Wissenschaftsjahr 2014 - Die digitale Gesellschaft

Dialog an Deck 2014: Vernetzt oder verloren?

10. Juli 2014 Podiumsdiskussion

Datenschutz, Internetsucht und twitternde Politiker – das waren die Themen, die beim diesjährigen „Dialog an Deck“ in Bonn im Vordergrund standen.

Monika Seynsche, Sabine Hörter, Caja Thimm, Christian Montag (v.l.)

Eine dreiköpfige Expertenrunde aus Wissenschaft und Medienpraxis diskutierte sowohl über die Gefahren als auch über die Potenziale der neuen Kommunikationstechnologien.

Die freie Wissenschaftsjournalistin Monika Seynsche moderierte die Veranstaltung an Bord der MS Wissenschaft und lud das Publikum zum Dialog mit den Experten ein.

Was ist das Neue an den neuen Medien, fragte die Moderatorin zum Auftakt der Veranstaltung und wollte außerdem wissen, wer zu den primären Nutzern digitaler Medienangebote gehöre. Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität an der Universität Bonn erklärte, dass durch die Digitalisierung ganz neue Medienkulturen entstünden, in denen sich die unterschiedlichen Medien nicht mehr voneinander abgrenzen ließen, sondern miteinander kombiniert würden.

Die Medienpädagogin Sabine Hörter berichtete von ihrer Arbeit am Medienzentrum in Bonn, bei der sie die Beobachtung mache, dass besonders Kinder und Jugendliche die digitalen Medien offen und ganz selbstverständlich nutzten. Allerdings fehle ihnen häufig das Bewusstsein für ihre Privatsphäre. Dem stimmte Professorin Thimm zu, die den Begriff „Digital Native“ (zu deutsch „Digitale Eingeborene“) für fatal hält, weil dieser einen kompetenten Umgang mit Medien suggeriere, der aber nicht immer gegeben sei. Sabine Hörter sieht in diesem Zusammenhang das Lehrpersonal in der Pflicht, das den Schülerinnen und Schülern nicht nur vermitteln sollte, wie Medien funktionieren, sondern auch den bewussten und kreativen Umgang mit ihnen.

Ein „cooler“ Service sei heute vielen wichtiger als die persönlichen Daten, die sie dagegen eintauschten, gab der Psychologe Christian Montag, der an der Bonner Universität lehrt, zu bedenken. Montag forscht zum Thema „Internetsucht“, für die es bisher zwar keine offizielle Diagnose gebe, von der aber viele Menschen in Deutschland und weltweit betroffen seien. Als eindeutige Symptome für Internetsucht können, so Montag, die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Medium gelten sowie Entzugserscheinungen – beispielsweise wenn das Smartphone mal nicht mit dabei ist. Betroffene hätten meist einen nur geringen Selbstwert und Schwierigkeiten, ihren Alltag zu strukturieren.

Das Thema des Abends sorgte auch im Publikum für Diskussion

Um die Menschen mehr für ihren Internetkonsum und ihre Smartphone-Nutzung zu sensibilisieren, hat Montag zusammen mit einem interdisziplinären Forschungsteam die Smartphone-App „Menthal“ entwickelt, die das Smartphone-Verhalten der Nutzenden aufzeichnet. Bei einer Studie in kleinem Rahmen testeten die Forscher ihre App an 50 Studentinnen und Studenten. Das alarmierende Ergebnis: Im Durchschnitt aktivierten diese ihr Handy 80 Mal am Tag. Aktuell verbindet der Bonner Wissenschaftler die Smartphone-Daten mit neurowissenschaftlichen Untersuchungen, um herauszufinden, welche Auswirkungen die Handynutzung auf unser Gehirn hat.

Auch Caja Thimm stellte ihre Forschung vor: Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen hat sie den Micro-Blogging-Dienst Twitter und dessen Bedeutung für demokratische Prozesse unter die Lupe genommen. Das Forscherteam analysierte die Twitter-Kommunikation rund um mehrere Landtagswahlen und den Bundestagswahlkampf 2013 in Deutschland. Dabei wurde deutlich, dass deutsche Politikerinnen und Politiker sehr rege das Echtzeitmedium nutzen und es für ihren Wahlkampf strategisch und auf individuelle Art und Weise einsetzen.

Hat uns die digitale Revolution nach vorne gebracht oder bedeutet sie eher Rückschritt, wollte Monika Seynsche abschließend wissen. Die Expertenrunde war der einhelligen Meinung, dass dies nicht eindeutig zu beantworten sei. Caja Thimm gab zu bedenken, dass das Internet seit dem NSA-Skandal als weniger frei empfunden werde und die Angst, unter permanenter Bewachung zu stehen, allgegenwärtig sei. Christian Montag wies zudem darauf hin, dass es auch ein „Zuviel“ an digital gebe, durch das unsere Konzentration und Aufmerksamkeit leide. Damit wir nicht von der enormen Datenflut „überschwemmt“ werden, müssten die verschiedenen Kanäle besser gesteuert und das Smartphone auch einfach mal ausgestellt werden. Was den Schutz der Privatsphäre angehe, so waren sich die Experten einig, sei nicht nur der Einzelne gefragt, sondern vor allem auch der Gesetzgeber, der sich politisch für mehr Datenschutz einsetzen müsse.

Unsicherheit im Umgang mit den digitalen Medien spiegelte sich auch in den Reaktionen und Rückfragen aus dem Publikum: So wurde diskutiert, ob nicht die Gedächtnisleistung und andere grundlegende menschliche Fähigkeiten oder die guten Manieren durch den ständigen Blick auf das Smartphone leiden beziehungsweise verloren gehen.

"Wissenschaft im Dialog"

Die DFG engagiert sich als Gründungs- und Mitgliedsorganisation seit 1999 bei der Initiative "Wissenschaft im Dialog"