Wissenschaftsjahr 2012

Ab morgen nur noch Bio? - Auf der Suche nach einer nachhaltigen Konsumkultur

16. August 2012 Diskussion zu Nachhaltigkeit

Ab morgen nur noch Bio? Diese Frage stellte Moderator und Wissenschaftsjournalist Mirko Smiljanic vier Experten, die gemeinsam mit rund 100 Besuchern den diesjährigen „Dialog an Deck“ zum Thema Nachhaltigkeit führten.

Dialog an Deck

Im Rahmen des Sommer-Exkurses der DFG diskutierten die Marktforscherin Monika Hartmann, Agrarökonom Thomas Glauben, Journalist Wilfried Bommert und Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft drängende Fragen der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte. Im Zentrum der Diskussion stand vor allem die Frage, wie es gelingen kann, nachhaltige Strategien für die Produktion und den Konsum von Nahrungsmitteln zu entwickeln. Denn rund eine Milliarde Menschen leiden weltweit Hunger, im Kontrast dazu landen aber 50 Prozent aller geernteten Feldfrüchte nie auf dem Teller.„Doch wer kann sich nachhaltigen Konsum eigentlich leisten?“ fragte Marktforscherin Monika Hartmann und führte dabei an, dass nachhaltige Produkte, die aus biologischem Anbau stammen, regional produziert und fair gehandelt sind, automatisch Mehrkosten bedeuten. Daher müsse man vor allem die reale Situation des Konsumenten sehen und seine Kompetenz fördern. „Essen soll Spaß machen, deshalb darf nicht nur der Verzicht im Vordergrund stehen, sondern intelligente Lösungen, wie die längere Haltbarkeit von Lebensmitteln“ argumentierte Hartmann. Ein weiteres Problem seien die diversen Prüfsiegel und deren mangelnde Transparenz für den Konsumenten.

Die Ausstellung auf der MS Wissenschaft

Agrarökonom Thomas Glauben betonte hingegen, dass vor allem eine bessere Ausnutzung der Marktpotentiale erfolgversprechend sei und man die Lösung nicht nur auf Konsumentenseite ansetzen dürfe, da die Umstellung einer ganzen Konsumgesellschaft nicht realistisch sei. Ebenso wichtig sei die Finanzierung der Agrarforschung, um die Wertschöpfung zu optimieren und die Ressourcen zu schonen. Journalist Wilfried Bommert beklagte, dass vor allem die falsche Bewirtschaftung der Böden ein Problem darstelle und die Landwirtschaft selbst zu 25 Prozent zur Umweltbelastung durch Kohlenstoffdioxid beitrage. Ein weiterer Stressfaktor seien die schwindenden Ölreserven. „Wir müssen das System grundsätzlich auf eine umweltfreundliche Landwirtschaft umstellen, die in der Lage ist, Bodenfruchtbarkeit selbst zu erzeugen“ betonte Bommert. Carl-Albrecht Bartmer, der nicht nur Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, sondern auch selbst Landwirt ist, betonte dass für eine nachhaltige Landwirtschaft zunächst ein Katalog mit festgelegten Bewertungsindikatoren nötig sei. „Nur was messbar ist, können wir auch optimieren“ begründete Bartmer, denn Nachhaltigkeit habe nicht nur viel mit Ökologie zu tun, auch gutes Management sei ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Nur durch eine intelligente Wasserversorgung könne man höhere Erträge erzielen und somit die Produktivität nachhaltig steigern.

In der Diskussion wurde vor allem deutlich, dass organischer Landbau nicht die einzige Lösung sein kann. In Zukunft wird es unverzichtbar sein, intelligente Lösungen für die Konsumstruktur zu finden und Ernteverluste zu vermeiden. Besonders kontrovers diskutiert wurden die Fragen, welche Rolle Europa mit seiner hochentwickelten Landwirtschaft und den günstigen Standortbedingungen bei der globalen Nahrungssicherung spielen kann und wie sich Handelsbeschränkungen auf die Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Produkte auswirken können. Alle Beteiligten sprachen sich dafür aus, dass es zuerst eine klare und sachliche Definition der Herausforderung „Nachhaltigkeit“ geben müsse, um effektiv etwas zu erreichen. Zentrales Thema dabei war auch die Landwirtschaft in den sogenannten „Hungerländern“, wie in Indien, wo rund 70 Prozent aller geernteten Feldfrüchte verrotten. Durch die rasant wachsende Bevölkerung in eben diesen Ländern könnten dort die größten Probleme entstehen, an erster Stelle durch den Wassermangel. Deshalb müsse man die Landwirtschaft dort entschieden weiterentwickeln, beispielsweise durch bessere Infrastrukturen.

Ein weiteres Problem, was besonders Europa und die USA betrifft, besteht im verstärkten Maisanbau für Biogasanlagen, der in Abhängigkeit von den Standortbeschaffenheiten zur Erosion von Landflächen führen kann. Hier könne die Energiewende der Schlüssel für eine Veränderung sein. Viele engagierte Beiträge zur Diskussion lieferte ebenfalls das zahlreich erschienene Publikum. Die Besucher diskutierten unter anderem, ob und wie beispielsweise eine Kontrolle des Bevölkerungswachstums das Ernährungsproblem mindern könne, ebenso wie eine gerechtere Verteilung von Lebensmitteln zwischen Industrieländern und Ländern, in denen ein Großteil der Bevölkerung Hunger leidet. Besonders deutlich wurde, dass vor allem die Reflexion des eigenen Handelns viel bewirken kann, denn trotz der Komplexität des Themas fange die Veränderung im Kleinen an.

Von Janina Treude