SCIENCE ON - Talk mit Cécile Schortmann

Antibiotika - Wie stoppen wir resistente Keime?

6. November 2019 Talkreihe der DFG in Kooperation mit der Bundeskunsthalle

Eine der wichtigsten Errungenschaften der Medizingeschichte ist bedroht: Antibiotika. Der massenhafte Einsatz der medizinischen Wunderwaffe beim Menschen und in der Tierhaltung hat dazu geführt, dass sich immer mehr resistente Bakterien entwickeln, gegen die es kein Gegenmittel mehr gibt. Wir müssen dringend handeln – nur wie? Wieviel Verantwortung trägt jeder Einzelne? Welche Rolle spielen die Pharma- und Nahrungsmittelindustrie? Und wo muss die Politik eingreifen?

Die Allzweckwaffe gegen Bakterien verliert ihre Wirkung

„Wann haben Sie das letzte Mal ein Antibiotikum genommen?“ Die Eröffnungsfrage des Abends von Science On-Moderatorin Cécile Schortmann veranlasste das mit über 400 Zuschauern besetzte Auditorium der Bundeskunsthalle unmittelbar, sich mit dem eigenen Umgang mit Antibiotika auseinanderzusetzen. Und diese Frage stand die folgenden anderthalb Stunden des Talks – bis zur Schlussrunde – weiterhin im Raum. Denn die meisten Zuschauer wünschten sich eine Antwort darauf: Was kann jeder Einzelne tun, damit es nicht zur heraufbeschworenen Katastrophe kommt?

Schon heute sterben laut Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr rund 700 000 Menschen an Infektionen mit resistenten Bakterien – Tendenz steigend. Grund: 90 Jahre nach der Entdeckung des Penizillins haben zahlreiche Antibiotika ihre Wirksamkeit verloren, weil Krankheitserreger durch den weltweit massenhaften Einsatz dagegen immun geworden sind. Und diese multiresistenten Keime verbreiten sich in Zeiten der Globalisierung rasant; unser Gesundheitssystem scheint darauf unzureichend vorbereitet zu sein. Die damit verbundenen Gefahren und Risiken sind kaum auszumalen.

„Antibiotika sind ein Schatz, den wir gut hüten müssen“, konstatierte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin, gleich zu Beginn der Talkrunde am Mittwochabend. „Wir müssen damit sehr sorgsam umgehen. Mit jedem Einsatz von Antibiotika kreieren wir neue Resistenzen oder reichern alte an. “ Fakt ist: Antibiotika sind zur Allzweckwaffe gegen Bakterien geworden und werden zu häufig ohne ausreichende Indikation eingesetzt. „Wenn allerdings das Leben eines Menschen beispielsweise durch eine Lungenentzündung bedroht ist, muss ein Antibiotikum verschrieben werden.“ Das müsse weiterhin so sein und auch gewährleistet werden können, so Wieler.

Insbesondere im Krankenhausbereich sei nur ein geringer Rückgang des Einsatzes zu verzeichnen, berichtete Prof. Dr. Petra Gastmeier vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité in Berlin. Die Medizinerin forscht zu Möglichkeiten, den Antibiotikaeinsatz in der Humanmedizin zu verringern. Im klinischen Bereich seien Antibiotika oft unverzichtbar, da sie postoperativ oder bei plötzlichen schweren Erkrankungen als erstes Mittel eingesetzt würden, um Schlimmeres abzuwenden. Kliniken machen jedoch lediglich 10 bis 15 Prozent des deutschlandweiten Antibiotikaeinsatzes aus, sagte Petra Gastmeier. Einsparpotenzial zeichne sich vor allem im ambulanten Bereich ab: Ärzte sollten sorgfältig abwägen, ob es sich bei der Erkrankung eines Patienten um eine virale oder bakterielle Infektion handele. „Im Zeitraum von 2010 bis 2018 hat sich der Einsatz immerhin um 20 Prozent reduziert.“ Es zeichne sich ab, dass Ärzte und Ärztinnen tatsächlich rationaler und weiser mit den Medikamenten umgehen.

Die Medizinjournalistin und Filmemacherin Antje Büll verwies auf mögliche Bluttests, die innerhalb weniger Tage über die Art der Infektion – ob viral oder bakteriell – aufklären. „Es gibt auch Schnelltests, die in Deutschland leider viel zu wenig verbreitet sind“, kritisierte Antje Büll. „Über den CRP-Test habe ich schon 2013 berichtet.“ Doch erst jetzt werde er in Arztpraxen vermehrt eingesetzt.

Neue Antibiotika oder alternative Medikamente? Forschung steht vor Herausforderungen

Verantwortlich für die Ausbreitung der multiresistenten Keime und der Wirkungslosigkeit vieler Reserve- oder auch Breitband-Antibiotika sind aber nicht allein die Verschreibepraxis oder die Menschen in der Rolle als Patient oder Verbraucher, sondern ebenso die Lebensmittelindustrie. Ein häufig diskutiertes Beispiel ist die pauschale Antibiotikagabe in der Tiermast. In der Schweinemast wurde der Verbrauch mittlerweile um 30 Prozent reduziert. In der Geflügelzucht ist er weiterhin hoch. Stefan Teepker vom Bundesverband bäuerlicher Hähnchenerzeuger e.V. verwies im Gespräch mit Co-Moderator Kilian Reichert auf die Einsparungen, die die Branche bereits vor längerer Zeit vollzogen habe. Nach Meinung Teepkers mangele es jedoch an Alternativen, zu denen dringend geforscht werden müsse – auch für den Einsatz in der Tierhaltung.

Alternativen zu Antibiotika könnten etwa sogenannte Bakteriophagen sein, so der Hinweis eines Zuschauers. Bakteriophagen sind Viren, die Bakterien abtöten können. Sind sie die große Hoffnung, wenn uns die Antibiotika irgendwann ausgehen? Zwar entwickeln diese Viren keine Resistenzen. Die vergleichbare Wirksamkeit sei aber nicht ausreichend erforscht, erklärte RKI-Präsident Lothar Wieler: „Es gibt bisher keine randomisierten klinischen Studien, die belegen, dass sich mit Phagen generell erfolgreiche Therapien durchführen lassen.“ Einsatzmöglichkeiten gebe es bisher bei Oberflächenbehandlungen wie bei Tierkörpern, bei oberflächlichen Infektionen oder als Reinigungsmittel. Es gebe aber klare Forschungsansätze – neben einigen anderen Therapiemöglichkeiten, zu denen parallel geforscht werde. Allerdings sei es gerade bei Phagen aus mikrobiologischen Gründen äußerst schwierig, ein entsprechendes einsatzfähiges Medikament herzustellen.

Auch die Entwicklung neuer Antibiotika stockt, räumte Lothar Wieler ein. Zum einen sei die Forschung durch den Irrglauben, die Infektionskrankheiten im Griff zu haben, in den 1980er-Jahren zurückgefahren worden. Zum anderen sei es sehr anspruchsvoll, neue Antibiotika überhaupt zu entwickeln. Das dritte Problem sei der geringe ökonomische Anreiz für Pharmaunternehmen, ein Antibiotikum – sprich ein Medikament – zu entwickeln, dass dann möglichst selten eingesetzt werden soll. Hier sieht Wieler den Staat in der Pflicht. Obwohl es dazu bereits jetzt große internationale Konsortien gebe, müssten neue ökonomische Anreize geschaffen werden.

Im Gespräch beim Science On-Talk waren auch die Aspekte des Umgangs mit Antibiotika im Ausland, die Rolle der Entwicklungshilfe – und wie sich Küchenhygiene oder Antibiotika in Abwässern für Verbraucher auswirken. Egal in welchem gesellschaftlichen Bereich, resümierte Lothar Wieler: „Wir alle müssen dafür Sorge tragen, dass Antibiotika so wenig wie möglich mit Bakterien in Berührung kommen, um Resistenzen vorzubeugen.“

Lösungsansätze: Das muss gegen Antibiotikaresistenzen getan werden

Sehen Sie hier noch einmal die Schlussworte und Lösungsansätze aller Diskutanten im Science On-Talk von Cécile Schortmann und Kilian Reichert mit:

Lothar Wieler | Präsident des Robert-Koch-Instituts, Berlin
Petra Gastmeier | Professorin am Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Berlin
Till Bärnighausen | Professor am Institut für Global Health, Heidelberg
Antje Büll | Medizinjournalistin, Hamburg
Stefan Teepker | Vorstand des Bundesverbands bäuerlicher Hähnchenerzeuger e. V.