Grüne Gentechnik

Parlamentarischer Abend "Grüne Gentechnik"

25. März 2010 Grundlagenforschung

Wenige Themen aus den Naturwissenschaften haben die öffentliche Diskussion in Deutschland in den letzten Jahren derart geprägt wie die Grüne Gentechnik. Für die Grundlagenforschung und auch die landwirtschaftliche Praxis eröffnen die neuen Methoden und Ergebnisse große Chancen.

Der Parlamentarische Abend zur

Die DFG fördert in diesem Bereich exzellente Forschung. Sie sieht sich aber auch in einer besonderen Verantwortung gegenüber Öffentlichkeit und Politik. Deshalb hat sie am 22. März 2010 einen Parlamentarischen Abend zum Thema Grüne Gentechnik im WissenschaftsForum Berlin ausgerichtet.

„Ich bin zuversichtlich, dass dieser Abend einen Beitrag zur differenzierten Bewertung der Grünen Gentechnik leistet“, benannte DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner in seiner Begrüßung ein Ziel des Abends und adressierte die Kernthemen: Was ist Grüne Gentechnik eigentlich und wie unterscheidet sie sich von herkömmlichen Methoden der Pflanzenzüchtung? Welchen Nutzen genau bringt diese Technologie Verbrauchern, Landwirtschaft und auch der Saatgutindustrie? Mit welchen Risiken ist sie verbunden? Können Entwicklungsländer von der Grünen Gentechnik profitieren? Was bedeutet es für die Pflanzenforschung, wenn selbst grundlagenwissenschaftliche Versuche ausschließlich im Labor und nicht unter realen Bedingungen, sprich im Freiland durchgeführt werden dürfen?

Ein weiteres Werkzeug für die Genetik

„Die Gentechnik bietet Genetikern und Entwicklungsbiologen neue Möglichkeiten, die universell in den Zellen aller Organismen enthaltenen Informationen zu entschlüsseln“, begann Professor Elisabeth Knust vom Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden in ihren Vortrag „Wie profitiert die Grundlagenforschung?“. Die Vizepräsidentin die DFG, die den Abend auch moderierte, zeigte dann unter anderem am Beispiel der Ackerschmalwand die Möglichkeiten der Gentechnik auf. Beginnend bei zufälligen Mutationen, dem „täglichen Brot der Genetiker“, über gezielte Mutationen zum Beispiel durch mutagene Substanzen bis hin zum gezielten Gentransfer durch Bakterien, die Teile ihres Erbgutes in pflanzliche Wirtszellen transportieren, reihte sie die Grüne Gentechnik in das Portfolio der Genetik ein.

Als ein Beispiel für aktuelle Forschung führte sie die Aufklärung der biologischen Grundlagen der sogenannten Heterosis an. Heterosis bedeutet, dass die direkten Nachkommen von Inzuchtlinien diesen in ihren Leistungen deutlich überlegen sind. Dabei handelt es sich um ein in der Pflanzenzüchtung zwar seit vielen Jahrzehnten genutztes aber noch immer nicht vollständig verstandenes, biologisches Phänomen. Hier verspricht die Gentechnik ebenso neue Erkenntnisse wie auch für das Verständnis komplexer Synthesewege im Stoffwechsel.

Neue Wege in der Pflanzenzüchtung

Professor Christian Jung von der Universität Kiel und wie seine Vorrednerin Leibniz-Preisträger der DFG fokussierte auf die Chancen der Grünen Gentechnik für die Pflanzenzüchtung. Auch hier stellt die Technologie neben den seit Jahrtausenden etablierten Züchtungsmethoden nur ein weiteres Werkzeug dar. Daher gehe es nicht um die Frage Gentechnik versus Natur, denn auch mit konventionellen Methoden der Pflanzenzüchtung würden Pflanzenarten hergestellt, die es vorher nicht gegeben habe, sagt Jung. Er führte aus, dass Weizen in der Natur gar nicht existieren würde und aufgrund klassischer Züchtung Roggengene enthalte. Und Raps sei eine Kreuzung aus Kohl und Rübsen. Er betonte zusätzlich die enge Verzahnung von Grundlagenforschung und Züchtung. Als Ziel nannte Jung: „Die Gentechnik erweitert die genetische Variabilität, die für den Züchter von zentraler Bedeutung ist, um überhaupt leistungsfähige Sorten erzeugen zu können“.

Welche Vorteile die Grüne Gentechnik bringt, machte er an praktischen Beispielen klar. „Insektenresistente Kulturpflanzen werden mittlerweile in großem Umfang weltweit angebaut“, sagte Jung. Und auch was Salz- und Trockentoleranz – sehr komplexe biologische Prozesse – angeht, stehen einige Sorten bereits kurz vor der Zulassung. Er berichtete außerdem von einem Speiseöl mit verändertem Fettsäuremuster beziehungsweise erhöhtem Anteil an Omega-3-Fettsäuren aus gentechnisch veränderten (gv) Sojabohnen: „Das ist ein echter Gesundheitsvorteil für die Menschen“.

Freilandversuche sind für die Sicherheitsforschung essenziell

Wie es mit gentechnisch veränderten Pflanzen nach der Laborphase weitergeht – nämlich im Freilandversuch – schilderte Professor Inge Broer von der Universität Rostock. Freilandversuche sind ein notwendiger Bestandteil der Biosicherheitsforschung, die gv-Pflanzen auf mögliche Risiken für Umwelt und Verbraucher untersucht. Diese hält sie für unabdingbar wichtig, weil diese Pflanzen, wenn sie (art-)fremde Gene enthalten, Stoffe produzieren könnten, die in Pflanzen möglicherweise vorher nicht vorhanden waren.

Freilandversuche seien absolut notwendig, weil die komplexen Umweltbedingungen im Gewächshaus nicht simuliert werden können und weil sich dort auch nicht genug Material für Fütterungsversuche an großen Tieren wie Schweinen und Kühen produzieren lässt. Fütterungstudien werden an den unterschiedlichsten Tierarten (von der Maus bis zum Rind) teilweise sogar über zehn Generationen durchgeführt, um eine Gefährdung der Verbraucher beispielsweise durch ein allergenes Potential auszuschließen. Auch das Zusammenspiel zwischen Pflanzen und sogenannten Fraßfeinden lässt sich nur im Freien überprüfen und nicht zuletzt können sich auch die physiologischen Eigenschaften von Pflanzen im Gewächshaus erheblich von denen im Freiland unterscheiden.

Auch um Regeln für ein friedliches Nebeneinander von Landwirtschaft ohne und mit Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen zu erstellen, sind Freilandversuche notwendig. Hier muss gewährleistet werden, dass das Erntegut der konventionellen Pflanzen nicht mehr als 0.9 Prozent gv-Anteile enthält, andernfalls muss gekennzeichnet werden. Alle Vortragenden machten sehr deutlich, dass die Kennzeichnung von Lebens- und Futtermitteln mit gentechnisch veränderten Organismen nichts mit der tatsächlichen Gefährdung zu tun hat, sondern nur dazu dient, die Wahlfreiheit der Bürger zu sichern. Alle zugelassenen Lebensmittel seien auf Herz und Nieren geprüft und stellten keinerlei gesundheitliches Risiko dar.

„Freilandversuche mit gv-Pflanzen sind sehr aufwändig und können durch Feldzerstörer auch Ärger viel bereiten“, sagte Broer. Denn die Anforderungen an solche Versuche sind hoch. So müssen bei Pflanzungen Mindestabstände eingehalten werden, auf der anderen Seite schützen Zäune sie vor Wildschweinen – und Gentechnikgegnern. Aufwändig und langwierig sind meist auch die Genehmigungsverfahren.

Die Skepsis gegenüber der Grünen Gentechnik führt Broer darauf zurück, dass in unserer Wohlstandsgesellschaft derzeit der Verzicht auf Gentechnik und damit auch die Ablehnung leicht fällt. Sobald es Produkte mit echten, greifbaren Vorteilen für den Verbraucher gibt, akzeptierten die Menschen auch an die Technologie und überwänden ihr Unbehagen, hofft Broer – und setzt bis dahin auf weitere Aufklärung und valide Sicherheitsforschung.

Chance für Entwicklungsländer

Wie sich gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Landwirtschaft in Entwicklungsländern auswirken, berichtete Professor Matin Qaim von der Universität Göttingen Er betrachtet in seinen Forschungen, unter anderem in Indien, sogenannte HT – herbizidtolerante – Pflanzen und Bt-Pflanzen, die dank eines oder mehrerer Gene von Bacillus thuringiensis gegenüber Schadinsekten resistent sind. Qaim zeigte am Beispiel Bt-Baumwolle in Indien, dass die dortigen – oft sehr armen – Kleinbauern dank der neuen Pflanzen deutlich mehr verdienen als zuvor. Denn das eingesparte Insektizid und höhere Erträge machen das teurere Saatgut wirtschaftlich mehr als wett. Dieser Vorteil setzt sich durch – so setzen laut Qaim in Indien mittlerweile 90 Prozent der Baumwollbauern auf Bt-Pflanzen. In welchem Maße die gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen, hängt auch von den geltenden Patentregeln ab. Denn in den Ländern mit entsprechenden scharfen Regeln zum Patentschutz profitieren vor allem die Saatgutfirmen – die Gewinnspanne der Bauern sinkt und die Technologie setzt sich nicht durch. Das gilt beispielsweise für Argentinien – während in China, Indien oder Südafrika ein Großteil der Bauern auf gentechnisch veränderte Pflanzen setzt.

Wie erfolgreich die Grüne Gentechnik international ist, zeigt eine Zahl: Weltweit wachsen auf zehn Prozent der genutzten Ackerfläche gentechnisch veränderte Pflanzen. Dass die meisten von ihnen keine Nahrungspflanzen sind, ist nach Qaims Meinung der kritischen Diskussion in der Öffentlichkeit geschuldet. Er hält auch die Sorge nach abnehmender biologischer Vielfalt durch Grüne Gentechnik für unbegründet: Die „Bt-Technologie ist nicht auf eine Kulturart oder Sorte begrenzt, sondern kann in mehreren Sorten eingesetzt werden, um sie vor Insekten zu schützen.“ Und auch wirklich nur vor Insekten – denn wie Professor Jung ergänzte, beruht der Wirkmechanismus des Bazillus auf einem Toxin, das nur im alkalischen Milieu von Insektendärmen wirke und nicht im sauren bei Säugetieren und Menschen.