Wissenschaftsjahr 2015 - Zukunftsstadt

„Dicke Luft! Wie verändert sich das Stadtklima?“

31. März 2016 Podiumsdiskussion

Hitze in der Stadt: Welche klimatischen Veränderungen gibt es, wie reagieren die Menschen darauf und wie gehen wir zukünftig damit um? Das waren die zentralen Fragen und Themen der Podiumsdiskussion an Deck des Wissenschaftsschiffs.

Eindrücke vom Dialog an Deck

Moderatorin und Wissenschaftsjournalistin Monika Seynsche moderierte eine vielseitige Podiumsdiskussion mit einer dreiköpfigen Expertenrunde aus der Klimaforschung, der Medizin und der Stadtverwaltung. Das Publikum stellte Fragen und diskutierte kräftig mit.

An Bord auf dem Podium saßen Professorin Heinke Schlünzen, Stadtklimaforscherin der Uni Hamburg, Professor Christian Witt, Lungenspezialist der Charité Berlin, und Joachim Helbig, Leiter des Amtes Umweltvorsorge und -planung der Stadt Bonn.

Wie verändert sich das Klima der Stadt? Mit dieser Frage eröffnete Monika Seynsche die Diskussion. Heinke Schlünzen erklärte, dass sich das globale Klima voraussichtlich um zwei bis drei Grad bis Ende des Jahrhunderts erwärmen wird. Für die Stadt gelte aber noch eine Besonderheit – der Stadtklimaeffekt. Das bedeutet, dass es in der Stadt ohnehin schon drei bis fünf Grad wärmer ist als im Umland, diese kommen also noch „on top“, zusätzlich zu der allgemeinen Klimaerwärmung. Die vielen Gebäude und versiegelten Böden speichern die Wärme. „Wie ein gut vorgeheizter Kachelofen funktioniert auch unsere Stadt“, konstatierte Heinke Schlünzen.

Die MS Wissenschaft 2015 in Bonn

Den Stadtklimaeffekt gibt es natürlich auch in Bonn. Joachim Helbig, Bonner Stadtumweltexperte, berichtete von der allgemeinen Erwärmung, die in Bonn durch Messungen seit 1895 festgestellt wurde. „Bonn ist die nördlichste Stadt Italiens“ wird oft gesagt und meint die Annäherung Bonns an ein mediterranes Klima, etwa das von Mailand. Trockenere Sommer, mildere und feuchte Winter sind die Konsequenz des Klimawandels in Bonn, und das hat Auswirkungen aufs Wohlbefinden. „Wenn man schon einmal im August in der Mittagszeit durch die Innenstadt Mailands gegangen ist, ist das nicht sehr angenehm“, ergänzte Joachim Helbig.

Für manche Menschen ist die Hitze der Stadt nicht nur unangenehm, sondern gefährlich. Der Mediziner Christian Witt beobachtete während einer Hitzewelle einen großen Zuwachs von „Hitzestress-Patienten“ in der Notaufnahme der Charité. Besonders Menschen mit Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen reagieren auf die Hitze in der Stadt und landen im Krankenhaus. Für den Arzt war es interessant festzustellen, dass nicht die Schwerstkranken und Alten eingeliefert wurde, sondern vor allem Personen mit mittelschweren Vorerkrankungen. Witt vermutete, dass sich viele Menschen bei starker Hitze einfach überschätzten und solange draußen aktiv sind, bis sie umfallen.

Eine Forschergruppe um Christian Witt beschäftigt sich daher konkret mit hitzegestressten Patienten in der Stadt. Sie führte eine Untersuchung durch, in der sie die eingelieferten Patienten auf klimatisierte und nicht klimatisierte Patientenzimmer verteilte. „Wer ein kurzes Streichholz gezogen hatte, kam ins normale Krankenzimmer, wer ein langes Streichholz zog, kam in einen gekühlten Raum“, so erklärte Christian Witt das Zufallsprinzip der Studie. Schon bei 30 Patienten wurde deutlich: Im gekühlten Zimmer erholten sich Menschen schneller und konnten nach durchschnittlich fünf Tagen entlassen werden. Diejenigen, die in ungekühlten Räumen gelegen hatten, konnten erst nach gut sieben Tagen das Krankenhaus verlassen. Es ist also möglich, die Genesung zu beschleunigen und das Wohlbefinden von hitzegestressten Menschen zu verbessern.

Und was können Bürger und die Verantwortlichen in den Städten tun, um das Stadtklima zu verbessern und die Hitze in Schach zu halten?

Aus stadtplanerischer Sicht spielen die Entsiegelung der Böden und die Möglichkeit der Kaltluftabflüsse eine Rolle. Natürliche Böden und Grünflächen kühlen eine Stadt ab, denn dadurch entsteht mehr Verdunstung. Liegt die Stadt in einem Tal, sollten die Hänge und Seitentäler nicht zugebaut sein, denn so kann die schneller abgekühlte Luft auf den Bergen in die Stadt abfließen. Joachim Helbig erläuterte, dass sich Bonn – im Süden der Köln-Bonner-Bucht – in ausgeprägter Kessellage befindet, mit dem Ennert auf der rechtsrheinischen und dem Kottenforst auf der linksrheinischen Seite, und dass es nachts von dort Kaltluftabflüsse gibt, die die Innenstadt abkühlen.

In der Innenstadt sind außerdem die Baumaterialien wichtig. Material, das möglichst wenig Wärme speichert, wie zum Beispiel Holz, könnte vermehrt eingesetzt werden, erklärte Heinke Schlünzen. Auch die Farbe ist erheblich, denn Farben, die kurzwellige Strahlung reflektieren, verhindern eine starke Aufheizung von Gebäuden.

Die Expertenrunde war sich einig, dass eine Kombination aus vorausschauender Stadtplanung und Einbeziehung der Bürger für die Entwicklung des Stadtklimas entscheidend ist. In vielen Städten gibt es zum Beispiel „Urban Gardening“-Initiativen, die sich für nutzbare Grünflächen in der Stadt einsetzen. Auch klimaneutrale Neubauten spielen eine wichtige Rolle. Und weil die Hitze in der Stadt bereits da ist, müssen sich auch die Kliniken auf die Behandlung von hitzegestressten Patienten einstellen – und profitieren dabei von Forschungsprojekten wie denen von Christian Witt. Dies sind verschiedene Ansätze zum Umgang mit der Stadtklimaveränderung, die die Stadt der Zukunft lebenswerter gestalten können.

"Wissenschaft im Dialog"

Die DFG engagiert sich als Gründungs- und Mitgliedsorganisation seit 1999 bei der Initiative "Wissenschaft im Dialog"