Aus der DFG

Begleitmedien zum Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde vorgestellt

5. November 2015 Materialvorstellung

Ein Gedenk- und Informationsort erinnert seit September 2014 am Ort der Täter in der Tiergartenstraße 4 neben der Berliner Philharmonie an die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde.

Tiergartenstraße 4

Am 5. November 2015 wurden im Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" aktuelle Begleitmedien vorgestellt. Dazu gehören ein Katalog und die Webseite www.t4-denkmal.de sowie das Buch "Tiergartenstraße 4. Schaltzentrale der nationalsozialistischen 'Euthanasie'-Morde" von Annette Hinz-Wessels. Die Inhalte der Dauerausstellung am Erinnerungsort aber auch die Begleitmedien, die auch in englischer und Leichter Sprache vorliegen, sind im Rahmen eines DFG-Erkenntnistransferprojekts an der Technischen Universität München entstanden. Der Katalog in Leichter Sprache wurde bereits zur Eröffnung des Gedenk- und Informationsortes publiziert und liegt inzwischen in zweiter, verbesserter Auflage vor.

Materialvorstellung in der "Topographie des Terrors"

Bei der von mehr als hundert Gästen besuchten Vorstellung am 5. November blickte Uwe Neumärker, Direktor Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, zurück und nannte die Marksteine der Erinnerung, die in den vergangenen zehn Jahren in Berlin entstanden sind: Vom Denkmal für die ermordeten Juden Europas (2005) über das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen (2008), das neugestaltete Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ (2010), das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas (2012) bis hin zum Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde (2014). Dieser trage dazu bei, dass die "Aktion T4" im Bewusstsein der Öffentlichkeit bleiben werde – zumal er seit der Eröffnung gut besucht werde.

"Wenn ich heute auf die Philharmonie zugehe, ist die blaue Glaswand nicht zu übersehen. Und immer verharren dort Passanten – einzeln, in Gruppen oder auch ganze Schulklassen. Irritiert oder zögerlich bleiben sie stehen und viele kommen näher, um die Glaswand zu betrachten oder auf dem Ausstellungspult zu lesen", beobachtete auch DFG-Vizepräsident Professor Dr. Peter Funke: Der Ort gebe Menschen eine Stimme, die damals keine hatten.

Gute Gründe für das DFG-Engagement

"Warum spricht heute ein Mitglied des Präsidiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft?" – diese Frage beantwortete Funke auf zweierlei Weise. Erstens fördere die DFG Forschung in allen Disziplinen, darunter auch der historischen Forschung. Für diese sei der Fund der Akten der Opfer der „Aktion T4“ in den Archiven der Staatssicherheit der DDR zu Beginn der 1990er Jahre ein wichtiger Impuls gewesen. Der erste Schritt, den die DFG "nachdrücklich gefördert" hat, war die Erschließung und wissenschaftliche Auswertung dieser Akten. Die Aufbereitung der Ergebnisse für den Gedenk- und Informationsort nannte Funke als gelungenes Beispiel für den Transfer der Forschung in die Gesellschaft – und bemerkenswert für die Geisteswissenschaften, in denen solche Projekte seltener und weniger selbstverständlich seien: "Für die DFG war die Arbeit am Gedenk- und Informationsort ein Novum und für alle Beteiligten eine Herausforderung." Neben dem Gedanken der Barrierefreiheit in allen denkbaren Varianten, der die gesamte Arbeit durchzogen habe, verhandle der Ort die Grundspannung, an einem Ort der Täter der Opfer zu gedenken.

Auch PD Dr. Gerrit Hohendorf beschrieb das Denkmal in seinem Vortrag: "Die blaue Glaswand soll die Verbindung zu den Ermordeten herstellen und die Erinnerung ermöglichen." Neben der Zugänglichkeit des Ortes für Menschen mit Behinderungen haben auch die Begleitmedien den Anspruch von bestmöglicher Barrierefreiheit. "Zugänglichkeit und freie Verfügbarkeit der Informationen für alle sind das besondere Kennzeichen des Ortes", führte Hohendorf aus. Daher sind die Informationen an den 30 Meter langen Medienpulten ebenso wie der Katalog und die Webseite nicht nur ins Englische sondern auch in Leichte Sprache übersetzt worden. Und auch die Veranstaltung selbst nahm das Motiv auf – alle Reden und auch die Musik wurden in Gebärdensprache übersetzt. "Für uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler war der Prozess der Übersetzung ein großer Gewinn: Leichte Sprache zwingt zur Konzentration aufs Wesentliche", sagte Hohendorf.

Für das DFG-Engagement gab Peter Funke einen weiteren Grund an: Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus: "Die DFG hat sich nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten eilfertig deren Ideologie zu eigen gemacht. So förderte sie Projekte in der Erb- und Rasseforschung, die ebenso wie die 'Aktion T4' Leben in wert und unwert einteilten." Dieses dunklen Kapitels der eigenen Geschichte sei sich die DFG sehr bewusst und habe diese Zeit wissenschaftlich detailliert aufarbeiten lassen. Und um die im Rahmen des Erkenntnistransferprojekts zur "Aktion T4" gewonnen Erkenntnisse auch an anderen Orten verfügbar zu machen, hat sich die DFG entschlossen, die Inhalte der Medienpulte auch in Form einer Wanderausstellung aufzubereiten, die erstmals im Februar 2016 im Wissenschaftszentrum Bonn zu sehen sein wird. Hinzu kommt im April 2016 ein Symposium, das das Projekt bewerten und Perspektiven für die weitere Arbeit aufzeigen soll.

Abbildung der Grundrissüberlagerung der Villa T4 und der Philharmonie

Tiergartenstraße 4 - Schaltzentrale der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde

Einen Blick in die Geschichte der Liegenschaft in der Berliner Tiergartenstraße 4 wirft das Buch von Dr. Annette Hinz-Wessels, das ebenfalls am 5. November vorgestellt wurde. Sie zeichnete in ihrer Rede den Weg der 1909 von Georg Liebermann, einem Bruder des Künstlers Max Liebermann, erworbenen Villa bis in die 1950er Jahre nach. Die Villa mit über 30 Räumen und einem Ballsaal kostete den jüdischen Textilfabrikanten eine Million Reichsmark. Er vererbte sie an seine Kinder, die dort jedoch nicht wohnten. Stattdessen residierten zwischen 1927 und 1932 renommierte Kunsthandlungen an der prestigereichen Adresse.

Schon kurz nach der Machtübernahme 1933 mietete die nationalsozialistische SA-Gruppe "Berlin-Brandenburg" die Villa und den Nebenbau in der Tiergartenstraße 4a und passte die Gebäude ihren Bedürfnissen an. Der "Röhm-Putsch" und der damit verbundene Machtverlust der SA kurz darauf führten zu Durchsuchungen, oder wie Hinz-Wessels anhand von damaligen Zeitungsberichten zitierte: "Überfallkommandos hoben die Villa aus." Anschließend zog die NSDAP-Auslandsorganisation in die Gebäude.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die staatlichen Organisationen formal Mieter; die Besitzer wurden nach 1933 immer mehr diskriminiert: Der Sohn Georgs, Hans Liebermann, wurde 1934 aus seiner Dozententätigkeit entlassen und nahm sich 1938 das Leben. Er hatte seinen Anteil an dem Grundstück seiner nichtjüdischen Frau Clara überschrieben. Seine Schwester Eva beging 1939 Selbstmord, die jüdische Gemeinde in Frankfurt erbte ihren Anteil. Die Liegenschaft lag außerdem in dem Gebiet, das der Architekt Albert Speer zur Reichshauptstadt Germania ausbauen wollte ein Umstand, der 1939 in ein Enteignungsverfahren mündete. Der eigentliche "Erlös" dieses Zwangsverkaufs im Jahr 1940 in Höhe von 400.000 Reichsmark traf allerdings nie bei Clara Liebermann ein.

"Aktion T4" bezieht die Villa

Damals lief die "Aktion T4" bereits; im März 1940 wurde Viktor Brack, einer der maßgeblichen Organisatoren der „Euthanasie“-Aktion in der Kanzlei des Führers, auf die Villa aufmerksam. Er nutzte sie zusätzlich zu den geheimen Büros am Columbusdamm und richtete eine Telefonzentrale, Übernachtungsmöglichkeiten im Dachgeschoss sowie Büroräume für über 60 Angestellte ein. Im August 1941 stellten die Nationalsozialisten die Gasmorde ein, "die Arbeit ging jedoch weiter", wie Hinz-Wessels anhand von Dokumenten zur Suche nach neuen Arbeitsfeldern wie der Judenvernichtung oder dem Russlandkrieg schilderte. Die Tiergartenstraße 4 wurde zum Drehkreuz: 80 Mitarbeiter fuhren offiziell zur Unterstützung der Organisation Todt in die Sowjetunion, es gibt jedoch Hinweise, dass sie sich dort an Tötungen beteiligten. 120 T4-Männer trugen ab 1941/1942 zum Aufbau der Vernichtungslager Belzec, Sobobor und Treblinka bei.

Nachdem im Jahr 1943 Bomben die "Aktion T4"-Dependance in der Wilhelmstraße zerstörten, wurden die Aktivitäten in der Tiergartenstraße 4 zusammengezogen. Ebenfalls 1943 wurden die Akten ausgelagert, im Herbst trafen Bomben auch die Villa schwer. Bis März 1945 waren, so berichtete Hinz-Wessels, dennoch weiterhin Mitarbeiter dort tätig. Nach den Kämpfen um die Berliner Innenstadt war der Platz des heutigen Kulturforums und der Philharmonie eine Ruinenlandschaft – im Anschluss an den Krieg wurden alle Gebäude gesprengt.

Zur Entwicklung des Gedenk- und Erinnerungsortes

PD Dr. Gerrit Hohendorf schloss in den 1950er Jahren an, in denen die Gesellschaft lieber "einen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus ziehen wollte" und viele der Täter freigesprochen wurden. In Familien, Kliniken und Gesellschaft griff das Vergessen um sich. Als die Philharmonie gebaut wurde, spielten die Tiergartenstraße 4 und ihre Geschichte keine Rolle: Das Grundstück wurde zum Teil durch die neue Philharmonie bebaut und davor eine Bushaltestelle eingerichtet.

Erst 1987 erinnerte in einem ausrangierten Doppeldeckerbus der Berliner Verkehrsbetriebe eine mobile Ausstellung an die „Aktion T4“ und den historischen Ort Tiergartenstraße 4. Der Berliner Senat widmete ex post und gleichsam "unsichtbar" die Skulptur des Künstlers Richard Serra den "Euthanasie"-Opfern. Am 1. September 1989 wurde eine erste Gedenktafel installiert, gefolgt von verschiedenen Initiativen, die im Jahr 2007 im "Runden Tisch" mündeten. Im Jahr 2008 erinnerte die Skulptur der "Grauen Busse" temporär an die Geschehnisse der NS-Zeit, 2009 folgte ein Symposium im Martin-Gropius-Bau. Die verschiedenen Aktivitäten führten zum Bundestagsbeschluss vom 10. November 2011, einen Gedenkort für die Opfer der „Euthanasie“-Morde einzurichten. Nach diesem Beschluss lobte das Land Berlin einen Gestaltungswettbewerb (2012) zur Übergabe des Gedenk- und Informationsortes an die Öffentlichkeit aus (2014). Hohendorf verwies außerdem auf weitere Gedenkorte in ganz Europa, die im Katalog und auf der Webseite www.t4-denkmal.de beschrieben werden, so beispielsweise im französischen Clermont de l'Oise oder im weißrussischen Mogilew.

Die Webseite stellte Dr. Christof Beyer vor. Er ging auf die die übersichtlich gestaltete Struktur der Website ein, wies auf die verfügbaren Sprachen Deutsch, Englisch, Leichte Sprache und Deutsche Gebärdensprache hin und zeigte einige der hier aufrufbaren Videos. Die Website enthält 20 Opferbiographien, die zusammen mit weiteren Abbildungen, Bildtexten und Täterbiographien die am Medienpult des Gedenk- und Informationsortes verfügbaren Informationen ergänzen und zu einem möglichst vollständigen Bild der nationalsozialistischen Patientenmorde sowie ihrer Vor- und Nachgeschichte beitragen.

Szenische Lesung mit Musik

Besonders bewegend war der Vortrag des Schauspielers Michael Stacheder unterlegt von Akkordeonmusik des Musikers Martin Schlumberger. Briefe der Angehörigen, konterkariert von denen der Ämter und Anstalten sprachen aus dem Leben zweier "Euthanasie"-Opfer. Weder Fritz D., der an Epilepsie litt, noch Günther E., der in arme Verhältnisse hineingeboren wurde, konnten durch ihre Familien gerettet werden.

Für ersteren setzten sich Schwester und Schwager ohne Erfolg immer wieder ein. Seine Angst vor dem "Verrücktwerden", wenn er denn in einer Heilanstalt anstatt zu Hause sei, durchzog Musik und Wort. Sein Leidensweg, der 1934 mit einer Anfallsserie begann, führte ihn in einen der Transporte, die ab Mai 1941 Menschen von der Zwischenanstalt Waldheim in Sachsen in die Gaskammer der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein der „Aktion T4“ brachten.

Auch Günther E., der 1934 nach einer Anzeige von Nachbarn seinen Eltern aus "menschenunwürdigen" Verhältnissen in "einstweilige Pflege" weggenommen worden war, erlebte eine jahrelange Tortur in Heimen und Anstalten. Nachdem die Obrigkeit seine Eltern als "beschränkt und ungeeignet zur Erziehung" eingestuft hatte, war er zunächst bei einer Pflegemutter, später dann in einem "Knabenheim". Die Wortwahl der amtlichen Briefe berührt dabei immer noch: "Günther E. ist erheblich belastet, schwachsinnig, kaum lernfähig und scheu." Solche Gutachten brachten den Jungen 1936 in eine Anstalt für geistig behinderte Kinder, wo er trotz etlicher Briefe des Vaters keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern erhielt. 1938 wurde er als "bildungsunfähig ausgeschult", 1939 der Vater aufgefordert, das Sorgerecht abzugeben. 1940 bescheinigte ein Arzt dem Kind "geringgradiges Auffassungsvermögen" und die Abstammung aus einer "erheblich belasteten Sippe"; die Schwester leide unter "erheblicher mongoloider Idiotie". 1940 erhielt der Vater einen "Trostbrief". Sein Sohn sei am 4. Juni an einer Lungenentzündung verstorben: "Sein Tod bedeutet Erlösung." Wohin man die Asche senden solle?

Der Gedenk- und Informationsort und auch die nun verfügbaren Begleitmedien sollen dafür sorgen, dass diese beiden und alle weiteren Schicksale nicht dem Vergessen anheimfallen und die Erinnerung an die Opfer und das grausame Tun der Nationalsozialisten nicht erlischt.