Internationales

Europäische Wege zu „Open Scholarship“

30. November 2015 Knowledge Exchange

Nahezu einhundert Expertinnen und Experten brachte die Initiative „Knowledge Exchange“ mit der Veranstaltung „Pathways to Open Scholarship“ am 30. November und 1. Dezember in Helsinki zusammen – und feierte in diesem Rahmen ihr 10-jähriges Bestehen. Selbst der Weihnachtsmann ließ sich blicken und erhielt einen kollektiv verfassten Wunschzettel im Gegenzug.

Treffen in Helsinki

Über die Forderungen nach einem offenen und transparenten Wissenschaftssytem sowie einem offenen Zugang zu wissenschaftlichen Informationen, Daten und Software bestand Konsens unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung. Es gebe jedoch auch eine große Anzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die nach wie vor zögern oder sich konsequent weigern, ihre Forschungsergebnisse einfacher zugänglich zu machen. Wieso das so ist und welche Wege sich aufweisen, um „Open Scholarship“ individuell, strukturell und technisch nicht nur zu erleichtern, sondern eine breitere Umsetzung zu erreichen, das diskutierten die eingeladenen Expertinnen und Experten aus den Knowledge Exchange Mitgliedsstaaten Deutschland, Niederlande, Großbritannien, Dänemark und Finnland mit weiteren Gästen aus Frankreich, Spanien, USA und anderen.

„Pathways to Open Scholarship“, moderiert von Bill Thompson (BBC), setzte den Rahmen für intensive Debatten über Offene Wissenschaft

„Open Scholarship“ meint mehr als „Open Access“, also den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen, erklärt in Helsinki der Würzburger Professor Fotis Jannidis, Mitglied im DFG-Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme (AWBI): „Für mich bedeutet Open Scholarship, dass der Forschungsprozess vom Anfang bis zum Ende in einer möglichst transparenten Art und Weise zur Verfügung steht.“ Dies gelte für die Produkte, die beim Forschen entstehen, über die Werkzeuge, die dafür angefertigt wurden, bis zur Datengrundlage, so Jannidis weiter. „Das ‚Open‘ bezieht sich also auf den Informationsstand der Beteiligten in der Art, dass Andere meine Aussagen und Resultate nachvollziehen können.“

Ein kritischer Umgang mit Forschungsergebnissen anderer – bringt das das vielzitierte verlorengegangene Vertrauen in die Wissenschaft zurück? „Traditional science is broken“, ein beflügeltes Wort auf der zweitägigen Veranstaltung, beschreibt ebendiese Misslage: In klassischer Manier publizierte Paper erfahren oft den Vorwurf der Nichtreproduzierbarkeit ihrer Ergebnisse, alles offenzulegen wird wiederum als „zweitklassig“ verpönt und unterliegt dem Verdacht, es nicht in hochgerankte Journals geschafft zu haben.

Den Wissenschaftler als Nutzer in den Blick zu nehmen, forderte Sascha Friesike

Den Eröffnungsvortrag bei „Pathways to Open Scholarship“ hielt Dr. Sascha Friesike vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Er führte aus, wie gute Ideen ein Lauffeuer entzünden: indem sie für den Nutzer und die Nutzerin (a) einen persönlichen relativen Vorteil und (b) einen nachweisbaren Vorteil erbringen, (c) nicht zu komplex, dafür (d) mit Bestehendem kompatibel und (e) zunächst ausprobierbar sind. Auch die Idee von Open Scholarship müsse sich am Nutzer, also den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern orientieren und die Usability wie den tatsächlichen Nutzen für die eigene Karriere in den Vordergrund rücken. Mit diesem Grundgedanken legte Friesike den Weg für einen Perspektivwechsel, der sich im Laufe der Veranstaltung vollzog: Wo Debatten bisher oft in aufzwängendem Tenor geführt wurden, müsse es nun darum gehen, intrinsische Motivation von Forscherinnen und Forschern zu schaffen. Dies unterstrich auch Fotis Jannidis: „Wir brauchen eine Idee, wie wir Open Scholarship so gestalten können, dass es für die Karriere des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin naheliegend ist, diesen Ansatz zu wählen.“

Die Knowledge Exchange Veranstaltung ermöglichte in verschiedenen Formaten wie Impulsvorträgen, knackigem Input unter dem Titel „5-Minute-Madness“ oder intensiven Debatten in „Breakout Groups“ den Austausch in vier Themenfeldern: (1) Vorteile, Risiken und Grenzen von Open Scholarship, (2) Erfolg von Forscherinnen und Forschern, (3) Technologie von Open Scholarship sowie (4) Publikationen und Veröffentlichungspraxis.

Die Breakout Group zur Publikationspraxis trug viele Punkte zum Wunschzettel bei

Zielvorgabe für die Breakout Groups war es, einen Brief an den Weihnachtsmann zu schreiben – passend zum Gastgeber Finnland, bekanntermaßen die Heimat des Weihnachtsmannes. Es kamen dabei realitätsferne wie realitätsnahe Wünsche zum Vorschein, die von einem eigenen Open Scholarship Institut, über gezieltere Marketingmaßnahmen bis zu einem Sabbatjahr frei von Zitationsdruck reichten. Besonderes Augenmerk auf Early Career Researchers zu legen, zog sich als zentraler Wunsch durch die Diskussionen: Es dürfe für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht zum Karrierenachteil werden, schon früh einen offenen Ansatz zu verfolgen. Ein weiteres wichtiges Anliegen bestand in der klareren Kompetenzverteilung und -zuordnung zwischen verschiedenen Stakeholdern wie Wissenschaftlern, Bibliothekaren und Datenspezialisten, also „Spezialisten für die Strukturen von morgen“.

Neurowissenschaftler Björn Brembs (Mitte) und Informatiker Wolf-Thilo Balke (rechts) brachten ihre Expertise auch ins informelle Gespräch ein

Denn dem Forscher von heute werde zu viel zugemutet, sagt Professor Björn Brembs (Regensburg): „Ich kann mich nicht auf meine Forschung konzentrieren, denn ich muss mich darum kümmern, dass meine Daten zugänglich sind, dass mein Code zugänglich ist, dass jemand meine Publikation lesen kann. Das kann nicht sein!“, so Brembs, „ich will meine Publikation schreiben, auf ‚publish‘ drücken, fertig.“ Brembs engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Open Scholarship und diagnostiziert kleine Fortschritte: „Wir konnten durch Veranstaltungen wie diese schon einiges in den Köpfen bewegen; aber die Konsequenzen, die wir daraus gezogen haben, die sind bei genauerer Betrachtung minimal.“

Die Initiative Knowledge Exchange möchte eine engere Zusammenarbeit zwischen nationalen Organisationen in Europa in den Bereichen Infrastrukturservices schaffen, um den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien für Wissenschaft und Bildung nachhaltig zu stärken. 2005 gegründet, feierte die Initiative nun ihr zehnjähriges Bestehen und blickte an den zwei Tagen auf zahlreiche Workshops und einflussreiche Berichte zurück, so etwa das „Surfboard for Riding the Wave“ von 2012.

Das Team von Knowledge Exchange

„Unser besonderes Merkmal ist es, dass wir europaweit Expertinnen und Experten zu Themen der Infrastruktur zusammenbringen und unsere Mitgliedsorganisationen auf diese Weise eine breite Expertise auf das jeweilige Thema erhalten“, erklärt Bas Cordewener, Koordinator der Initiative Knowledge Exchange. Auch die Ergebnisse der Jubiläumsveranstaltung werden in einem Bericht zusammengefasst, der ab Ende Februar 2016 den zahlreichen Stakeholdern und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, um künftige Wege zu einem Offenen Wissenschaftsprozess aufzuzeigen.

Frieda Berg