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„In Amerika gewesen“: Deutsche Forschende in den USA und Kanada im Gespräch

Asgar Jamneshan

Asgar Jamneshan

© Asgar Jamneshan

(24.06.21) Der Mathematiker Asgar Jamneshan war mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den vergangenen beiden Jahren am Department of Mathematics der University of California, Los Angeles (UCLA), wo er in der Gruppe von Terence Tao zur „Erweiterung von Strukturresultaten in der Ergodentheorie und [deren] Anwendungen“ geforscht hat. Er sprach mit dem Nordamerika-Büro der DFG unter anderem über seine derzeitigen Forschungsinteressen, die auch für Mathematiker inspirierende Atmosphäre an der UCLA, über die Dialektik des Zufalls und über mathematisch induzierte Gelassenheit.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert mit dem Forschungsstipendium und seit 2019 mit dem Walter Benjamin-Stipendium die Grundsteinlegung für wissenschaftliche Karrieren durch Finanzierung eines eigenen, unabhängigen Forschungsvorhabens im Ausland und seit 2019 auch in Deutschland. Ein großer Teil dieser Stipendien wird in den USA und zu einem kleineren Teil auch in Kanada wahrgenommen, Ausdruck einer in vielen Disziplinen herrschenden Überzeugung, dass es hilfreich für die Karriere sei, „in Amerika gewesen“ zu sein. In einer Reihe von Gesprächen möchten wir Ihnen einen Eindruck von der Bandbreite der DFG-Geförderten vermitteln. In dieser Ausgabe schauen wir, wer sich hinter der Fördernummer JA 2512 verbirgt.

DFG: Lieber Herr Prof. Dr. Jamneshan, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch mit uns nehmen. Sie sind uns aus der Türkei zugeschaltet, Ihr Name deutet allerdings Richtung Persien. Das lässt eine interessante Geschichte vermuten. Wollen Sie uns daran teilhaben lassen?

Asgar Jamneshan (AJ): Gerne, ich schätze die Gelegenheit, mit Ihnen ein wenig über meinen Werdegang zu sprechen, davor möchte ich jedoch ganz herzlich der DFG für die Unterstützung meines Forschungsaufenthalts in den USA danken. Sie haben Recht mit Ihrer Vermutung: Ich bin in Teheran zur Welt gekommen. Als ich zwei Jahre alt war, mussten allerdings meine Eltern aus politischen Gründen aus dem Iran flüchten, das war nach der Iranischen Revolution. Wir sind erst ins benachbarte Afghanistan und dann über Russland schließlich nach Berlin gekommen, genauer gesagt nach Neukölln. Als wir dort ankamen, war ich gerade neun Jahre alt geworden, hatte bis dahin noch recht unregelmäßig eine reguläre Schule besucht, konnte aber neben meiner Muttersprache Farsi und ihrem afghanischen Dialekt Dari auch Russisch.

DFG: Von bleibendem Nachteil ist das doch offensichtlich nicht gewesen?

AJ: Das korrekt zu beantworten, fehlt die Kontrollgruppe, aber Sie haben Recht, es mag sogar insofern nützlich gewesen sein, als ich mir mittlerweile noch ein paar weitere Sprachen habe aneignen können und gelernt habe, schnell mit Neuem umzugehen. Es hat aber vor allem auch mit der Betreuung und Förderung zu tun, die ich außerhalb von Schule in meiner Familie habe genießen können. Ich habe früh Lesen, Schreiben und die Grundrechenarten von meiner Mutter im Home Schooling beigebracht bekommen. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich früh und gerne im Kopf gerechnet. Hinzu kommt, dass ich in einem Elternhaus groß geworden bin, in dem Bildung grundsätzlich ein großer Wert zugemessen wird. Wir hatten immer viele Bücher zuhause und meine Mutter hat mir abends vorgelesen. In Berlin habe ich regelmäßig ein Schachklub mit anderen geflüchteten iranischen Kindern besucht und meine Eltern haben für mich Klavier- und Malunterricht organisiert, um mir einen Kanal zu geben, über die Kunst meine Gefühle auszudrücken. Ich male und zeichne heute noch gerne, manchmal recht intensiv.

Wenn es mal in der Schule gehakt haben sollte, wurde das Problem gleich zielführend angegangen. Die deutsche Grammatik ist zum Beispiel wohl für keinen Neunjährigen kinderleicht verständlich, schon gar nicht, wenn Deutsch nicht die Erstsprache ist. Wir hatten viele Schüler an der Sonnen-Grundschule in Neukölln, deren Muttersprache nicht Deutsch war, aber ich war wohl einer der sehr wenigen, bei dem die Familie durch das Engagement einer Tutorin so rechtzeitig intervenierte, dass die Empfehlung zum Besuch eines Gymnasiums ausgesprochen werden konnte. Wenn ich mich zurückerinnere, da gab es links und rechts schon auch andere talentierte Kinder, deren Talent dann aber in einer Verkettung jeweils ungünstiger Umstände leider oft auf der Strecke geblieben ist. Alumni der Sonnen-Grundschule in Neukölln sind – das behaupte ich jetzt mal so ins Blaue – an den Doktorandenkolloquien Berliner Universitäten deutlich unterrepräsentiert. Dafür, dass es bei mir geklappt hat, bin ich meiner Familie sehr dankbar, auch dafür, dass sie eine an sich traumatische Fluchterfahrung für mich hat insgesamt intellektuell bereichernd und stärkend werden lassen. Ich hatte auch das Glück, viele sehr liebe, kluge und fördernde Lehrerinnen und Lehrer gehabt zu haben (ein Trend, der sich in Form von sehr unterstützenden und fördernden Betreuern und Mentoren bis heute fortgesetzt hat).

DFG: Noch ein Wort zur Familie. Ist Mathematik dort überdurchschnittlich präsent und was machen Ihre Geschwister?

AJ: Ja, beide meine Eltern kommen aus Familien mit überdurchschnittlich vielen Berufen im natur- und ingenieurswissenschaftlichen Bereich. Eine Großmutter war Mathelehrerin an einer Dorfschule, eine Tante hat sogar bis zum Ausbruch der Revolution Mathe studiert, meine Mutter hat neben ihrem Studium als Mathelehrerin gearbeitet und mein Vater war Ingenieurstudent an der renommierten Sharif Universität in Teheran und bekam ein Stipendium, um an der MIT in den USA weiter zu studieren, dass er aber wegen dem Ausbruch der Revolution leider nie antrat. Mein jüngerer Bruder, wir sind nur zwei Kinder, tickt da ein wenig anders und lässt sich nach einem abgeschlossenen Psychologiestudium gerade zum Psychotherapeuten ausbilden.

DFG: Ist das wirklich so weit weg von Mathematik? Könnte man die Psychologie nicht auch als eine Wissenschaft von menschlichen Gedanken oder der Struktur menschlicher Gedanken beschreiben.

AJ: Sie fischen jetzt nach einem Glaubensbekenntnis. Nein, ich bin davon überzeugt, dass wir uns die Mathematik nicht nur einfach ausdenken, sondern sie entdecken. Diese Medaille hat allerdings zwei Seiten, nämlich eine diamantharte und viele Menschen leider abschreckende Strenge. Auf der anderen Seite entbehrt sie nicht einer gewissen Poesie oder Schönheit, wenn Sie wollen, in den sehr kurzen Momenten der Einsicht und wenn neue Zusammenhänge sich auftuen. Günter Ziegler hat wunderbar dargelegt, worum es in diesen Momenten geht. Er hat aber auch deutlich gemacht, dass Mathematik neben Begabung ein gehöriges Maß an Schmerztoleranz verlangt, weil sich die Schönheit eben nur so selten zeigen mag.

DFG: Sie haben sich in Ihrer Promotion an der Berlin-Potsdamer Graduiertenschule „Stochastic Analysis with Applications in Biology, Finance and Physics“ (RTG 1845) und der Berlin Mathematical School mit der bedingten Mengenlehre befasst. Wenn Nicht-Mathematiker Schönheit beschreiben, dann hört sich das aber anders an.

Ein Mathematiker bei der Arbeit

Ein Mathematiker bei der Arbeit

© Asgar Jamneshan

AJ: Ja, ich räume ein, dass sich weder die Sprache der Mathematik noch die Schönheit mathematischer Erkenntnis jedem ohne Weiteres erschließt. Wenn Sie auf eine Partitur schauen, erschließt sich Ihnen ja die Schönheit der darin ausgedrückten Musik auch nur, wenn Sie diese Symbolsprache verstehen und sich die Musik, die darin zum Ausdruck kommt, „vorstellen“ können. Aber nicht jede Form der Mathematik ist für jeden schön (denken Sie an verschiedene Musikgenres). Mir zum Beispiel hat sich bislang noch nicht die Schönheit in der Finanzmathematik erschlossen (trotz langer Beschäftigung), vielleicht auch, weil ich es eigentlich nicht als Aufgabe der Wissenschaft begreife, ohnehin schon sehr reichen Menschen oder Institutionen zu noch mehr Reichtum zu verhelfen (und das oft zum Nachteil des Allgemeinwohls). Wer darüber hinwegsehen kann, der kann sicherlich auch in diesem „Genre“ der Mathematik Schönheit finden. Andererseits ist es interessant, dass die bedingte Mengenlehre, eine Methode, die ich während meiner Doktorarbeit mit anderen Kollaborateuren entwickelt habe und die ursprünglich durch Probleme in der Finanzmathematik motiviert war, heute auf Fragestellungen in Gebieten, die eher der reinen Mathematik zugeordnet werden, Anwendung findet.

DFG: In Ihrem Projektantrag für das Postdoc-Stipendium referieren Sie zum Stand der Forschung die Theorie einer Dichotomie von Struktur und Zufall. Für einen Laien wie mich ist das insofern bemerkenswert, als ich Zufall und Struktur als ein Gegensatzpaar kenne. Manchmal würde ich mich sogar mit der Behauptung weit aus dem Fenster lehnen, es gäbe keine Zufälle, sondern allenfalls Situationen, in denen wir die Determinanten noch nicht richtig kapiert haben.

AJ: Damit fallen Sie aber schneller aus dem Fenster, als Ihnen das lieb sein darf. Es gibt wirklichen Zufall und ich vermute, dass Zufall sogar ein konstitutives Element der Wirklichkeit und nicht nur unserer Wirklichkeit ist. Zufall und Struktur sind keine Gegensatzpaare, sondern in einer dialektischen Einheit verbunden, somit sind Zufall und Struktur nicht voneinander zu trennen. Zufall besitzt Struktur und Struktur Zufall. Ich verspreche mir von einem tieferen mathematischen Verständnis dieser Dichotomie oder Dialektik einen folgenreichen Fortschritt z.B. für die Riemannsche Vermutung, eines der bislang noch ungelösten Jahrhundertprobleme der Mathematik.

DFG: Können Sie vor diesem Hintergrund auch für einen Laien verständlich beschreiben, an was Sie arbeiten?

AJ: Ich will es versuchen: Der Fokus meiner Forschung liegt im Kreis der Probleme und Gebiete, die mit dem Satz von Szemeredi in Verbindung gebracht werden. Dieser Satz stellt eine Verbindung zwischen der Größe einer Menge von Zahlen, also der Anzahl ihrer Elemente, und ihrer arithmetischen Struktur her, also so etwas wie arithmetische Progressionen. Dabei ist eine arithmetische Progression eine Zahlenfolge, in dem die Differenz zweier aufeinander folgender Zahlen immer gleich bleibt, z.B. 4 9 14 19 ist eine arithmetische Progression der Länge 4. Erstaunlicherweise erfordert das Verstehen dieses einfach klingenden Zusammenhangs zwischen der Größe einer Zahlenmenge und der in ihr enthaltenen arithmetischen Struktur tiefe und anspruchsvolle Techniken und verbindet mehrere scheinbar weit voneinander entfernt liegende Gebiete der Mathematik (und der theoretischen Informatik), wie z.B. die Kombinatorik, die Theorie dynamischer Systeme, die Harmonische Analysis und auch die mathematische Logik. Diese Fülle und die daraus resultierende rege Aktivität auf diesem Gebiet seit etwa 80 Jahren macht es zu einem der zentralen Fragestellungen in der heutigen Mathematik, da man sich letztlich davon ein tieferes Verständnis eines mathematischen Ausdrucks der Dichotomie zwischen Struktur und Zufall verspricht.

DFG: Sie haben Ihr Forschungsstipendium an der University of California, Los Angeles in der Gruppe von Terence Tao verbracht. Tao ist einer der bekanntesten Mathematiker unserer Zeit. Wie sind Sie dorthin gelangt?

AJ: Eher durch einen sehr dankbaren Zufall. Die eingangs erwähnte Methode, die ich in meiner Dissertation entwickelt hatte und vermutlich meine Freude an der Mathematik und Arbeitslust haben seine Neugier geweckt. Andererseits ist er ein unglaublich großzügiger Mentor und bereichert sein Umfeld enorm - sowohl mathematisch als auch persönlich. Ihn hatte meine Arbeit interessiert und wir sind in einen für beide Seiten sehr fruchtbaren Austausch gekommen.

DFG: Die Aussicht auf einen fruchtbaren Austausch wird vermutlich auch Maryam Mirzakhani nach Kalifornien gezogen haben, eine Iranerin und die erste Frau überhaupt, die mit der Fields-Medaille ausgezeichnet wurde.

AJ: Sie ist durch ihre starke Persönlichkeit und tiefe Mathematik ein großes Vorbild für mich. Jedoch war sie zunächst an der Ostküste in Harvard und dann an Stanford. Dennoch kann man schon in beiden Fällen, wie bei den größeren Math Departments in den USA überhaupt, von insgesamt sehr fruchtbaren Atmosphären sprechen, also sehr internationalen und kooperativen Umfeldern. Fachlich erleichternd sind in den USA auch die im Vergleich zu Deutschland, der Schweiz oder jetzt der Türkei flacheren Hierarchien und daraus folgend eine regelmäßiger an den Tag gelegte Gelassenheit (vielleicht sogar Bescheidenheit) und Austausch.

Zudem kommen an den Top-Unis in den USA die Leute wirklich aus allen Ecken der Welt. Vielfalt ist da nicht nur eine moralische Kategorie, sondern bewirkt auch eine unschätzbare Kreativität. Die Berlin Mathematical School rekrutiert 50 % ihrer Studierenden aus dem Ausland, genauso wie die Max Planck-Institute der Mathematik. Auch Einrichtungen wie das Hausdorff Center of Mathematics (HCM) in Bonn haben bereits eine bemerkenswerte internationale Anziehungskraft. Aber bis auf das Internationalisierungsniveau von UCLA, Harvard oder Stanford ist es noch ein Stück.

Neben dem Grad der Internationalisierung spielt vielleicht die Gruppengröße noch insofern eine Rolle, als man mehr Spezialisierungen versammelt bekommt. Das kann sehr fruchtbar sein. Durch Größe und Internationalisierung lässt sich auf der anderen Seite aber hervorragende Fruchtbarkeit auch nicht erzwingen.
Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung zu Maryam Mirzakhani. Sie gehört zur ersten bedeutenden Generation von Mathematikerinnen im Iran. Es ist eine im Ausland oft unterbelichtete Folge der sozialen Umwälzungen, die mit der iranischen Revolution verbunden sind, dass sie auch zu einer Bildungsexplosion geführt und viele Frauen an die Universitäten gebracht hat.

DFG: Mathematik ist auch wichtiger Bestandteil der Tradition iranischer Kultur, oder?

AJ: Ja und das entbehrt im Hinblick auf die im Iran ja theokratisch ausgerichtete Revolution nicht einer gewissen Ironie. Ich spreche von Omar Chayyām, der sich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts im Iran nicht nur als Dichter unvergesslich gemacht hat, sondern als erster systematisch Lösungen von kubischen Gleichungen untersuchte. Er ist der Vater der modernen Algebra und das fast 500 Jahre bevor man im Italien der Renaissance und später in Frankreich und in Deutschland diese Grundlagen weiterentwickelte. Das Pascalsche Dreieck, also die grafische Darstellung von Binomialkoeffizienten, hatte Chayyām bereits Jahrhunderte vor Blaise Pascal behandelt. Das mathematische Erbe von Chayyām wird auch heute noch im offiziellen Iran sehr hoch gehandelt, anders als, und damit komme ich zur Ironie, seine Dichtung. Sie lobt in einer von ihm sehr sinnenfroh oder gar sinnlich gehandhabten persischen Sprache den Wein genauso häufig, wie sie skeptisch bis spöttisch gegenüber organisierter Religion ist.

DFG: Ein typisches Mathematiker-Klischee ist das des verschrobenen Einzelgängers, der sich über Jahre zurückgezogen der Bewältigung eines Problems widmet, sich nur sehr selten auf Konferenzen blicken lässt und wenn ja, dann am liebsten in der ländlichen Abgeschiedenheit von Oberwolfach. Auf der anderen Seite gibt es Math Departments wie das an der UCLA mit mehreren Dutzend Professorinnen und Professoren. Ist Mathematik nun eher ein Individual- oder ein Teamsport?

AJ: Die Frage nach Individual- oder ein Teamsport kann man vielleicht mit einem „sowohl als auch“ beantworten. Nehmen wir z.B. die Polymath Projekte, deren Idee auf den britischen Mathematiker und mit der Fields-Medaille ausgezeichneten Timothy Gowers zurückgeht. Es versucht, mathematische Probleme durch massive Kollaboration zu lösen. In einem Video auf YouTube erklärt Tao, worum es dabei geht und er verweist als Beispiel auf ein Paper in der Physik, in dem vor wenigen Jahren Messergebnisse am Large Hadron Collider als Existenzbeweis für das Higgs-Boson interpretiert wurden. Das Paper hatte seinerzeit eine Liste von 3.000 Autorinnen und Autoren, war also „massive collaborative“. Die von Gowers 2009 erstmals so aufgeworfene Frage war also: Lassen sich in Zeiten weltweiter und unmittelbarer Konnektivität nicht auch mathematische Probleme durch Polymath – hier übersetzt als Mathematik durch Viele – rasch und vielleicht sogar auch elegant lösen? Da liegen mittlerweile Erfahrungen aus mehreren Projekten und sogar Ergebnisse vor, die als Papers unter dem Pseudonym „Polymath“ veröffentlicht worden sind.

Andererseits ist die Mathematik kumulativ. Das zeigt etwa die Klassifizierung von einfachen endlichen Gruppen, an der über einen Zeitraum von über 50 Jahren im 20. Jahrhundert etwa 100 Mathematiker beteiligt waren. Auch wenn Sie an Andrew Wiles und seine Lösung eines von Fermat aufgeworfenen Problems schauen, wird das deutlich. Er ist vielleicht neben Grigori Perelman das Paradebeispiel des einsamen Wolfes in der Mathematik, aber beide haben natürlich auf jeweils den neuesten Stand der Forschung zurückgegriffen und auch nur so sind solche Durchbrüche möglich. Sie haben dann allerdings in einer sehr originellen oder wenn Sie wollen „schönen“ Art und Weise den allgemeinen Kenntnisstand auf ein deutlich höheres Niveau gehoben. Für solche Lichtblitze kann Abgeschiedenheit oder Interaktion gleichermaßen konstitutiv sein. Ex post kann man sehen, welche Konstellationen fruchtbar waren, ex ante sind solche Aussagen deutlich schwieriger.

DFG: Das deckt sich mit einer Aussage des in den 1940er Jahren für die New York Yankees Baseball spielenden Philosophen Yogi Berra, den man gerne mit den Worten zitiert: „Voraussagen sind nur schwer zu machen, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Die Beliebtheit des Zitats zeugt von einem weit verbreiteten Unwohlsein, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Man könnte Sie ein beruflichen Probabilisten nennen, jemand, der mit mathematischen Werkzeugen die Unwägbarkeiten der Zukunft im Zaum hält. Macht Sie das insgesamt gelassener?

AJ: Auf rationaler Ebene wäre ich wahrscheinlich auch gelassen, wäre ich nicht Probabilist geworden. Angst oder Unwohlsein im Hinblick auf die Zukunft sind allerdings eher Bauchgefühle und gerade da hilft die Mathematik nicht so zuverlässig.

DFG: Können Sie denn wirklich auf probabilistische Versuchsanordnungen rein rational reagieren? Nehmen wir an, ich werfe vor Ihren Augen eine Münze und immer wieder zeigt das Ergebnis „Kopf“. Ab welchem Versuch würden Sie darum bitten, sehen zu dürfen, ob die Münze nicht auf beiden Seiten „Kopf“ aufgeprägt hat, also wirklich „fair“ ist?

AJ: Weil Sie von der DFG sind, würden Bauch und Kopf mich erst einmal in Sicherheit wiegen, dass Sie mich nicht aufs Glatteis führen wollen. Mein Kopf würde nicht rebellieren, wenn zehnmal hintereinander ein und dasselbe Ergebnis des Münzwurfs zu beobachten wäre, das bekommt man mit Mathematik locker plausibilisiert. Irgendwo so zwischen 30 und 50 würde sich dann vielleicht mein Bauchgefühl bemerkbar machen, allerdings verbunden mit dem Dilemma, dass ich eigentlich nur sehr ungerne realisieren würde, von der DFG aufs Glatteis geführt worden zu sein.

DFG: So was liegt uns fern, keine Sorge. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Mathematikerehepaar

Mathematikerehepaar

© Asgar Jamneshan

AJ: Ich bin derzeit an der Koç Üniversitesi in Istanbul. Das ist eine kleine, noch sehr junge Privathochschule. Meine türkische Frau, auch sie ist Mathematikerin und im Moment an der Simon-Fraser University in Vancouver, beginnt ab September an der Boğaziçi Üniversitesi in Istanbul zu arbeiten. In Istanbul lässt sich derzeit das leidige Zwei-Körper-Problem am besten lösen. Ich bin aus leicht nachvollziehbaren Gründen sehr an Familie interessiert. In welcher Stadt oder Region auch immer – am liebsten natürlich in Deutschland – sich für mich und meine Frau Familiengründung mit einer Weiterführung unserer beruflichen Karrieren vereinbaren lässt, da gehen wir dann auch hin. Meine Disziplin lebt ja von Herausforderung, vom Wegstecken von Frustrationen und der an Erfahrungen wachsenden Hoffnung, etwas gelöst zu bekommen. Das nimmt einem zu mindestens mal die Angst vor der Zukunft.

DFG: Wenn es für die unmittelbare Zukunft etwas gäbe, was Sie sich wünschten, was wäre das?

AJ: Mir endlich wieder regelmäßig Kreidestaub von der Hose zu klopfen. Es ist schon etwas Anderes, mit Kolleginnen und Kollegen vor einer Tafel zu stehen und gemeinsamen Gedankenaustausch zu betreiben. Das hat jetzt in der Pandemie deutlich gefehlt, selbst wenn es durch die elektronischen Medien sehr einfach geworden ist, virtuell beisammen zu sein.

DFG: Ich möchte mich und im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen für dieses sehr unterhaltsame und informative Gespräch bedanken und Ihnen für Ihre berufliche und private Zukunft alles Gute wünschen.

Das erwähnte Video von Terence Tao unter: