Weltläufig und fremdheitsfreundlich

Prof. Dr. Peter Strohschneider
Prof. Dr. Peter Strohschneider

Grenzüberschreitende Kooperation scheint selbstverständlich für gute Forschung zu sein. Doch worauf gründet sie eigentlich? Müssen in einer polyzentrischen Wissenschaftswelt Freiheit und Verantwortung neu gedacht werden? Und wie lassen sie sich gegen ihre aktuellen Bedrohungen schützen? Anmerkungen zur Internationalität der Wissenschaften im globalen Zeitalter

Vor mehr als 20 Jahren erschien in der Wochenzeitung DIE ZEIT ein Beitrag, der sich mit den „Nebenwirkungen der Globalisierung“ auf „eine Politik der Freiheit“ befasste. Autor war Ralf Dahrendorf, der neben vielem anderen auch einmal EU-Kommissar für Forschung, Bildung und Wissenschaft in den Jahren 1972 bis 1974 war und neuerdings der Namenspatron eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgelobten Wissenschaftspreises für herausragende Leistungen in europäischen Forschungsprojekten ist. Ihm schienen die riskantesten Nebenwirkungen der Globalisierung in einer „Gefährdung des sozialen Zusammenhalts“ zu liegen, in einer Verschiebung von „Solidarität“ zu „Konkurrenz“ und in einer Zersetzung der „Institutionen der Demokratie durch konsequenzlose Kommunikation zwischen atomisierten Individuen“ unter den Bedingungen „der Anarchie des Internet“, die womöglich eher „autoritären als demokratischen Verfassungen Vorschub leisten“ werde.

Diese Formulierungen von 1997, an – wie Dahrendorf schrieb – „der Schwelle zum autoritären Jahrhundert“, wirken heute bemerkenswert hellsichtig, sind doch praktisch alle westlichen Industrie- und Wissenschaftsgesellschaften mit massiven sozialen Spaltungsdynamiken konfrontiert.

Was aber besagen Dahrendorfs Überlegungen für die internationale Forschungszusammenarbeit in einem seinerseits zusehends globaler werdenden Wissenschaftssystem? Müssen auch Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung von Forschung global neu gedacht werden? Oder direkter gefragt: Wie verhalten sich die Regulierung von Forschungsbedingungen durch Einzelstaaten und globale Forschungsvernetzung zueinander? Und wie der Anspruch auf Selbstverantwortlichkeit der Wissenschaften einerseits und andererseits eine zunehmende Enthemmung, wie sie kürzlich an der Manipulation am menschlichen Genom durch den Chinesen He Jiankui überdeutlich wurde?

Wer sich der Internationalität der Wissenschaften nähert, merkt zunächst schnell, dass sie nicht nur eine Beschreibungskategorie ist, sondern vor allem ein Wertbegriff: Gute Forschung ist international! Dies wiederum gilt nicht allein in dem Sinne, dass wissenschaftliches Wissen nicht national-kulturell gebunden ist. Internationalität ist vielmehr auch auf der sozialen Seite von Forschung ein positiver Wert: Internationale Forschungskooperation ist gut! Ihre Förderung ist deswegen ein Satzungsziel der DFG, deswegen engagiert sie sich unter anderem im Global Research Council.

Internationalität ist derart positiv besetzt, dass wir sie in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik oft nicht als Mittel zum Zweck bester Forschung und akademischer Bildung behandeln, sondern als wenn sie selbst ein Zweck wäre: die Zusammenarbeit über Staatsgrenzen hinweg und bei grenzüberschreitenden Forschungsthemen wie Migration oder Biodiversitätsverlust; die Kooperation der in einem Forschungsgebiet jeweils Besten, der länderübergreifende Betrieb großer Forschungsinfrastrukturen; die Vielfalt der in einer Arbeitsgruppe vertretenen Kulturen.

Internationalität ist so sehr ein positiver Wert der Wissenschaften, dass die komplexen Ambivalenzen und Risiken leicht zu übersehen sind, die sie im Zeitalter der Globalisierung begleiten. Auch von denen muss freilich gesprochen werden, wenn wir es ernst mit ihr meinen.Autoritäre Herrschaftsformen scheinen weltweit Aufwind zu haben, und der Neuzuschnitt globaler Machtsphären ist im vollen Gange. Auch Forschung und Technologie werden dabei politisch instrumentalisiert.
Science diplomacy ist dabei lediglich die eine, die positive Seite solcher Indienstnahme: Internationale Wissenschaftskooperationen können zwischenstaatliche Solidarität befördern.

Doch zugleich ist internationale Wissenschaft, um Dahrendorfs Gegensatzpaar aufzugreifen, ein Mittel der Konkurrenz um Macht, Einflusssphären, Standortvorteile. Dabei geht es keineswegs bloß um symbolische Machtdemonstration oder wissenschaftlichen Ideenwettstreit. Die internationale Konkurrenz von Forschungsstandorten entscheidet sich auch an Forschungsmitteln und technischen Infrastrukturen, an der Höhe von Gehältern oder an den jeweiligen Regulierungen von Forschungsfreiheit, Forschungszwecken und wissenschaftlicher Verantwortung.

Daraus können sich dann Überbietungswettbewerbe ergeben, etwa bei Rechnerkapazitäten oder Gehältern, die auch mit Unterbietungswettbewerben verknüpft sein mögen, zum Beispiel bei forschungsethischen Standards. Dies ist ja auch das Menetekel der gentechnologisch manipulierten chinesischen Zwillinge: eine verantwortungsvergessene, global entgrenzte Forschungskonkurrenz, in der gewinnt, wer am rücksichtslosesten Ethosdumping betreibt. Und das droht übrigens nicht allein auf internationaler, sondern auch schon auf europäischer und nationaler Ebene: Auch innerhalb der Mitgliedstaaten der Europäischen Union gibt es etwa im Bereich der Embryonenforschung ein klares Gefälle forschungsethischer Rahmensetzungen.

Produktive Überschreitungen der Grenzen des Wissens wie der Grenzen nationaler Forschungssysteme sind also nicht leicht zu unterscheiden von riskanten Entgrenzungen politischer oder ethischer Art. Wir mögen mit Vanevar Bush von endless frontiers, von „grenzenloser Wissenschaft“ sprechen, doch Forschung überwindet nicht nur Grenzen, ihr sind als verantwortliche Forschung auch Grenzen gesetzt, die sie nicht verletzen darf. Und sie kann ihrerseits als Mittel politischer, technischer, ökonomischer Grenz- und Durchsetzung in Anspruch genommen werden.

Gleichwohl muss es auch Raum geben für eine Forschung, die nicht sogleich mit der Praxis politischer, gesellschaftlicher, ökonomischer Macht verknüpft ist, sondern zunächst mit theoretischer Neugier und menschlicher Welterkenntnis. Und es ist die Aufgabe der Deutschen Forschungsgemeinschaft, solchen Raum zu gewährleisten. Wissenschaft überhaupt, Forschung im Besonderen, ist eine Distanzkategorie. Sie benötigt um ihrer Leistungskraft willen den kulturellen und intellektuellen Abstand. Sie interessiert sich für das, was ihr unbekannt, also fremd ist und was sie befremdet. Sie ist nicht allein als internationale Wissenschaft fremdenfreundlich, sie ist geradezu prinzipiell fremdheitsfreundlich.

Und darum muss auch die Internationalisierung der Forschung befasst sein mit den und mit dem Fremden und Unvertrauten; mit den Differenzen von intellektuellen Stilen, Frage- und Problemhorizonten, Erkenntnistraditionen, Institutionengeschichten, Forschungspraktiken – in einem Wort: mit Andersheit, mit Alterität. Eine irritationsbereite, eine die  produktive Irritation geradezu suchende Weltläufigkeit – wir sind im Alexander von Humboldt-Jahr! – ist für Forschung konstitutiv. Und diese Weltläufigkeit steckt eigentlich in der Rede von internationaler Wissenschaft.

Wenn wir sie so verstehen, dann ist Internationalität mehr als arbeitsteilige Kollaboration über die Grenzen von Rechts-, Macht- oder Finanzsystemen hinweg. Und dann müssen in dieser Wissenschaft Verantwortung und Freiheit als Voraussetzung von Irritationsbereitschaft und Weltläufigkeit zusammenkommen.

Ohne Freiheit ist die intellektuelle Leistungsfähigkeit von Wissenschaft nicht zu denken, und auch nicht jene Erkenntnis, die in dem Sinne wahrhaft neu ist, dass sie unsere Erwartungen nicht bestätigt, sondern durchbricht: Ohne Freiheit könnte nicht die Rede sein von der Funktionsvielfalt der direkten und indirekten, der manifesten und latenten, der kurzfristigen, mittel- oder langfristigen Wirkungen – Wirkungen, die sich der Erkenntniskraft moderner Wissenschaften verdanken und vermittels derer wir uns in der Überkomplexität unserer Welt überhaupt erst bewegen können. Denn was wüssten wir schon ohne Wissenschaften über die Wahrscheinlichkeiten von Hitzesommern, das Auftreten von Erbkrankheiten, die Geschichte unseres Planeten oder das Funktionieren von Echokammern?

Von derart zentraler Bedeutung ist die Freiheit von Wissenschaft, dass man sie für eine Selbstverständlichkeit halten könnte. Doch das ist sie nicht. Sie ruht auf einem normativen Fundament, das keineswegs je schon und überall anerkannt wäre, das vielmehr immer neu zu erstreiten ist und dessen praktische Geltung unentwegt reproduziert werden muss. Daran darf in diesem Jahr in der Bundesrepublik mit besonderem Anlass erinnert werden.

Am 23. Mai feiert mit dem Grundgesetz auch der Art. 5, Abs. 3 seinen 70. Geburtstag: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“ Dieses Freiheitsprivileg fasst Forschung nicht instrumentell als Mittel für andere Zwecke, sondern als Ausdruck der conditio humana, und es ist konstitutionell gebunden: Wissenschaftsfreiheit muss auch normativethischen Ansprüchen gerecht werden.

An beides darf allerdings nicht nur aus feierlichem Anlass, daran muss auch aus aktuellen Gründen erinnert werden. Denn es kann uns nicht entgehen oder gleichgültig sein, dass Freiheit, Weltläufigkeit und Verantwortlichkeit der Wissenschaften global unter Druck geraten. Sie bilden nämlich eine eigene Zumutung für die an vielen Stellen der Welt Einfluss gewinnenden anti-pluralistischen, nationalpopulistisch-autoritären oder autokratischen Macht- und Wahrheitsansprüche. Die den Wissenschaften eigene Kraft des Befragens und Infragestellens, der kritischen Reflexivität, der Störung und Erweiterung etablierter Kenntnisse und Epistemiken, sie gefährdet ja jene Geschlossenheit von Sozial- und Wissensordnungen, auf denen die Durchsetzungschancen von Populisten und Autokraten beruhen.

Kaum weniger geraten Freiheit, Verantwortlichkeit und Weltläufigkeit der Wissenschaften (und ihre Produktivkraft!) unter Druck, wo – zuweilen im Verein mit Populismen und Autokratien – ein rein instrumentelles Verständnis Raum greift, das sich Forschung nur denkt als vorhersehbare „Lösung“ von Problemen, die man längst kennt, und das sich zuweilen auch hinter fiskalpolitischen Zwängen, dem Druck „knapper Kassen“ nur versteckt.

Die Forschungspolitik vieler Länder, nicht etwa allein der USA, der neuen brasilianischen Administration oder Japans, gibt Anlass zu solcher Kritik und beeinflusst unsere internationalen Kooperationsmöglichkeiten. Selbst gegenüber der EU und trotz der positiven Entwicklungen des europäischen Forschungsraums ist dieser Hinweis keineswegs überflüssig: Leistungskräftige Forschungssysteme sind nicht hierarchisch-zentralistisch, sondern pluralistisch-heterarchisch angelegt; sie beseitigen Monokulturen, seien sie struktureller oder thematischer Art; sie vermeiden eine Engführung ihrer forschungssteuernden Effekte auf bloß jene „Lösungen“,die wir schon erwarten; sie ermöglichen Freiräume nicht nach Kassenlage, sondern als grundrechtlich garantierte Freiheit.

Europäisierung, Internationalisierung, Globalisierung gestalten, das heißt für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung streiten, ihre ethische Verantwortbarkeit gewährleisten, die Vielfalt von Wissenschaftskulturen, Forschungsstilen und Fördersystemen produktiv machen.

Die forschungs- und förderpolitischen Freiräume, die es dafür braucht, sind in der Bundesrepublik größer als in den meisten Staaten dieser Welt und verlässlicher auch als in vielen Wissenschaftsinstitutionen, mit denen wir international gut zusammenarbeiten. Gleichwohl sind wir freilich nicht gefeit vor Frustrationen, ja Misserfolgen unserer Kooperationen auf allen Kontinenten. Manchmal mühen wir uns einfach mit der schieren Undurchdringlichkeit von Bürokratie, zuweilen stehen politische Interessen im Wege, nicht ausgeschlossen auch, dass wir an neuen autoritären Imperialansprüchen schon scheiterten.

Wie dem auch sei: Wie wir mit dem gesellschaftlichen wie politischen und auch mit dem intellektuellen und ethischen Wagnis verantwortungsbewusster Freiheit umgehen in einer globaler und polyzentrisch werdenden Wissenschaftswelt, wie sich die schädlichen „Nebenwirkungen der Globalisierung“ auf eine internationale (auch: Forschungs-)„Politik der Freiheit“ eindämmen ließen und wie Dahrendorfs Prognose eines „autoritären Jahrhunderts“ falsifiziert werden kann, diese Fragen müssen wir intensiv diskutieren. Und sie werden sich schwerlich ein für alle Mal beantworten lassen.

Prof. Dr. Peter Strohschneider
ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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