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„In Amerika gewesen“: Deutsche Forschende in den USA und Kanada im Gespräch

(17.12.20) Dr. Mridul Agrawal hat von Januar 2018 bis Januar 2020 als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) am Dana-Farber Cancer Institute, Harvard Medical School ein lebenswissenschaftliches Forschungsprojekt im Bereich der Hämatologie und Onkologie durchgeführt. Er sprach mit dem Nordamerika-Büro der DFG über das besondere Innovationsklima am Standort Boston, die äußeren Rahmenbedingungen erfolgreicher Forschung in der Gruppe um Prof. Benjamin L. Ebert, über das Spannungsfeld von Planung und glücklicher Fügung, über Musik und Kunst und seine Spielstärke im Tischtennis.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert mit dem Forschungsstipendium die Grundsteinlegung für wissenschaftliche Karrieren durch Finanzierung eines eigenen, unabhängigen Forschungsvorhabens im Ausland und seit 2019 auch in Deutschland. Ein großer Teil dieser Stipendien wird in den USA und zu einem kleineren Teil auch in Kanada wahrgenommen, Ausdruck einer vor allem in den Natur- und Lebenswissenschaften immer noch herrschenden Überzeugung, dass „in Amerika gewesen“ zu sein für die Karriere hilfreich sei.

Wir möchten Ihnen heute einen Eindruck davon vermitteln, wer sich hinter der DFG-Fördernummer AG 252 verbirgt.

Dr. Mridul Agrawal und seine Mitforschende am Dana Farber Cancer Institute, Harvard Medical School

Dr. Mridul Agrawal und seine Mitforschende am Dana Farber Cancer Institute, Harvard Medical School

© Mikołaj Słabicki

DFG: Lieber Herr Agrawal, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch nehmen. Ihr Lebenslauf quillt ja geradezu über mit interessanten Anknüpfungspunkten, Auszeichnungen und beruflichen bzw. Ausbildungs-Stationen. Wir werden da hoffentlich auf einiges eingehen können. Es sieht von der Papierform her alles sehr konsequent geplant und durchgeführt aus. Gibt es in Ihrer Biographie auch weniger durch Sie geplante Weichenstellungen?

Dr. Mridul Agrawal

Dr. Mridul Agrawal

© Privat

Mridul Agrawal (AG): Herzlichen Dank erst einmal an die DFG, dass sie mir nicht nur einen Forschungsaufenthalt in den USA ermöglicht hat, sondern mir nun auch die Gelegenheit gibt, darüber in einem angenehmen Format zu reflektieren und zu sprechen. Die verkürzende Papierform sieht viel mehr nach Planung oder gar Strategie aus, als es tatsächlich der Fall ist. Meines Erachtens sind Biografien nicht wirklich plan- oder berechenbar, ich habe bisher das Privileg gehabt einfach meinen Interessen folgen zu dürfen; diese haben mich wiederum oftmals auf Wege gebracht, deren Abzweigungen für mich so nicht vorhersehbar waren. Ich hatte zudem meistens das Glück, dass ich auf Weggefährten und Mentoren stieß, die mich inspiriert haben und mir Vertrauen, Unterstützung und Freiheiten schenkten, was mich bestärkt hat meinen eigenen Weg weiterzugehen. Diese „Starthilfe“ in ganz unterschiedlichen Situationen hat mir sicherlich auch dabei geholfen an anderen Stellen den Mut zu fassen, Entscheidungen zu treffen, die vielleicht auf den ersten Blick unkonventionell erscheinen, wie zum Beispiel das Studium der Gesundheitsökonomie parallel zur Medizin oder - wie kürzlich erst - ein Startup im Bereich Digital Health zu gründen. Meine indischen Wurzeln haben sicher auch einen Anteil daran, dass ich einigermaßen gelassen auf Neues und Unbekanntes zugehen kann und gleichzeitig hilft mir die deutsche Art dabei, einen eingeschlagenen Weg dann auch konsequent fortzusetzen.

DFG: Sie haben Ihr Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg absolviert, sind mit einer preisgekrönten Arbeit im Themenfeld der Hämatologie und Onkologie promoviert worden und haben dann auch noch einen Master of Science in Health Economics (M.Sc.) aufgesattelt und sich mit der Aufgabenverteilung im deutschen Gesundheitssystem befasst. Wo lag denn da die Ausfahrt zur translationalen Forschung und warum gerade Onkologie?

AG: Eigentlich schon in meiner und durch meine Doktorarbeit. Ich habe in meiner Promotion im Bereich der Leukämieforschung gearbeitet. Aufgrund eines gesundheitlichen Ereignisses in der Familie musste ich kurzfristig mein Erstes Staatsexamen verschieben und begann meine Doktorarbeit bei Prof. Dr. Andreas Hochhaus, damals noch in Mannheim, jetzt in Jena. Das erwies sich als ein Glück im Unglück, denn Professor Hochhaus war ein wichtiger Mentor für mich. Er vermittelte mir in frühen Jahren die Begeisterung für die translationale Forschung, gab mir einen wissenschaftlichen Kompass an die Hand und führte mich an die klinische Medizin heran. Die Onkologie fasziniert mich, weil sie eine besondere Nähe zu Patienten ermöglicht, den Menschen ganzheitlich betrachtet und sich im ständigen Wandel durch den Innovationsschub befindet. Für mich ist es das Fach, das es mir am besten ermöglicht, meine Leidenschaft für die praktische Medizin mit meinem Interesse für die Wissenschaft zu verbinden.

DFG: Sie sind mit einem Forschungs-Stipendium der DFG nach Boston gegangen, um durch Chemotherapien hervorgerufene Resistenzmechanismen bei Leukämieerkrankungen zu untersuchen. Ihr Projekt ist nun im Labor von Benjamin L. Ebert am Dana-Farber Cancer Institute, Harvard Medical School angesiedelt. Warum gerade in diese Gruppe?

AG: Ich habe mein ursprüngliches Forschungsprojekt nach Ankunft in Boston gewechselt, da ich nach einigen Pilotexperimenten schnell feststellte, dass die Fragestellung methodisch nicht eindeutig zu beantworten war. Den Mut zu fassen, auch mal ein Projekt zu beenden und sich nochmal neu zu sortieren, war eine wichtige und lebenspraktische Erfahrung für mich. Prof. Ebert hat mir dabei alle Freiheiten gewährt und mich aktiv unterstützt. Ich habe mir bewusst seine Arbeitsgruppe ausgewählt, weil diese entscheidend zum Verständnis der klonalen Hämatopoese als potentielles Vorläuferstadium von Krebserkrankungen beigetragen hat und an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und klinischer Anwendung arbeitet. Ich hatte 2015 im Rahmen eines internationalen Kongresses die Gelegenheit, Prof. Ebert persönlich kennenzulernen. Im Gespräch merkte ich schnell, dass er ein außergewöhnlicher Wissenschaftler und zugleich sehr sympathischer Mensch ist. Seine Art Wissenschaft zu leben, nämlich fundamentalen Fragestellungen hartnäckig nachzugehen, ist begeisternd und inspirierend. Man wird ermutigt, sich auch auf unbetretene Pfade zu einzulassen, um Neues zu entdecken. Auf diese Weise lernt man auch, wie man überhaupt die „richtigen“ wissenschaftlichen Fragen stellt. Natürlich ist das anspruchsvoll, bietet aber auch eine große Chance sich weiterzuentwickeln. Bei dieser Reise nimmt Prof. Ebert seine Rolle als Mentor sehr ernst und schafft zugleich eine sehr angenehme Atmosphäre in der Arbeitsgruppe, in der wir uns untereinander helfen und offen austauschen.

DFG: Wenn Sie Ihren derzeitigen Forschungsgegenstand einem Laienpublikum in drei Minuten darlegen müssten, was wären dann die Merkposten eines solchen Science Slam?

AG: Im Rahmen meines Postdocs untersuche ich den Einfluss von erworbenen Genmutationen in Blutzellen auf das Entzündungsgeschehen. Unser Labor hat in den letzten Jahren maßgeblich dazu beigetragen, bestimmte Genmutationen - bis dahin vor allen in bösartigen Erkrankungen des Blutes bekannt - auch bei gesunden, alternden Menschen ohne jegliche Auffälligkeiten des Blutes nachzuweisen. Dieses Phänomen wird als klonale Hämatopoese (engl. Clonal hematopoiesis of indeterminate potential, CHIP) bezeichnet. Die klonale Hämatopoese beschreibt also ein potentielles Vorläuferstadium von bösartigen Erkrankungen des Blutes wie zum Beispiel Leukämie und charakterisiert sich durch die Akquisition von Genmutationen bei jedoch fehlenden Blutbild- und Knochenmarkveränderungen.

Bei Leukämien entstammen sämtliche Krebszellen zumeist einer krankhaften Stammzelle, welche im Unterschied zu gesunden Stammzellen imstande ist, sich klonal zu vermehren. Interessanterweise beobachtete unsere Arbeitsgruppe, dass das Risiko für Menschen mit klonaler Hämatopoese eine bösartige Erkrankung des Bluts zu entwickeln mit einem Prozent pro Jahr zwar gering war, aber mit einer erhöhten Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen einherging. In weiteren Experimenten konnte gezeigt werden, dass Mäuse mit klonaler Hämatopoese durch eine Ausschüttung von unterschiedlichen Botenstoffen den Entzündungsprozess verstärken, welcher die Plaquebildung in Blutgefäßen begünstigt. Hier setzt auch mein Forschungsprojekt an, ich erforsche derzeit, inwiefern bestimmte Genmutationen in Blutzellen Einfluss auf den Entzündungsvorgang auch außerhalb von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen können.

DFG: Sie sind jetzt 33 Jahre alt, Professor Ebert vermutlich Anfang, Mitte 50. Trauen Sie sich in den nächsten 20 Jahren zu, auf ein solches Niveau aufzusteigen, also Leiter einer größeren Forschungsgruppe oder gar Direktor eines Max-Planck-Instituts zu werden und hätten Sie den nötigen Ehrgeiz dazu?

AG: Ich mache meine Arbeit sehr gerne und bin sicherlich auch ehrgeizig, allerdings möchte ich zunächst meinen Postdoc und die wissenschaftlichen Projekte erfolgreich abschließen. Im Anschluss daran würde ich gerne meine akademische Laufbahn als Physician-Scientist mit Aufbau einer eigenen Arbeitsgruppe fortsetzen. Ich freue mich auch darauf, wieder als Arzt zu arbeiten, denn die Arbeit mit Patienten habe ich vermisst. Ich bin nicht von bestimmten Titeln oder Positionen geleitet, sondern möchte weiter meinen Interessen nachgehen und mich in der Hämatologie/Onkologie engagieren, um durch ein genaueres Verständnis der Pathophysiologie zu Verbesserungen in der Diagnostik und Therapie von Krebserkrankungen beizutragen. Der Weg ist das Ziel.

DFG: Dann erübrigt sich fast schon eine unserer regelmäßigen Fragen, die nämlich nach beruflichen Alternativen. Ihrem Lebenslauf entnehme ich die Aufnahme in ein Talentprogramm der Boston Consulting Group (BCG). Hat man Sie da nicht schon rekrutieren wollen? Welche Alternativen können Sie sich vorstellen?

AG: Das war während meines Studiums und ist schon lange her. Ich wollte mir einen eigenen Eindruck von unterschiedlichen Berufsbildern verschaffen. Die Frage nach beruflichen Alternativen stellt sich derzeit nicht. Ich bin sehr zufrieden, dass ich in der Medizin geblieben bin. Ich bleibe neugierig und offen, die Medizin bietet dabei sehr viele Entfaltungsmöglichkeiten - sei es als Arzt, Wissenschaftler oder Gründer. Ich habe große Freude an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und Medizin zu arbeiten, und als Gründer begeistert mich die Möglichkeit, Ideen an der Wirklichkeit zu messen und Veränderungen voranzutreiben.

DFG: Themenwechsel: Die DFG sitzt in Bonn, in Bonn wurde vor 250 Jahren Ludwig van Beethoven geboren und Sie spielten Oboe, kurz: Wir dürfen hier auch über Musik sprechen. Die Krankenakte von Beethoven ist lang und endet mit einem Tod im Alter von nur 57 Jahren. Als Mediziner und Musiker gefragt: Hätte ein glücklicherer Beethoven eine andere Musik hinterlassen?

AG: Sehr interessante Frage, welchen Einfluss Glück beziehungsweise Unglück auf Werke von Künstlern haben. Im Unterscheid zur Wissenschaft sind Kunst und Musik eine Ausdrucksform, insofern glaube ich schon, dass Freud und Leid von Künstlern auch ein Stück weit Eingang in ihre Werke finden. Ihre Frage zu Beethoven ist für mich schwer zu beantworten, aber ich muss dabei an einen anderen Musiker aus der Gegenwart denken, den ich sehr bewundere und auch kennenlernen durfte. Augustin Hadelich, ein begnadeter und außergewöhnlicher Geiger, der eine schwere Verbrennung in seiner Jugend erlitt und sich seine Fähigkeiten auf dem Instrument wieder neu aneignen musste. Für mich transportiert seine Musik unglaublich viel Ausdruck, Klarheit und Emotionalität - vielleicht auch durch das biographische Ereignis beeinflusst.

Aber zurück zu Beethoven: Im vergangenen Jahr kam ich in den Genuss einer Aufführung seiner Kreutzer-Sonate durch den Pianisten Evgeny Kissin und den Violinisten Itzhak Perlman in der Boston Symphony Hall. Die Musik und das Zusammenspiel dieser beiden Virtuosen haben mich wirklich tief berührt. Ich kann mich aber auch genauso gut für Zakir Hussain an der Tabla oder für elektronische Ambience-Music a lá Aphex Twin begeistern.

DFG: In Ihrem Lebenslauf erwähnen Sie auch Ihre Mitgliedschaft bei den „ARTgenossen“, dem Jungen Förderkreis der Kunsthalle Mannheim. Was hat es damit auf sich und wo sehen Sie mögliche Schnittmengen von Kunst und Wissenschaft?

AG: Der Grund ist vielleicht banal, oder, wenn Sie mögen, durch einen Zufall geprägt. Das von mir besuchte Karl-Friedrich-Gymnasium liegt gleich gegenüber der Kunsthalle Mannheim und die Kunsthalle lag somit immer im Blick aus dem Fenster meines Klassenraums. Offensichtlich war ich neugierig genug, dort mal den Kopf reinzustecken und es hat sich wirklich gelohnt. Die ARTgenossen verfügen über ein kleines Budget und können damit Museums- und Atelierbesuche, Vorträge und kleine Veranstaltungen in der Kunsthalle organisieren. Der Blick hinter die Kulissen eines Museums war dabei für mich besonders interessant, ebenso der Austausch darüber mit Gleichaltrigen.

Ich denke, sowohl Kunst als auch Wissenschaft befassen sich - auf ganz unterschiedliche Weise - mit der Suche nach Wahrheit. Beide erfordern und fördern Kreativität. Ob nun überlappend oder nur nebeneinander ist da meiner Ansicht nach nicht so wichtig. Ich will es noch zuspitzen: Kunst kann und sollte vielleicht auch provozieren, Wissenschaft hingegen eigentlich nicht, sie muss vor allem nachvollziehbar sein.

DFG: Sie führen Tischtennis als eines Ihrer Hobbys auf und würden das vermutlich nicht tun, wenn Sie in dieser Disziplin nur zu einem eher volkstümlichen Ringelpiez aufspielen könnten. Gäbe es einen Ranglistenersten einer Tischtennis-Betriebssportgruppe der DFG, hätte er eine Chance gegen Sie? Sind Sie ein Angriffsspieler oder eher ein Verteidigungsspieler und was ist ihre Schlägerhaltung?

AG: Wenn auch mein Vorname „Sanftmut“ bedeutet und von meinen Eltern sicherlich in der Hoffnung ausgewählt wurde, entsprechenden Einfluss auf meine Charakterbildung zu nehmen – wenn es um Tischtennis geht, bin ich leidenschaftlicher Angriffsspieler. Meine bevorzugte Schlägerhaltung ist „Shakehand“, ein zutreffendes Wort, denn ich verabschiede mich nach dem Match immer ordentlich und danke dem Gegenüber für das faire Spiel. Bei einer DFG-Meisterschaft im Tischtennis bin ich gerne dabei!

DFG: Wir bedanken uns sehr herzlich für das Gespräch und drücken Ihnen die Daumen, dass die geplanten Dinge wie geplant laufen und die ungeplanten dann – wie offensichtlich schon häufiger in Ihrem Leben – einen glücklichen Ausgang nehmen.

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