Hoffnung auf den großen Wurf

Ein neues Programm von Bund und Ländern geht an den Start. Die schnelle Einrichtung von Graduiertenschulen, Exzellenzclustern und Zukunftskonzepten wird den Forschungsstandort stärken. Von Professor Ernst-Ludwig Winnacker

Professor Dr. Ernst-Ludwig Winnacker
Professor Dr. Ernst-Ludwig Winnacker

Am Donnerstag, den 23. Juni 2005, kurz nach 17.00 Uhr, kam die erlösende Nachricht über die Nachrichtenticker. Die Ministerpräsidenten und der Bundeskanzler hatten den Weg frei gemacht für die so genannte "Exzellenzinitiative". Damit war die viel zu lange "Geiselhaft" der Wissenschaft bei dieser Förderinitiative beendet. Zur Erinnerung: Am 26. Januar 2004 hatte Bundesministerin Edelgard Bulmahn bereits zum Aufbruch in Sachen Wissenschaft aufgerufen. Unter dem Titel "Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten" sollte ein Wettbewerb ausgeschrieben werden, um diejenigen Universitäten zu ermitteln, die "weltweit strahlen" und die "klügsten Köpfe" vorweisen oder gewinnen können. Das Projekt wies auf ein schwer wiegendes Problem hin, nämlich auf die andauernde, chronische Unterfinanzierung und damit Schwächung unserer Universitäten als Stätten der Forschung. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, brachte es mit dem Hinweis auf eine Volksweisheit auf den Punkt: "Ein Pferd springt nur so hoch, wie es muss". Wer mehr Leistung wolle, müsse die Hindernisse erhöhen und dürfe nicht vergessen, "den Pferden mehr zu saufen zu geben".

Es wurde schnell klar, dass die Messlatte für den universitären Hochsprung nicht eine Universität in ihrer Gesamtheit sein konnte, sondern die Qualität einzelner Fächer oder Fächerverbünde. Auch die Spitzenuniversität Harvard ist nicht in allen Fächern und nicht zu jeder Zeit "Spitze". Neben fachlicher Exzellenz setzen Spitzenleistungen den Wettbewerb voraus, also die Autonomie der Hochschulen, die Freiheit, die besten Studenten auszuwählen oder die besten Professoren zu verpflichten. Im Laufe weniger Monate kam es zu einer Konkretisierung des Programms, das nun aus drei Säulen bestehen sollte: aus der Förderung von Graduiertenschulen, von Exzellenzclustern und von Zukunftskonzepten zur Optimierung der Rahmenbedingungen. Das Projekt lag dann lange auf Eis, denn es wurde mit der Frage der Föderalismusreform verknüpft. Nach deren Scheitern kurz vor Weihnachten 2004 und einem weiteren fehlgeschlagenen Versuch im April 2005 gelang es zum 23. Juni durch Bemühungen auf allen Seiten doch noch eine Einigung zu erzielen. Nun muss das Projekt auf den Weg gebracht werden, und niemand fragt mehr nach den Gründen für die "schwere Geburt". Um die allerorten geforderte schnelle Umsetzung zu erreichen und die ersten Bewilligungen noch im Oktober 2006 aussprechen zu können, haben wir uns einen außerordentlich ehrgeizigen Zeitplan vorgenommen. Bis zum 1. August sollen die Universitäten kurze Absichtserklärungen vorlegen, die nicht verbindlich sind und nur dazu dienen, die Gutachtergruppen schon jetzt bilden zu können. Den Eingang der ersten Runde der Konzepte erwarten wir bis Ende September 2005, den der Anträge im Frühjahr 2006, sodass die Bekanntgabe der Förderentscheidungen zum Oktober 2006 erfolgen kann.

Worauf ist im Einzelnen zu achten? Graduiertenschulen sind Einrichtungen, unter deren Dach die Ausbildung von Graduierten zusammengefasst wird, um optimale Promotionsbedingungen zu erreichen. Anders als Graduiertenkollegs sollen sie sich durch ein wissenschaftliches Profil fachübergreifenden Charakters auszeichnen. Eine Graduiertenschule kann über mehrere Fakultäten hinweg, ja universitätsweit und unter Einbeziehung außeruniversitärer Einrichtungen vor Ort organisiert werden. Ihr sollte ein Studiendekan samt einer professionellen Geschäftsführung vorstehen. Exzellenzcluster entsprechen weitgehend dem Modell der DFG-Forschungszentren. Sie bauen auf bislang schon erbrachten wissenschaftlichen Spitzenleistungen vor Ort auf und sind keinesfalls als ein etwas größerer Sonderforschungsbereich zu verstehen. Vielmehr sollen sie einen besonderen Schwerpunkt setzen, der auch außeruniversitäre Einrichtungen und gegebenenfalls auch Fachhochschulen einbeziehen kann. Gefördert werden der Aufbau neuer Strukturen und der dazu notwendigen Infrastruktur, Professuren, Großgeräte und ähnliches. Auch grenzüberschreitende europäischeVerbünde sind denkbar, wenn dies den Mehrwert erhöht. Der Einwand, so etwas habe die DFG noch nie gefördert, darf hier nicht gelten. Im Gegenteil. Wir wären froh, wenn sich die Beteiligten wirklich einen großen Wurf vornähmen. "Think big" im Sinne von "Think creatively", heißt die Devise.

Die so genannte dritte Säule soll "Zukunftskonzepte zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung" fördern. Voraussetzung für die Förderung in dieser dritten Förderlinie ist die Förderung von mindestens einer Graduiertenschule und eines Exzellenzclusters. Ohne den Anträgen zur dritten Säule vorgreifen zu wollen, sollte zu den Zukunftskonzepten sicher zählen, was sich im weitesten Sinne der Personalfrage annimmt, was den jeweiligen Standort attraktiv für Studierende, Wissenschaftler und Professoren aus dem In- und Ausland macht. Denkbar wären Forschungsansätze, die mit hohem Risiko behaftet und häufig nur mit universitätseigenen Mitteln zu finanzieren sind. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Teil eines solchen Konzeptes können Instrumente sein, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf grundsätzlich verbessern oder auch die Situation von ausländischen Gästen. Nicht verboten wäre beispielsweise auch die Bildung von Wissenschaftskollegs oder Institutes of Advanced Studies auf Zeit samt Unterkünften für die Studierenden und Gäste oder neue Angebote für die Wissensvermittlung. Man könnte sogar überlegen, mit welchen neuartigen Instrumenten Wissenschaft und Forschung auch in die Schulen zu bringen wären. Warum nicht ein Gymnasium zum Partner eines Exzellenzclusters machen? Die Bedenken höre ich schon, aber mit Bedenken wird diese Initiative nicht ihr Ziel erreichen. So hoffe ich auf den "großen Wurf" der guten Standorte, die dann auch bewilligungsfähig sind.

Für mich ist es vielleicht das wichtigste Ergebnis der gesamten Initiative, dass zu jeder Bewilligung ein Aufschlag von 20 Prozent zur Finanzierung der unmittelbar notwendigen, indirekten Kosten der Forschung gehören wird. So wird den Universitäten endlich ermöglicht, ein Projekt wie ein Exzellenzcluster nicht mehr allein aus der heute oft nur noch schmalen Substanz heraus finanzieren zu müssen. Die Antragsteller werden sich in ihrem fakultären Umfeld erstmals nicht unbeliebt machen, da eben für die indirekten Kosten wie Räumlichkeiten und PC-Ausstattungen Sorge getragen wird. 20 Prozent decken sicher nicht den vollen Anteil der indirekten Kosten der Forschung, der eher bei etwa 60 Prozent liegen mag, aber sie bedeuten einen ersten Einstieg in die Lösung dieser Problematik. Alle Antragsteller werden gut beraten sein, sich Gedanken über eine adäquate Verteilung der Mittel zu machen, um damit die größten strukturellen und institutionellen Schwachstellen in ihren Einrichtungen zu beseitigen. DFG und Wissenschaftsrat werden bei den Entscheidungsprozessen über die diversen Anträge zusammenarbeiten. Eine von der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats zu benennende Strategiekommission ist insbesondere für die Entscheidungen zur dritten Säule zuständig. Für die Geschäftsstelle der Deutschen Forschungsgemeinschaft die das ganze Programm zu administrieren hat, wird es eine große Herausforderung werden, da ein Betrag von 380 Millionen Euro jährlich mehr ist, als uns beispielsweise für das gesamte Programm Sonderforschungsbereiche zur Verfügung steht. Darüber hinaus muss natürlich die alltägliche Arbeit der DFG-Geschäftsstelle in gewohnter Sorgfalt und Qualität weitergehen. Ich bin zuversichtlich, dass uns dieser Spagat gelingen wird. Wichtig ist, dass wir gute Anträge erhalten, für deren Förderung sich der ganze Einsatz lohnt.

Professor Ernst-Ludwig Winnacker
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft
in "forschung 02/2005"

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