Pandemie-Kommission

"Es braucht ein klares Ziel, um sich kraftvoll darauf zuzubewegen"

Interview mit Psychologin Prof. Cornelia Betsch

Angesichts von grassierender Pandemiemüdigkeit und dramatischem Vertrauensverlust in die Politik und ihre Maßnahmen fordert die Psychologin Cornelia Betsch einen Strategiewechsel. Ein Gespräch mit dem Mitglied der DFG-Kommission für Pandemieforschung über Impfbereitschaft und über die Chancen und Grenzen evidenzbasierter Gesundheitskommunikation.

Prof. Cornelia Betsch

Professorin Dr. Cornelia Betsch ist seit 2017 Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Die studierte Psychologin wurde 2006 in Heidelberg promoviert und habilitierte sich 2013 in Erfurt mit der Arbeit „Die Rolle von Risikowahrnehmung und Risikokommunikation bei Präventionsentscheidungen am Beispiel der Impfentscheidung“. Betsch gilt als Expertin für die Psychologie von individuellen Impfentscheidungen, hat dazu in Projekten, zum Teil auch mit DFG-Förderung, geforscht und ist darüber hinaus in der gesundheitsbezogenen Politikberatung engagiert.

Rembert Unterstell: Frau Professor Betsch, wir führen dieses Gespräch Mitte März. Vor den ersten Lockerungsschritten ist die Pandemie noch nie als so belastend und zermürbend empfunden worden wie in diesen Vorfrühlingswochen. Warum?

Betsch: Die Belastung ist extrem hoch, und zwar relativ durchgängig. Es hat sich ein Muster ausgebildet aus hoher psychischer Belastung und sinkender Risikowahrnehmung; selbst Maßnahmenbefürworter verlieren ihr Vertrauen in die Regierung. Das führt zu Pandemiemüdigkeit. Die Menschen fingen an, sich weniger zu disziplinieren, was angesichts steigender Inzidenzen und der Ausbreitung der neuen Mutanten eine sehr herausfordernde Situation ist. Insgesamt gibt es weniger freiwilliges Schutzverhalten im zweiten Shutdown. Es fehlte an einer klaren und nachvollziehbaren Perspektive.

Schon seit Beginn der Pandemie blicken Sie mit den zweiwöchentlichen Erhebungen der COSMO-Studie in den Seelenhaushalt der Bevölkerung. Das Vertrauen in das Pandemiemanagement der Politik ist dramatisch gesunken…

Betsch: Vertrauenswerte von 60 Prozent hatten wir zu Beginn der Pandemie 2020, einen Wert von 30 haben wir Mitte März 2021 erhoben. In der Gesamtschau der Daten sehen wir sinkendes Vertrauen trotz erster Lockerungen, einen relativ großen Anteil derer, die die Maßnahmen für zu schwach halten, verbreitete Gesundheitssorgen, steigende Pandemiemüdigkeit und die Wahrnehmung, dass die dritte Welle sehr bald bevorsteht. Dies legt die Interpretation nahe, dass konservativere Lockerungen, einheitlichere Vorgehensweisen und stringentere Schutzmaßnahmen zu einer größeren Akzeptanz hätten führen können.

Was als Wellenbrecher-Shutdown begann, ist zum Dauer-Lockdown geworden. Weshalb haben Sie sich früh für einen Strategiewechsel und eine klare Öffnungsstrategie ausgesprochen?

Betsch: Wir haben den Befragten verschiedene Ausstiegszenarien vorgelegt – und dabei gefunden, dass der Wechsel zu einer nachvollziehbaren Strategie die Leute motivieren und entlasten könnte. Wir sehen das auch bei jungen Leuten, die sich weniger an Maßnahmen halten, aber zugleich stärker unter den Pandemieeinschränkungen leiden. Motivationspsychologisch ist eindeutig, dass es eines klaren Ziels bedarf, um sich kraftvoll und motiviert darauf zuzubewegen. Der aktuelle Stufenplan hat das leider noch nicht geschafft.

Der derzeitige Stufenplan für Öffnungen – manche sprechen von Lockerungen auf Probe – ist vor allem inzidenzgetrieben, begleitet von Schnell- und Selbsttests sowie Impfungen. Verbindet sich damit ein Paradigmenwechsel aus sozialpsychologischer Sicht?

Betsch: Das Klein-Klein der Maßnahmen in der Umsetzung der Bundesländer wird über die ganze Pandemiedauer hinweg als nicht günstig gesehen. Übergeordnete, einheitliche Strategien werden positiver bewertet, wie zum Beispiel die Vorschläge der No-Covid-Gruppe. Beim Impfen beschädigt die schleppende Umsetzung das Vertrauen. Beim Schnelltesten mangelt es an guter Aufklärung: Den Testergebnissen wird weitestgehend misstraut. Trotzdem haben einige die Hoffnung auf etwas mehr normales Leben durch ein negatives Testergebnis.

Von schnellen Impffortschritten wird sehr viel abhängen. Wie wird sich die Bereitschaft zur Corona-Impfung bis in den Herbst 2021 hinein entwickeln?

Betsch: Mit der Zulassung von Vakzine im Dezember ist die Impfbereitschaft hingestiegen. Die weitere Entwicklung ist schwer vorherzusagen, aber man kann auf die Einflussfaktoren schauen: Das Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen ist einer der wichtigsten Faktoren. Wenn es weiterhin gut läuft mit dem Impfen, kann die Bereitschaft weiter steigen. Ganz wichtig ist auch, dass noch bestehende organisatorische oder praktische Barrieren aus dem Weg geräumt werden.

Was macht eine Impfung zu einem „sozialen Vertrag“, verhaltenswissenschaftlich gesprochen?

Betsch: Impfen ist etwas, das andere mitschützt – bei der COVID-19-Impfung wissen wir es leider noch nicht abschließend. Dadurch, dass sich mein Verhalten auch positiv auf andere auswirkt, erwarte ich automatisch, dass der andere auch etwas Gutes für mich tut – denn der soziale Vertrag beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn der andere den Vertrag verletzt, werde ich ärgerlich, werte ihn ab oder bestrafe ihn. Das Gleiche beobachten wir auch beim Maske-Tragen.

Sie haben über die Motivationen von Impfskeptikern und Impfgegnern geforscht. Warum gehen Impfgegnerschaft und Verschwörungstheorien offenbar Hand in Hand?

Betsch: Zunächst: So viele Impfgegner gibt es gar nicht, aber es wird viel über sie in den Medien berichtet, deshalb wirkt das so. Es gibt beim Impfen offene Fragen, zum Beispiel zu den Langzeitfolgen von COVID-19-Impfungen. Genau da docken die Verschwörungstheoretiker an, wenn sie einfache Erklärungen für komplexe Fragen geben. Zeiten großer Unsicherheit bieten immer den besten Nährboden fürIdeologien und Falschinformationen.

Ist eine Impfpflicht sinnvoll?

Betsch: Davon rate ich ab. Wir haben die „psychologischen Nebenwirkungen“ am Beispiel der Masernimpfungen untersucht. Menschen ärgern sich, wenn ihre Freiheit eingeschränkt wird – das psychologische Phänomen der Reaktanz. Es kann daher sein, dass die Leute sich bei anderen Präventionsentscheidungen ihre Freiheit wiederholen und dann weniger Maske tragen oder sich gegen andere freiwillige Impfungen entscheiden.

In den atemlosen Wie-weiter-Diskussionen ist ein neuer Begriff aufgetaucht: Erwartungsmanagement. Oder ist dies das neue Codewort für Akzeptanz?

Betsch: (lacht) Das ist eine gute Frage. Auf vielen Ebenen ist in diesen Wochen die Frage aufgetaucht: Wer managt eigentlich diese Krise? Und wer kommuniziert das? Es gibt eine, wie ich finde, furchtbare Werbung für die Corona-Warn-App: „Unterstützt uns im Kampf gegen Corona!“ Die Aussage zeigt die Wahrnehmung: Die Regierung managt – und der Bürger folgt. Je mehr Vertrauensverlust wir aber haben, umso weniger ist auf diese Akzeptanz Verlass. Hier müsste
umgedacht werden. Wir brauchen noch stärker die Debatte, ob auch die Sportvereine, die Kirchen, Verbände oder Arbeitgeber Krisenmanager sind. Es geht darum, die gesellschaftlichen Akteure in ein Boot zu bekommen, um gemeinsam ein Ziel in der Pandemiebekämpfung verfolgen. Ein so verstandenes, gemeinsames Erwartungsmanagement ist gefragt.

Ihr Forschungsthema rund ums Impfen ist mit Aplomb in die Medienöffentlichkeit katapultiert worden – und hat Sie selbst zu einer öffentlichen Person gemacht. Was macht das mit einer Psychologin?

Betsch: Es fällt mir schwer abzuschalten. Überall, in allen meinen Lebensbezügen, begegne ich meiner Arbeit. Über die Frage der Impfpflicht habe ich schon vorher versucht, mich beratend in die Politik einzubringen. Auf der einen Seite ist es schön zu sehen, dass die Arbeit aus dem stillen Kämmerlein auch außerhalb gebraucht wird. Auf der anderen Seite sehe ich, dass es eine gewisse Beliebigkeit gibt, wie mit wissenschaftlichen Befunden umgegangen wird, mal werden sie herangezogen, mal an die Seite gestellt. Und diese Erfahrung haben wohl alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemacht, die sich während der Pandemie in die Öffentlichkeit begeben haben.

Täuscht der Eindruck, dass Sie der evidenzbasierten Gesundheitskommunikation sehr viel zutrauen?

Betsch: Die Kommunikation kann viel, aber nicht alles. Das habe ich sehr gelernt in meiner Arbeit für die WHO, wo es immer wieder um die Fragen geht: Was kann Kommunikation eigentlich, wo sind die Grenzen? Und wo braucht es Veränderung der Verhältnisse? Hier kommt die Politik ins Spiel, die Regelungen treffen oder Rahmen schaffen kann. Ich denke an die Pflicht zum Maske-Tragen ab April 2020. Das hätte man durch Kommunikation allein nie geschafft.

Im Januar hat die Pandemiekommission der DFG ein Dossier mit der Überschrift veröffentlicht „Mehr wissen – informiert entscheiden“. Ist das auch Ihr Mantra?

Betsch: Ja, definitiv. Immer wenn es keine Impfpflicht gibt, darf man informiert entscheiden. Und das muss ernst genommen werden. Wenn Maßnahmen besser begründet sind und Menschen sie besser verstehen, dann können sie sich auch besser daran halten. Dafür sind Informationskampagnen wichtig. Hier geht es um Information, nicht um Marketing für ein Verhalten.

Welche Erwartung verbinden Sie mit der Mitwirkung in der DFG-Pandemiekommission?

Betsch: Es ist ein unglaublich reichhaltiges Wissen, das in der Kommission zusammenkommt und vernetzt wird. Ich finde es wichtig und auch spannend, dass neben Virologen und Modellierern auch die Perspektiven anderer Disziplinen, etwa der Verhaltenswissenschaften, zur Sprache kommen – und die DFG bewusst auf eine breite, interdisziplinäre Expertise setzt.

Die Kommission möchte nicht nur Forschungsarbeiten anregen, sondern auch Forschungsdesiderate identifizieren. Was ist vordringlich?

Betsch: Wir sehen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vieler Disziplinen, die vorher nichts mit Infektionsforschung zu tun hatten, ihr Forschungsgebiet auf dieses Thema ausgerichtet haben und sich gefragt haben, was sie aus der Perspektive ihres Faches beitragen können. Nach der Pandemie wird es darum gehen, wie das gewonnene Wissen nachhaltig gemacht werden kann. In meinem Bereich ist wichtig, dass das psychologische Wissen nicht allein bleibt. Wie lässt sich dieses in weiter gefasste Modelle einbringen, die auch bessere Voraussagen erlauben. Wenn sich das nicht nur national, sondern auch international zusammenbringen ließe, dann hätten wir einen großen Schatz gehoben.

Welche langfristigen psychosozialen Folgen der Pandemie erwarten Sie?

Betsch: Der Bedarf an psychologischer Unterstützung könnte steigen, wir sehen das akut in jedem Fall. Eine Infektion kann schwerwiegende körperliche und psychosoziale Folgen haben – Stichwort Long COVID, Einsamkeit oder Stigmatisierung. Auf der anderen Seite ist der Mensch ein adaptives Wesen, er kann teilweise durch die Krise auch stärker werden. Wir müssen nur schauen, dass Einzelne und Gruppen nicht abgehängt werden, zum Beispiel in der schulischen Bildung.

Und welche konstruktive Einsicht können wir in die herbeigesehnte Postcorona-Zeit nehmen?

Betsch: Gesellschaftlich können wir lernen, dass Krisenbewältigung proaktiv ansetzen sollte, gerade weil politische Weichenstellungen häufig erst später oder reaktiv kommen, ich denke da an die Klimakrise. Und wir können in neuer Weise schätzen lernen, dass Forschung und Wissenschaft einen besonderen Wert haben, vielleicht auch für den Einzelnen, der merkt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben können – nicht nur in Pandemiezeiten.

Herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch!

Der Beitrag ist ursprünglich in der Ausgabe des Magazins "forschung" 1/2021 erschienen. Interner LinkZum Heft

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