholen und ein sehr gutes Abitur absolvieren. Sicher gab es manchmal auch langweilige Situationen, aber insbesondere in der Oberstufe konnte man ja Fächer entsprechend dem eigenen Interesse wählen. Ich habe mich dann im Leistungsbereich für Englisch und Französisch entschieden. Ich liebe die französische Literatur, das klassische und absurde Theater und begeistere mich insbesondere für Stücke von Eugene Ionesco.

DFG: Ihre Familie spielte in Ihrer bisherigen Laufbahn eine größere als nur „normale“ Rolle?

TK: Ich denke ja. Meine Familie hat mich stets bei meinen Vorhaben unterstützt und mir den Mut gegeben, auch schwer erreichbare Ziele zu formulieren und diese fleißig und zielstrebig zu verfolgen. Meine Eltern haben mir viele Bildungsmöglichkeiten gegeben und mich entsprechend gefördert. Ich wurde bereits vor Beginn der Grundschulzeit zu Hause in Französisch unterrichtet und spreche somit seit meiner frühesten Kindheit Französisch. Meine Sprachkenntnisse waren mir in der Schulzeit eine große Hilfe, und mit 16 Jahren habe ich den ersten Platz im Französischvorlesewettbewerb der Industrie- und Handelskammer Bochum belegt. Das hat mich insbesondere gefreut, da neben mir auch Kinder französischer Abstammung angetreten sind. Ansonsten haben meine Eltern viel Wert daraufgelegt, dass ich mich künstlerisch verwirklichen kann. Ich habe Mal- und Aquarellkurse belegt und gelernt, Skulpturen und Büsten aus Speckstein zu schlagen. Mein Großvater und mein Onkel, beides Künstler und Bildhauer, haben früh meine Talente gefördert, meine Beobachtungsgabe geschärft und mich in die Öl- und Acrylmalerei sowie in die Kalligrafie eingeführt.

Dieses handwerkliche Geschick kommt mir nun auch in meiner chirurgischen Arbeit zugute. Meine Eltern haben uns Kindern den Rücken für überdurchschnittliche Schullaufbahnen freigehalten und uns viele Auslandsaufenthalte ermöglicht. Nach meinem Abitur sind wir alle für einige Jahre nach Santa Barbara gezogen, damit ich dort aufs College gehen konnte. Ich habe in Santa Barbara zwei Jahre Biologie und Chemie studiert und habe mich nebenbei auch intensiv mit Hochschulpolitik auseinandergesetzt. Zuletzt war ich dort Präsidentin des Studierendensenats und habe in dieser Funktion auch die Ehre gehabt, eine Einführungsrede für die neue Collegepräsidentin zu halten.

Im Kreise von Kollegen

Im Kreise von Kollegen

© Privat

DFG: In der Nähe waren Sie bereits für ein Austauschsemester während Ihrer Schulzeit gewesen, oder?

TK: Ja, etwas weiter im Süden. Während der elften Klasse war ich an einer High School in Woodland Hills, was technisch noch zu Los Angeles gehört. Das war auch nur durch die Unterstützung durch meine Familie möglich, wofür ich sehr dankbar bin.

DFG: Nach Ihrer Promotion sind Sie dann wieder in die USA gegangen, diesmal nach Irvine, also ins Orange County südlich von Los Angeles. Wie kam das?

TK: Durch Neugier getrieben. Nach meiner Dissertation kamen während meiner Zeit als Assistenzärztin am Marienhospital Herne Fragen auf, die ich mir durch einen Forschungsaufenthalt in den USA zu beantworten versprach. Nach intensiver Recherche bin ich dann auf die Arbeitsgruppe von Prof. Alessio Pigazzi an der University of California, Irvine gestoßen. Prof. Pigazzi ist ein weltweit renommierter Experte im Bereich der Peritonealkarzinose. Nachdem ich sein Labor und die Arbeitsgruppe kennengelernt habe, habe ich einen Antrag auf ein Forschungsstipendium bei der DFG gestellt. Da es bis zur Bewilligung über ein Jahr dauerte habe ich den Zeitraum bis zum Einsetzen der Förderung entsprechend aus eigenen Ersparnissen überbrückt.

DFG: Sie haben in den USA zuletzt an einer Behandlungstechnik für Peritonealkarzinosen geforscht und in Ihrem Antrag geschrieben, es gehe um eine Verbesserung der palliativen Versorgung solcher Fälle, also keiner kurativen Therapie, sondern einer das Lebensende begleitenden Versorgung. Wo sehen Sie das Ende Ihrer Zuständigkeit und den Beginn der Tätigkeit des Seelsorgers?

TK: Die Peritonealkarzinose ist ein ernstes Krankheitsbild mit geringer Lebenserwartung. Leider gibt es aktuell überhaupt nur wenige Behandlungsmöglichkeiten. Für einige wenige Patienten besteht die Möglichkeit der kompletten Tumorentfernung mit anschließendem Spülen der Bauchhöhle mit erhitzter Chemotherapie. Dieser Eingriff ist jedoch sehr komplex, hat ein hohes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko und kommt nur bei lokal sehr begrenztem Tumorbefall in Frage. Den meisten Patienten bleiben also nur die palliative Chemotherapie und andere symptomatische Therapien. Seit einigen Jahren wird zunehmend ein neues palliatives Verfahren eingesetzt, die sogenannte Pressurized Intraperitoneal Aerosol Chemotherapy (PIPAC), bei der Chemotherapie während einer Operation mit einem minimalinvasiven Zugang durch eine kleine Pumpe direkt am Bauchfell zerstäubt wird und dort gezielt wirken kann. Das Ziel dieser Behandlung ist die lokale Tumorremission und das Verringern der Bauchwasserentwicklung. Interessanterweise wurde die klinische Anwendung dieses Verfahrens am Marienhospital Herne erstmals aufgebaut und durchgeführt, also an jenem Standort, an dem ich auch meine wissenschaftliche Karriere verfestigt habe. Ich habe erleben können, wie die PIPAC zunehmende klinische Anwendung fand, also „Bench-to-Bedside“.

Vor allem bei jungen Patienten kann die Verzweiflung über eine schlechte Prognose sehr groß sein und entsprechend die Dankbarkeit für jede Sekunde Lebenszeit. Daher haben die Patienten zum Teil sehr weite Anreisen auf sich genommen, und wir haben Patienten aus Deutschland, Europa, den USA und sogar Australien versorgt. Trotz klinischer Anwendung dieser Methode waren damals jedoch viele experimentelle Aspekte weiterhin ungeklärt, insbesondere gab es keine In-vivo-Tierstudien über die Vorteile und Risiken der PIPAC. Daher habe ich mich entschieden, ein In-vivo-Tierprojekt zu konzipieren, um Möglichkeiten, Vorteile, aber auch Risiken der PIPAC objektiv zu untersuchen und dieses Wissen zu nutzen, um die Patientenversorgung weiter zu verbessern.

DFG: Gegenstand Ihres Forschungsprojekts in Kalifornien waren Kleintier-experimentelle Untersuchungen zur Behandlung von Darmtumoren mit dem PIPAC-Verfahren. Was haben Sie dabei lernen können und wie hilft Ihnen das bei der Behandlung anderer Tumore im Bauchraum?

TK: Mithilfe meiner Untersuchungen konnte ich bestätigen, dass die PIPAC ein gutes, innovatives Verfahren darstellt, welche als Grundlage für weitere therapeutische Entwicklungen im Bereich der Peritonealkarzinose dient. Die Entwicklung eines patientennahen Kleintiermodells mit Peritonealkarzinose zur weiteren Untersuchung der PIPAC bleibt aber nach wie vor eine Herausforderung. Zukünftig sollte die PIPAC idealerweise mittels eines Xenograft Tumormodells untersucht werden. Hier befinden wir uns allerdings in einem Grenzgebiet der aktuellen wissenschaftlichen Forschung. Ein entsprechend standardisiertes Modell für die Ratte müsste also noch entwickelt werden.

DFG: Liegt Ihre Berufung eher in der Forschung oder eher in der Chirurgie, also dem Handwerk?

TK: Ich denke, das geht beides Hand in Hand. Natürlich steht für mich als Ärztin die Patientenversorgung an erster Stelle. Es war bereits als kleines Mädchen mein Wunsch, Chirurgin zu werden und Menschen in Notfallsituationen mit meinem Wissen und handwerklichen Können zu helfen. Insbesondere war es immer mein Traum, auch humanitäre Hilfe zu leisten, am liebsten als Mitglied von Ärzte ohne Grenzen. Die Chirurgie ist ein vielfältiges und facettenreiches Fach und im OP lernt man ruhig und besonnen zu arbeiten und was es bedeutet, seine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, um sich voll und ganz auf seinen Patienten zu konzentrieren. Als Vorbild habe ich hier meinen Chef in Düsseldorf, Herrn Professor Wolfram Trudo Knoefel, einen der großen Chirurgen unserer Zeit. Doch ebenso sehe ich mich auch als Wissenschaftlerin, und die Forschung ist meiner Meinung nach der Schlüssel, um das Leben unserer Patienten zu verbessern. Forschen zu können, ist ein großes Privileg, und ich arbeite jeden Tag daran, neue Therapien zu entwickeln und mit dem Ziel zu verbessern, die Peritonealkarzinose besser behandeln und sogar vollständig eliminieren zu können. Als Motivation dienen mir hierbei meine Patienten, denen ich gerne Mut und Hoffnung geben möchte auf ihrem schwierigen Weg. Wäre ich nicht Ärztin geworden, dann hätte ich mir aber auch etwas ganz Anderes für mich vorstellen können. Die französische Sprache und Literatur haben mich während meiner Schulzeit sehr begeistert, und aufgrund meiner Mehrsprachigkeit hätte ich mir auch eine Karriere als Simultanübersetzerin oder als Schriftstellerin gut vorstellen können.

In Santa Barbara

In Santa Barbara

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DFG: Sie haben in Ihrem Leben mehr als fünf Jahre an verschiedenen Orten der südkalifornischen Küste verbracht und etwa eben solange in den beiden Ruhrgebietsstädten Bochum und Herne, wobei Sie in Bochum aufgewachsen sind. Wo sind Sie lieber und warum?

TK: Wenn Sie sich in Santa Barbara oder Laguna Beach umschauen, verstehen Sie sofort, warum man dort von der kalifornischen Riviera spricht. Gerade Santa Barbara ist ein Ort von atemberaubender Schönheit und ich schätze mich glücklich, dort einige Jahre verbracht zu haben. Das Wetter, die Landschaft und Natur sind auch der Grund, warum es viele Prominente und zuletzt auch Harry und Meghan dorthin gezogen hat. Allerdings wirkt Kalifornien auf mich gelegentlich wie ein Ferien- oder Freizeitpark, und manchmal fehlt mir die Ernsthaftigkeit, die ich vom Ruhrgebiet kenne.
Doch ich denke, wer einmal und vor allem in jungen Jahren seinen Weg dorthin gefunden hat, der findet ihn auch zweites Mal. Zudem stammt auch meine beste Freundin aus Santa Barbara, was regelmäßige Reisen dorthin mit sich bringt. Das Ruhrgebiet ist für mich ein besonderer Ort: Dort spielt das wirkliche Leben, also die graue Kälte im Winter, das entsprechend schroffe und direkte Auftreten vieler Menschen, aber auch das lange Tageslicht im Sommer und die vielen schönen Ausflugsziele wie der Kemnader See oder die Burg Blankenstein. In Düsseldorf, wo ich jetzt arbeite, ist es natürlich eleganter und wohlhabender als im Ruhrgebiet. Aber weder in Bochum noch in Düsseldorf finden Sie einen von Charlie Chaplin als ein Refugium vor dem Stress in Hollywood entworfenen Gasthof. Den gibt es als „Montecito Inn“ nur in Santa Barbara.

DFG: Wie wird es denn für Sie in Düsseldorf weitergehen?

TK: Ich habe mich im Alter von 30 Jahren letztes Jahr an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf habilitieren können, und das in einem komplexen und kompetitiven Fach wie der Chirurgie.
Damit bin ich eine der jüngsten Habilitandinnen in Deutschland. Der nächste, folgerichtige Schritt wäre für mich die Professur und die weitere universitäre Tätigkeit. Für die Zukunft werde ich mir weiterhin ambitionierte Ziele setzen und dann daran arbeiten, sie zu realisieren. Wenn man neben vielen Erinnerungen und schönen Bildern etwas Wichtiges aus den USA mit zurück nach Deutschland nehmen kann, dann vielleicht die Einsicht: Es gibt kein Scheitern, es gibt nur Lernen. Oder wie man dort zu sagen pflegt: „The sky‘s the limit.“

DFG: Wird eine eigene Familie dann auch Teil Ihres Himmels sein?

TK: Das wäre schön und gehört sicherlich mit in den Kreis meiner Ziele.

DFG: Dann möchten wir Ihnen für dieses informative und unterhaltsame Gespräch danken und Ihnen ganz herzlich alles Gute bei der Verfolgung Ihrer beruflichen Ziele und auch der Umsetzung Ihrer persönlichen Träume wünschen.