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DFG-Ausstellung über die Serra da Capivara erstmalig in Brasilien

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Junge indigene Standbesucher der Völkergruppe Xukuru-Kariri

© DFG

(31.07.18) Im Rahmen der 70. Jahrestagung der Brasilianischen Gesellschaft für die Weiterentwicklung der Wissenschaft (SBPC), die vom 22. bis 27. Juli an der Bundesuniversität Alagoas (UFAL) in Maceió stattfand, präsentierte das DFG-Büro Lateinamerika zusammen mit dem Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo die Ausstellung „Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?“. Die beeindruckenden Fotografien der Biodiversität und der archäologischen Fundstellen der Region, die zu diesem Anlass erstmalig in Brasilien gezeigt wurden, zogen zahlreiche Besucherinnen und Besucher an.

Rund 60 Interessierte waren bei der von der DFG organisierten Eröffnungsveranstaltung zugegen, um dem Diskurs des geladenen Archäologen Prof. Dr. Demétrio Mutzenberg, des Fotojournalisten André Pessoa und des Historikers Uwe Weibrecht zur Erforschung der Besiedlung Amerikas zu folgen.

In den 1980er-Jahren brachten Ausgrabungen unter Leitung der Wissenschaftlerin Prof. Dr. Niéde Guidon in der Serra da Capivara jahrtausendealte Fundstücke zutage – möglicherweise die ältesten Siedlungsspuren in Amerika. Guidons erster Artikel in der Fachzeitschrift „Nature“ aus dem Jahr 1986 datiert die Fundstücke auf 32 000 Jahre und stellt die gängige Theorie infrage, der zufolge die Besiedlung Amerikas nicht länger als 15 000 Jahre zurückliegt. Die bis dahin ältesten Spuren gehörten zur Clóvis-Kultur, die vor 12 000 Jahren in der Region des heutigen US-amerikanischen Bundesstaats New Mexico zu finden war.

„Die meisten Forschenden beendeten ihre Ausgrabungen, als sie zu den 10 000 bis 12 000 Jahre alten Schichten vorgedrungen waren, in der Annahme, dass es nichts weiter zu entdecken gab. Niéde Guidon hingegen suchte weiter und war zu der Zeit die Einzige mit derart alten Funden, was dazu führte, dass viele die Glaubwürdigkeit ihrer Erkenntnisse anzweifelten“, erläuterte Pessoa, der die Forschungsarbeiten in der Serra da Capivara seit 25 Jahren begleitet und fotografisch festhält.

Heute ist die Theorie der Clóvis-Kultur längst nicht mehr die einzig anerkannte Rekonstruktion des komplexen Prozesses der Besiedlung des amerikanischen Kontinents. „Neue Erkenntnisse stellen diese Theorie mittlerweile in Frage, aber damals handelte es sich bei Niédes Entdeckungen um einen Einzelfall, der Rätsel aufgab. Heutzutage dienen diese Daten als Grundlage für weitere Erkundungen im semiariden Nordosten Brasiliens, in Chile, Mexiko und den USA“, so die Einschätzung von Prof. Dr. Mutzenberg.

Der Nordosten Brasiliens und insbesondere die Serra da Capivara im Bundesstaat Piauí bergen großes, noch unentdecktes Potenzial für interessierte Forscherinnen und Forscher. „Die Region hat leider seit Langem mit Vorurteilen zu kämpfen, die auf ihre langsamere Entwicklung, insbesondere im sozialen Bereich, zurückgehen. In Piauí befindet sich aber auch die größte, noch erhaltene Caatinga-Landschaft der Welt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bietet sie einen reichen Schatz an Biodiversität und anderen Besonderheiten, die noch erforscht werden müssen“, erklärte Pessoa. Die umfassend erhaltenen Naturgebiete und archäologischen Stätten erklärt er sich damit, dass in Piauí – im Gegensatz zu den benachbarten Bundesstaaten Pernambuco, Bahia und Ceará – keine großen Entwicklungsprojekte umgesetzt wurden.

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Eine Besucherin schaut den Dokumentarfilm zur Serra da Capivara

© DFG

Allerdings führen die für diese Vegetation typischen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht dazu, dass Risse in den Felsformationen entstehen und sich dadurch allmählich Steinplatten mit prähistorischen Malereien ablösen und zerstört werden. Zur Erhaltung des Weltkulturerbes der Serra da Capivara nutzen Forscherinnen und Forscher der zu diesem Zweck gegründeten FUMDHAM-Stiftung dreidimensionale Dokumentationstechniken und Verfahren der Georeferenzierung.

200 der insgesamt 800 archäologischen Fundstellen wurden auf diese Art und Weise bereits erfasst, die auch die Vermessung ungleichmäßiger Oberflächen wie zum Beispiel Felsbrocken sowie die Tiefenbestimmung der Zeichnungen erlauben. Das Ergebnis sind Datensätze in Form von Videos, Fotografien und hochpräzisen 3-D-Modellen, die zur Analyse der Degradierungen im Laufe der Zeit sowie zur Erarbeitung entsprechender Schutzmaßnahmen herangezogen werden.

Die Arbeit des Fotografen André Pessoa spielt dabei eine wichtige Rolle: Die Planung der 3-D-Erfassung erfolgt auf Grundlage der Analysen von Fotos in hoher Auflösung. Bei komplexeren Darstellungen eröffnet die Gegenüberstellung von zweidimensionalen Aufnahmen und 3-D-Projektionen außerdem neue Blickwinkel für die Interpretation der Malereien.

Die geografische Erfassung ermöglicht, die Daten zu den Fundstellen in nationale und internationale Datenbanken zu integrieren. Zum semiariden Nordosten existieren mehr als 2.300 Einträge mit umfassendem Material, das für zukünftige Forschungen genutzt werden kann. Laut Mutzenberg können mit diesen Informationen Statistiken erstellt und bestimmte Darstellungsmuster abgeleitet werden. Die Feststellung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den Malereien soll zu einem besseren Verständnis der prähistorischen Besiedlung und deren Verlauf in der Region führen.

„Das Zusammensetzen der Puzzlestücke zur Aufklärung dieser Fragen liegt jetzt in den Händen der folgenden Generationen an Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Es ist deshalb sehr wichtig, mehr Forschende für dieses Vorhaben zu erreichen und – wie es beispielsweise die DFG tut – internationale Kooperationen aufzubauen und zu fördern“, ergänzte Uwe Weibrecht, Moderator der Eröffnungsveranstaltung und Initiator der Ausstellung.

In den letzten Jahren förderte die DFG ein gemeinsames Projekt der FUMDHAM-Stiftung und des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). „Wir möchten gerne solch wichtige Forschungsprojekte unterstützen und mit unserer Arbeit erreichen, dass in Zukunft noch mehr bilaterale Projekte mit einer solchen Relevanz gefördert werden können“, bekräftigte die Leiterin des DFG-Büros Lateinamerika, Dr. Kathrin Winkler.

Die Ausstellung stieß auch auf großes Interesse in den Medien: In der täglich morgens ausgestrahlten Nachrichtensendung „Bom Dia Alagoas“ des Senders TV Gazeta, der zur Globo-Gruppe gehört, wurde ein Beitrag dazu produziert.