Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz

60 Jahre MAK-Kommission der DFG

24. August 2016 Festakt am 7. Oktober 2015 in der Villa Vigoni am Comer See

Wenn der Blick auf den herbstlichen Comer See für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nur die Randerscheinung einer Sitzung ist, spricht das für deren Ernsthaftigkeit und Freude an der Arbeit. Diese beiden Vokabeln kennzeichnen auch generell die Tätigkeit der Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der DFG.

60-Jahrfeier in der Villa Vigoni am Comer See

Und so umfasste das Programm anlässlich des 60. Jubiläums der Kommission vom 6. bis zum 8. Oktober 2015 in der Villa Vigoni, dem deutsch-italienischen Zentrum für europäische Exzellenz, nicht nur einen Festakt mit fachlichen Vorträgen und einem vielfältigen Musikprogramm sondern auch Sitzungen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Einstufung von Kanzerogenen" und der Arbeitsgruppe „Aufstellung von MAK-Werten“.

DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek

Grußworte

Dorothee Dzwonnek, Generalsekretärin der DFG

Am 7. Oktober 2015 begrüßte die Generalsekretärin der DFG, Dorothee Dzwonnek, die Gäste zum Festakt im Veranstaltungssaal der Villa. Sie blickte auf bahnbrechende und öffentlichkeitswirksame Beurteilungen der Kommission wie beim Passivrauchen oder zum Ozon zurück, nannte aber auch die mehr als 15.000 Empfehlungen, die in den 60 Jahren entstanden sind. "Die Arbeit der Kommission ist geprägt von kompromisslosem und wissenschaftsgeleitetem Diskutieren - das halte ich für eine angemessene Form der Arbeit. Schließlich geht es um ethisch und moralisch wichtige Felder", lobte Dzwonnek. Nachprüfbar und begründet wehre die Kommission seit Langem Einflussversuche von Wirtschaft wie Politik ab.

Die MAK-Kommission hat laut Dzwonnek Vorbildcharakter. So sei die Kommission ein Vorreiter in Sachen Open Access - die Bereitstellung der Liste auf diese Weise sei ein voller Erfolg, wie die Zahlen belegten. "Nach 60 Jahren ist es fast eine Selbstverständlichkeit, dass Gesundheitsschutz in Deutschland von Ihnen definiert wird", rief sie den rund 60 Anwesenden zu. Leistungsfähig Grundlagenforschung bleibe eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit, betonte sie und blickte besorgt auf die Schließung toxikologischer Institute in Deutschland: "Sie haben im Vorstand und Präsidium der DFG Mitstreiter dafür, dass Ihr Arbeitsfeld im Zusammenklang aus Chemie, Medizin und Menschen in wirklicher Breite erhalten bleibt."

Auftakt in der Villa Vigoni

Terry Gordon, USA

Gleich zwei Videobotschaften von seinem amerikanischen Team überbrachte Terry Gordon, Vorsitzender des Kommitees für "Threshold Limit Values for Chemical Substances" (TLV-CS) der amerikanischen ACGIH, dem amerikanischen Pendant der MAK-Kommission. Beide Kommissionen verfolgten seit Jahrzehnten die gleichen Ziele. So habe die ACGIH im Jahr 1946 die ersten MAC-Werte, die auf Englisch "Maximum Allowable Concentrations" heißen, definiert und seit 1955 Dokumentationen dazu geliefert.

Die Verbindungen zwischen Deutschland und Amerika reichen über die einfache Übernahme der Werte durch die deutsche MAK-Kommission zu Beginn weit hinaus. Gordon berichtete von frühen Kontakten zwischen den Vorsitzenden und den Bemühungen um harmonisierte Werte: "Die Personen an der Spitze der beiden Kommitees haben stets einen guten Kontakt gepflegt, auf den wir auch zwischen Andrea Hartwig und der neuen TLV-Vorsitzenden Rachel Rubin hoffen, die 2016 ihr Amt antreten wird."

Len Levy, SCOEL

"Es geht bei unserer Arbeit, sei es bei der MAK-Kommission oder bei ihrem europäischen Pendant SCOEL, nicht um die Werte an sich, sondern vielmehr um den Glauben an die besten Standards", betonte der Brite Len Levy. Er berichtete aus der Arbeit des Scientific Committee on Occupational Exposure Limit Values (SCOEL) und von jüngst beschlossenen Neuerungen wie einem wissenschaftlichen Sekretariat - einer Einrichtung, die die Arbeit der MAK-Kommission seit Langem gewinnbringend begleitet und die die SCOEL-Mitglieder nach Levys Worten heiß ersehnt haben. Er dankte für das Engagement von Mitgliedern der MAK-Kommission bei SCOEL, denn in vielerlei Hinsicht suche man in ganz Europa den deutschen Rat: "Gerade in Zeiten, wo anderswo Kommissionen ganz eingespart oder verkleinert werden, brauchen wir eine starke MAK-Kommission".

Kaffeepause in der Villa Vigoni

Gunnar Johanson, Schweden

Auch in Nordeuropa orientiert sich die Arbeit für den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz an der deutschen Kommission, wie der Schwede Gunnar Johanson ausführte: "Wir brauchen eine hohe wissenschaftliche Qualität und dauerhafte und verlässliche Arbeit - wie sie die MAK-Kommission leistet." Die Nordic Expert Group, die er vertrat, sei zwar kleiner und sicher auch ein wenig billiger, umso mehr orientiere sie sich aber an den deutschen Werten. "Ich bin immer wieder beeindruckt von Ihrer hochklassigen Arbeit", betonte Johanson.

Alicia Huici-Montagud, Spanien

Bevor die Spanierin Alicia Huici-Montagud ans Rednerpult trat, sprach die Vorsitzende der MAK-Kommission Andrea Hartwig die Pläne für eine spanische Übersetzung der MAK-Liste an. Mit dem Verweis auf 560 Millionen spanischsprachiger Menschen weltweit belegte Huici-Montagud die Relevanz eines solchen Schritts: "Publikationen wie die MAK-Liste sind in Europa und darüber hinaus ein wichtiges Mittel zur Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft." In Spanien sei zudem die Situation in der Forschung aufgrund der wirtschaftlichen Lage angespannt: "Damit steigt die Bedeutung der deutschen MAK-Liste."

Huici-Montagud wies außerdem darauf hin, dass sich die Arbeitswelt derzeit dramatisch ändere - sei es durch Teilzeitjobs oder ständige Wechsel der Tätigkeit. Werte, die "für die Dauer des Arbeitslebens vor Schädigungen" schützten, müssten neu betrachtet werden: "Kaum jemand arbeitet noch acht Stunden am Tag 40 Jahre lang am gleichen Arbeitsplatz mit den immer gleichen Chemikalien."

Gerhard Eisenbrand, SKLM

Den Reigen der Grußworte beschloss Gerhard Eisenbrand, der Vorsitzende der Ständigen Senatskommission zur gesundheitlichen Bewertung von Lebensmitteln (SKLM) der DFG. Er verglich die beiden Kommissionen anhand des DFG-Satzungsauftrags der Politikberatung: "Während die Ergebnisse der MAK-Kommission seit 1955 Menschen am Arbeitsplatz schützen, ist unsere Aufgabe seit 1952 der Schutz der Verbraucher." Beide Kommissionen gebe es fast so lange wie die DFG selbst, beide engagierten sich in gemeinsamen Arbeitsgruppen und veröffentlichten zusammen Stellungnahmen. "Die MAK-Kommission ist jedoch in vielfacher Hinsicht etwas Besonderes: Sie ist international anerkannt und ihre Arbeit hat eine große Relevanz", sagte Eisenbrand, "das liegt nicht zuletzt an überragenden Vorsitzenden und exzellenten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern." Die Kommission habe die Grundlagenforschung vorangetrieben und "manche wissenschaftliche Karriere wäre ohne die MAK-kommission sicher weniger erfolgreich verlaufen".

Prof. Helmut Greim

Meilensteine auf dem Weg der MAK-Kommission

Helmut Greim

"Nach der Gründung der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der DFG 1955 passierte... erstmal nichts", begann Helmut Greim, der der Kommission 15 Jahre vorgesessen hat, seinen Rückblick. Zunächst habe man in einem jährlichen Treffen einfach die Werte der amerikanischen Kolleginnen und Kollegen vom TLV übernommen: "Rund zehn Jahre gab es eigentlich keine eigene, aktive Leistung." Das sei im Grunde verwunderlich, da die Forschung zum Gesundheitsschutz am Arbeitplatz in Deutschland eine lange Tradition habe - die rasante Entwicklung der chemischen Industrie in der Mitte des 19. Jahrhunderts sei zu nennen, aber auch die schrecklichen Vergiftungsfälle: "Damals richteten große Firmen eigene Polikliniken ein, aber der Gedanke von Grenzwerten zum Schutz der Menschen fehlte noch."

Er skizzierte die Entwicklung der Forschung Ende des 19. Jahrhunderts, und begann mit Karl Lehmann, der sich 1886 bei Max Josef Pettenkofer habilitierte und in der Folge in Würzburg den ersten Lehrstuhl für Hygiene schuf. Lehmann war der erste, der Dosis-Wirkungs-Zusammenhänge langfristig untersuchte und Werte ableitete. Hinzu kam der Pharmakologe Ferdinand Flury, ein Schüler Fritz Habers. Zusammen schufen die beiden Forscher in den 1930er Jahren einige der Standardmonografien zu Gasen und ihrer Wirkung. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges waren rund hundert Werte zusammengekommen. Nach dem krieg führte Wilhelm Neumann von 1955 bis 1965 die Würzburger Tradition als Vorsitzender der Kommission fort, gefolgt von Gerhart Hecht aus Wuppertal, der das Amt bis 1968 inne hatte.

Die folgenden Jahre prägten laut Greim die Geschicke der MAK-Kommission auf lange Zeit und markierten den Beginn der eigenständigen Arbeit. Einerseits erkannte die DFG, dass Politikberatung auf valider wissenschaftlicher Basis wichtig ist, andererseits kündigte 1968 die TLV das Copyright an ihren Werten auf. Den Vorsitz der MAK-Kommission wollte die DFG 1965 Dietrich Henschler antragen. Doch dieser lehnte zunächst ab - arbeitete aber ein Konzept aus, dass "die Basis für die heutige Arbeit ist", wie Helmut Greim formulierte. Zu den Bedingungen, die Henschler an seinen Dienstantritt als Kommissionsvorsitzender knüpfte, gehörten die regelmäßige jährliche Publikation der Liste, ausführliche wissenschaftliche Brgündungen für jeden Wert, eine klare Kategorisierung und volle Transparenz: "Er forderte die Förderung entsprechender Forschungen über ein eigenes Budget und mahnte einstimmige Beschlüsse für jede Entscheidung an." Und nicht zuletzt setzte er sich für ein eigenes wissenschaftliches Sekretariat ein. "Die DFG stimmte den Wünschen Henschlers zu und so trat er 1968 den Vorsitz an", führte Amtsnachfolger Greim aus, der 1992 auf Dietrich Henschler folgte.

Prof. Greim und Prof. Hartwig

Nachdem Henschler den Vorsitz übernommen hatte, wurde innerhalb kurzer Zeit die komplette Senatskommission neu besetzt. Greim sprach vor allem die äußerst gedeihliche Beteiligung der Industrievertreter an: "Sie hatten einfach die besten Einblicke und Erfahrungen am konkreten Arbeitsplatz." Mit der Unterstützung der DFG entwickelte sich die universitäre Seite jedoch ebenfalls rapide - Greim nannte den ersten entsprechenden SFB in Würzburg und die Toxikologie als gesamtes Feld. Er bedauerte die heutige Skepsis der Öffentlichkeit gegenüber den Industrievertretern, die oftmals nicht nur als einzige die nötige Expertise für Fragen des Arbeitsschutzes beitrügen sondern auch immens wichtig für die Umsetzung und das Vertrauen in die MAK-Werte seien.

Ein weiterer Meilenstein war 1972 die Veröffentlichung der ersten wissenschaftlichen Begründungen der MAK-Kommission. "Die ausführliche Dokumentation in der 'roten Ringbuchsammlung' war ein Novum", erinnerte sich Greim. In den Folgejahren sei die "Schlagzahl höher geworden". Einerseits stieg die Kritik an der Industrie, andererseits habe den Werten die sozio-ökonomische Betrachtung gefehlt. Die Veröffentlichung der Werte, die zum Teil erhebliche Veränderungen der Produktionsprozesse und damit der Wirtschaftlichkeit für die Industrie mit sich brachten, "überraschte" manchen. Daher kündige die Kommission seit 1980 in den "gelben Seiten" Untersuchungen an - als Vorbereitung für mögliche Änderungen an MAK-Werten. "Seit 2005 veröffentlichen wir die Vorschläge ein halbes Jahr vor der Publikation der Liste und machen Kommentare möglich", berichtete Greim und wies darauf hin, dass in den meisten Fällen keine Änderung der Vorschläge resultiere.

Er illustrierte außerdem die Kategorieneinteilung der Kommission in Sachen Kanzerogenität. Krebserzeugende Stoffe seien zunehmend in den Fokus der Arbeit gerückt: "Bis 1968 waren nur fünf Substanzen als krebserregend mit einem Sternchen gekennzeichnet." Laut Greim war die Kommission ihrer Zeit weit voraus und hat die Basis für die europäische Festlegungen gegeben. Viele der Entscheidungen aus dieser Periode hätten hohe wirtschaftliche Relevanz gehabt, sagte Greim und nannte Asbest, Holzstaub, Benzol und das Passivrauchen als Beispiele: "Gerade das Passivrauchen war extrem kontrovers: In jeder Sitzung saßen mindestens fünf Pfeifenraucher." Greim erinnerte sich aber auch an rechtliche Auseinandersetzungen mit der Industrie, beispielsweise über Kevlar oder genauer die Faser para-Aramid. Hier war der Name des Produkts statt der chemischen Bezeichnung in der MAK-Liste aufgeführt - ein Neudruck war teuer und wäre laut greim wahrscheinlich garnicht nötig gewesen.

Neben der Kanzerogenität sprach Greim die fruchtschädigende Wirkung von Arbeitsstoffen an. Hier hätten die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit eigenen Definitionen und Ableitungen von Werten in schwierigem experimentellem Terrain immer Augenmaß und Mut bewiesen. Greim nannte gleichsam als Fazit die herausragenden Publikationen der jüngeren Vergangenheit. Insgesamt habe die Kommission mehr als tausend Stoffe eingeordnet, seit 1972 weit über 32.500 Seiten Begründungen gedruckt. Sein Dank gelte der DFG, die neben der wissenschaftlichen Arbeit auch die Veröffentlichung der Listen, Begründungen und Methoden im Open Access ermöglicht habe: "Rund 150.000 Abrufe im ersten, 300.000 im zweiten Jahr und bisher schon 110.000 im aktuellen Jahr sprechen eine deutliche Sprache", freute sich Helmut Greim.

Aus seiner Sicht war die Ernennung der MAK-Kommission zur Ständigen Senatskommission der DFG der jüngste Markstein in einer arbeitsamen, erfreulichen und erfolgreichen Geschichte.

Professor Hermann Bolt

Die Europäische Dimension und SCOEL

Hermann Bolt

Hermann Bolt nannte zunächst den eigenen Vater, der in den 1950er Jahren in der "Montanunion" in Sachen Schutz am Arbeitsplatz unterwegs war, als sein Vorbild und zitierte ihn zu den damaligen Zuständen im Umgang mit chemischen Arbeitsstoffen: "Der Schlot muss rauchen und man arbeitet nicht mit dem Produkt, sondern im Produkt". Bolt zählte dann die großen Unfälle und Vergiftungen auf, die den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rückten: Von den vom "nicht toxischen" Vinylchlorid erzeugten Tumoren in den 1970er Jahren, dem Unglück im englischen Flixborough, bei dem 1974 insgesamt 28 Menschen in der Cyclohexan-Produktion ums Leben kamen, über den Unfall im italienischen Seveso mit dem als Seveso-Gift bekannt gewordenen Stoff TCDD. Bolt schloss die Reihe mit den Betriebsunfällen und dem Kommunikationsdesaster der Hoechst AG im Jahr 1993 ab.

Gerade nach den Vorfällen in den 1970er Jahren seien entsprechende Gesetze entstanden, und darauf folgend die Notwendigkeit der europäischen Harmonisierung. Diese laufe in Europa seit den 1980ern. Bolt erinnerte an die Gründung der "Scientific Expert Group" im Jahr 1989, dem Vorläufer von SCOEL, und die damit verbundenen großen Namen: Neben Dietrich Henschler waren das Reinier Zielhuis, Robert Lauwerys und Vito Foà. "Damals waren wir die Jungspunde", lächelte Bolt. Er nannte auch die Unterstützer auf EU-Seite: Alexandre Belin, Marie-Therese van der Venne und den früh verstorbenen Giorgio Aresini. Ein Meilenstein waren die Begründungen - die erste stammt aus dem Jahr 1991 und umfasste schmale zwei Seiten. 1995 wurde die Nachfolgeorganisation SCOEL gegründet, 2014 erhielt das "Scientific Commitee" ein neues Mandat durch die EZU-Kommission.

Bolt schilderte die Interaktionen zwischen politischem Mandat, den Institutionen, Gesetzgebung und Wissenschaft sowie der Gesellschaft. "Die von der SCOEL festgesetzten Werte gehen direkt in die EU-Richtlinien ein", berichtete Bolt. Diese könnten von den Mitgliedsländern übernommen werden.

Er schloss mit der Feststellung, dass für SCOEL die Unterstützung durch die MAK-Kommission extrem wichtig ist. Ähnliche Unterstützung erfährt die Gruppe durch die niederländische Kommission (DECOS) und die Nordische Expertengruppe. Nur durch den Rückgriff auf dort geleistete Arbeiten kann eine effiziente Arbeit von SCOEL auf europäischer Ebene sichergestellt werden.

Professor Hans Drexler

Biologisches Monitoring - Grenzwerte in biologischem Material

Hans Drexler

Mit dem Alkoholtest führte Hans Drexler gleich zu Beginn seines Vortrages ein bekanntes und weitverbreitetes Beispiel für Biomonitoring an. Und zeigte an diesem auch gleich auf, wo die Probleme dieser Verfahren liegen. Denn bei Biomarkern wie Alkohol sind scharfe Grenzwerte kaum tauglich: Die gemessenen Werte und die Reaktionen des Körpers variieren bei jedem Individuum. Mit diesen Erläuterungen gelangte Drexler zu den BAT-Werten und schilderte die Entwicklung der Definition. Heute orientiert dieser Wert sich an der mittleren inneren Exposition - doch ist die Mitte immer der richtige Schluss, wenn es um Gefährdung geht? "Die Hälfte aller Betroffenen können dabei höhere Werte aufweisen", illustrierte Drexler. Und auch bei einer Überschreitung steht noch lange nicht fest, dass Menschen davon beeinträchtigt werden. Bei Stoffen mit akuter Toxiziät wie beispielsweise Kohlenmonoxid ist das Mittelwertkonzept jedoch nicht geeignet, um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu schützen. Hier muss der Grenzwert unverändert als Höchstwert formuliert werden. Auch der Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) habe mittlerweile das Mittelwertkonzept der DFG-Senatskommission übernommen.

Ein praktisches Problem beim Biomonitoring im Arbeitsschutz ist das Recht auf Selbstbestimmung des Einzelnen - kein Dritter darf ein Biomonitoring verpflichtend anordnen. Biomoniotoring wurde seit den 1980er Jahren im Rahmen bestimmter arbeitsmedizinischer Vorsorgeuntersuchungen verbindlich vorgeschrieben und durchgeführt. Mit der zweiten Fassung der Verordnung zur Arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) von 2013 liegt die Entscheidung für oder gegen eine Untersuchung ausschließlich beim Arbeitnehmer.

"Biomonitoring unterliegt den Bestimmungen der ärztlichen Heilkunde und damit der Schweigepflicht", stellte Drexler klar. Das Ziel heiße Risikominimierung. Gerade bei krebserregenden Stoffen wie Benzol oder polyzyklischen Kohlenwasserstoffen gebe es Korrelationen zwischen der Exposition und der Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Die Expositionsäquivalente für krebserzeugenden Arbeitsstoffe (EKA), die die MAK-Kommission aufstellt, hatten sich bislang nicht in gesetzlichen Regelwerken wiedergefunden. Mit der Einführung des Konzepts der Expositions-Risikobeziehung bei krebserzeugenden Arbeitsstoffen durch den AGS, kann anhand der EKA geprüft werden, ob das individuelle Risiko des Arbeitnehmers als akzeptabel oder noch tolerabel bezeichnet werden kann.

"Und dann haben uns die Chemiker immer weiter sinkende Nachweisgrenzen eingebrockt", scherzte Drexler, "heute ist alles fast beliebig genau messbar". Dieser Umstand habe BAR-Werte nötig gemacht, um die Exposition am Arbeitsplatz mit der nicht meidbaren Umweltbelastungzu vergleichen und um zu entscheiden, ob aus dem Umgang mit einem krebserzeugenden Arbeitsstoff überhaupt eine zusätzliche berufliche Belastung resultiert. Drexler schilderte die Entwicklung der biologischen Werte: Nach Werten für 70 Stoffe und 54 biologische Parameter im Jahr 2005 existierten 2015 bereits Werte für 120 Stoffe und 144 Parameter.

Drexler beendete seinen Vortrag mit einem Lob für die DFG: "Der Zugang zu den Dokumenten im Open Access ist von unschätzbarem Wert - einerseits nehmen die Positionen der Kommission so Einfluss auf die wissenschaftliche Landschaft, weil sie leicht und schnell verfügbar sind, andererseits sind sie von großem Nutzen für die Arbeitsmediziner in den Betrieben, weil in den Begründungen der aktuelle Stand der Toxikologie verlässlich dargestellt ist."

Prof. Michael Arand

Wie weit hilft uns das Verständnis molekularer Mechanismen in der Risikobewertung von Fremdstoffen?

Michael Arand

"Ich kann Ihnen leider keine perfekten Lösungen präsentieren", entschuldigte sich der in der Schweiz tätige Michael Arand. Stattdessen warf er verschiedene Fragen auf, die die Toxikologie derzeit umtreiben. Als Ansatz wählte er die dramatische Medienberichterstattung zu einer Chinapfanne, die tausend mal mehr Prothiofos als erlaubt enthalten sollte. Für diesen Stoff gibt es einen No Observed Adverse Effect Level (NOEL) und einen Acceptable Daily Intake (ADI), der aus einer Studie an Hunden aus dem Jahr 1990 nach Arands Worten "krude" und sehr konservativ abgeleitet worden ist. Er kam bei seiner Betrachtung zu dem Schluss, dass das Gemüsepfännchen viel weniger gefährlich sei als die plakative Datenlage vermuten lasse, da ähnliche Belastungen von der ESFA häufig in vielen Lebensmitteln gemeldet werden.

Und so gelangte er von der Gemüsepfannen-Anekdote zu den molekularen Mechanismen der Kanzerogenität. Er illustrierte die Notwendigkeit solcher Untersuchungen mit Graphen, die bei immer kleineren Expositionen linear gen Null extrapoliert würden: "Das ist Spekulation!" Die Tumorgenese sei ein so komplexer Prozess, dass er vermutlich in vielen Fällen nicht linear von der Stoffmenge abhänge. Als Beispiel nannte er Styrol, für das er den Prozess im menschlichen Körper und bei Mäusen als Versuchstieren verglich. Dafür, dass Styrol bei Mäusen wesentlich wahrscheinlicher Krebs erzeugt als beim Menschen, sind vermutlich quantitative Unterschiede im Metabolismus verantwortlich. Mit Broccoli sprach Arand ein weiteres kontroverses Thema an. Auch hier gebe es Studien, dass das Gemüse nach molekularen Befunden Krebs erzeugen müsse. Die Epidemiologie zeige jedoch derzeit keine schädigende Wirkung sondern bestenfalls, wenn auch schwache, positive Effekte. "Warum gibt es diese Divergenz? Weil das Extrapolieren von der molekularen Ebene auf den Gesamtorganismus (noch) zu schwierig ist", sagte Arand.

"Das Verständnis der molekularen Prozesse hilft uns, gute Hypothesen zu bilden, das experimentelle Design zu optimieren und Tierversuche besser zu beurteilen", fügte er hinzu. Er warnte aber vor dem Hintergrund der gewählten Beispiele davor, aus molekularen Analysen Grenzwerte ableiten zu wollen: "Risiken sind auf der basis solcher Daten derzeit noch nicht errechenbar, wir brauchen nach wie vor Tierversuche, um valide Abschätzungen treffen zu können."

Prof. Andrea Hartwig

Die Verknüpfung von Grundlagenforschung und praktischem Gesundheitsschutz

Andrea Hartwig

"Was könnte anstrebenswerter sein, als als Toxikologin auch die eigenen Forschungsergebnisse in die Grenzwertableitung mit einzubringen und zu deren Umsetzung beizutragen?", fasste Andrea Hartwig zum Abschluss des offiziellen Teils des Festakts ihre Erfahrungen als Kommissionsvorsitzende zusammen. Die Kommissionsarbeit befruchte umgekehrt nicht nur ihre Forschung, sondern auch ihre universitäre Lehre: "Wie kommen Grenzwerte zustande und welche Konzepte der Risikobewertung liegen dem zu Grunde? Das versuche ich, den jungen Leuten nahezubringen."

In ihrem Vortrag leitete sie dann die Bedeutung der MAK-Kommission aus historischen Entwicklungen ab. Sie begann mit den ersten Publikationen über Kanzerogene im 18. Jahrhundert, zu Schnupftabak (1761) und Ruß (1775). Daran schlossen sich erste Berichte zur krebserzeugenden Wirkung der als Farbstoffe verwendeten aromatischen Amine (1895), zu Röntgenstrahlen (1902), Zigaretten (1930) oder Asbest (1932) an. Diethylstilbestrol (1970) führte sogar bei den Kindern der Exponierten zu Tumoren. "Oft haben die Ärzte solche Zusammenhänge eher zufällig erkannt, und oft erst, wenn viele Betroffene schon krank oder sogar verstorben waren", sagte Hartwig und fügte hinzu: "Es hat lange gedauert, bis aus den Beobachtungen das Konzept des vorbeugenden Gesundheitsschutzes vorangetrieben wurde; auf diesem Weg war die Gründung der MAK-Kommission im Jahr 1955 ein Meilenstein."

Sie beschrieb weiter die Arbeit der MAK-Kommission, die die Arbeitsstoffe konkret bewertet, aber darüber hinaus auch konzeptionell tätig ist. Für den Erfolg seien die 35 Mitglieder der Kommission, ihre vier Ständigen Gäste und das wissenschaftliche Sekretariat nötig, fasste sie zusammen und schilderte die aktuellen Herausforderungen: "Neue Erkenntnisse zu immer empfindlicheren Endpunkten wie beispielsweise erste neurotoxische Symptome machen die Datenlage komplex und verlangen eine sorgfältige Bewertung der Befunde. Ferner erfordert der Anspruch, gesundheitsbasierte Grenzwerte auch für krebserzeugende Stoffe aufzustellen, die Einbeziehung der Wirkmechanismen und damit umfangreiche konzeptionelle Arbeiten. Für viele Bereiche ist darüber hinaus die Betrachtung von Stoffgruppen erforderlich, so beispielsweise bei der Bewertung von Nano-Materialien, Metallen und ihren Verbindungen oder Stäuben."

Metalle und ihre Verbindungen, die Hartwig schon ihr ganzes Forscherleben lang begleiten, waren ihre Beispiele für unterschiedliche Wirkmechanismen in der Kanzerogenität - sei es Chrom VI, Cadmium, Nickel, Kobalt oder Arsen. Metallhaltige Stäube und Nanomaterialien stellen laut Hartwig die Forschung und Bewertung aber auch vor weitere Herausforderungen: "Die Grenzwerte sollen vor Krebs, aber zudem auch vor anderen Gesundheitsschädigungen schützen." Kritisch seien beispielsweise beginnende neurotoxische Wirkungen, die bei einigen Metallverbindungen bei sehr niedrigen Expositionen beobachtet wurden. Zudem seien Stäube bei sehr hoher Belastung alle möglicherweise kanzerogen, da sie unter diesen Bedingungen chronische Entzündungen auslösen, die letztendlich zu Krebs führen können; diese müssen entsprechend verhindert werden. Derzeit stelle sich auch die Frage, was das für Nano-Materialien heiße. Hartwig führte aus, dass hier die Einteilung in Gruppen sinnvoll sei - wiederum sei die Lunge das kritische Zielorgan. Zu allen diesen Aspekten gebe es noch viel Forschungsbedarf.

Prof. Drexler und Prof. Hartwig

Nach dem offiziellen Festakt hatten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kommissionssekretariats ein Überraschungsprogramm vorbereitet, das das Jubiläum mit musikalischen und schauspielerischen Beiträgen abrundete. Nach Programmende ging es zu einem gemeinsamen Abendessen.

Und weil sowohl Gemeinsinn als auch Ernsthaftigkeit besondere Kennzeichen der Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe sind, trafen sich zwei Arbeitsgruppen am Vortag und am kommenden Morgen zu einer regulären Sitzung und berieten über Grenzwerte und Einstufungen, die die Gesundheit der Menschen am Arbeitsplatz schützen.