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Auf der Suche nach Lösungen für die Zukunft

29. November 2021 Internationale Konferenz zur Pandemieforschung

Eine von der DFG organisierte internationale Konferenz zur Pandemieforschung bringt rund 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus geförderten Projekten zu einem digitalen Austausch zusammen.

Logo der Pandemiekonferenz

Welchen Einfluss hat die Luftqualität auf die Ausbreitung virusübertragener Infektionen? Welche statistischen Modelle braucht es, um potenzielle Behandlungseffekte in COVID-19 Beobachtungsstudien zu bewerten? Hat die Coronavirus-Pandemie Einfluss auf die Gesundheitsversorgung chronisch kranker Patienten? Wie können sich Gesellschaften auf Pandemien vorbereiten und welche Ressourcen müssen dabei bedacht werden? Und wie funktionierte diese Art der „Preparedness“ seit den 1990er Jahren ? Welche Erklärungen und Botschaften über Covid-19 und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen haben Regierungen und Gesundheitseinrichtungen der Öffentlichkeit vermittelt und welche Rolle spielten dabei die Medien?

Diesen und vielen weiteren Fragestellungen rund um die Coronavirus-Pandemie widmen sich in Deutschland tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Sie alle wollen dazu beitragen, Wege aus der aktuellen Krise zu finden und auf zukünftige Pandemien bestmöglich vorbereitet zu sein. Die DFG fördert in ihren regulären Förderverfahren etliche Projekte mit Pandemiebezug und hat die Forschung zu Corona seit März 2020 durch spezielle Ausschreibungen weiter gestärkt. Zum ersten Mal überhaupt haben sich nun Mitte November mehr als hundert dieser Forschungsprojekte miteinander ausgetauscht und vernetzt. Unter dem Titel „Preparedness for Future Pandemics from a Global Perspective“ versammelten sich auf Betreiben der DFG und ihrer Kommission für Pandemieforschung rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer virtuellen Eventplattform. In acht thematisch geclusterten Konferenzräumen besprachen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler medizinisch-virologische, soziologische, wirtschaftliche, politische, gesundheitswissenschaftliche und weitere Perspektiven und skizzierten ihre bisherigen Forschungsergebnisse.

„Diese Konferenz ist eine hervorragende Gelegenheit, einen wertvollen Moment in der allgemeinen Organisation der Pandemieforschung festzuhalten“, sagte DFG-Präsidentin Professorin Dr. Katja Becker zu Beginn. „Sie ist wichtig, um das weitere Potenzial der Pandemieforschung gemeinsam zu erkunden, sie bietet aber vor allem auch die Chance, sich zusammenzusetzen und die vielen vorhandenen Fragen aus allen Blickwinkeln der Wissenschaft zu untersuchen.“ Sie betonte, dass es nicht nur um einen fruchtbaren Austausch ginge, sondern auch darum, das Potenzial für weitere interdisziplinäre Zusammenarbeit zu eruieren. Becker ergänzte: „Je mehr wir über Pandemien wissen, desto anspruchsvoller wird die methodologische Suche. Unser Ziel ist es also, einen Beitrag zur ‚Pandemievorsorge‘ aus methodischer Sicht zu leisten: Die im Rahmen der Konferenz versammelte Forschung ist der Schlüssel, um die Schätze von immer raffinierteren methodischen Ansätzen zu heben, die letztlich zu einem insgesamt höheren Niveau der Vorsorge für künftige Pandemien führen.“

Die Begrüßungsrede in englischer Sprache von DFG-Präsidentin Katja Becker in voller Länge:

Die Konferenz richtete den Blick aber nicht nur auf die Pandemien der Zukunft, sie betrachtete sie auch aus einer dezidiert globalen Perspektive. Denn Pandemien lassen sich weder innerhalb nationaler Grenzen in Schach halten und eindämmen, noch lassen sie sich allein mit dem nationalen Blickwinkel erforschen – es braucht vielmehr grenzüberschreitende Kooperation und Austausch. Um diese Perspektive einzunehmen, hatte die DFG Professor Dr. Sir Jeremy James Farrar, den Direktor des britischen Wellcome, einer der größten Stiftungen für Gesundheitsforschung weltweit, als Keynote-Redner eingeladen. Dieser richtete in seinem Beitrag den Fokus dann auch auf die Frage, welche Forschung benötigt wird, um als Wissenschaft und Gesellschaft auf globale Krisen wie Seuchen und Pandemien, aber auch auf die Herausforderungen in Hinblick auf Klima, Energieversorgung, ausreichende Ernährung und vieles mehr besser vorbereitet zu sein.

Er betonte dabei, dass Wissenschaft während einer pandemischen Lage auf die im Vorfeld aufgebauten Infrastrukturen sowie Partnerschaften und Vertrauen angewiesen sei: „You rely so much on what you have before the crisis! If you are trying to build any partnerships and collaboration in the midst of a crisis, you will either fail or you will be too slow to make a difference. What you have before a crisis in human capacity, infrastructure, scientific endeavour, trust, will largely determine your ability to respond in a very fast, dynamic crisis – which is likely to be the sorts of problems we will face in the 21st century.” Farrar ergänzte, Wissenschaft könne nicht erst in einer Pandemie damit beginnen, Vertrauen aufzubauen oder politische Ratschläge zu erteilen, sondern müsse dies vorher tun.

Die Keynote in voller Länge sehen Sie hier (englisch):

Eine Panel-Diskussion lenkte zum Ende der Konferenz den Blick von der globalen Perspektive zurück auf die Verhältnisse in Deutschland. Moderiert von DFG-Pressesprecher Marco Finetti, richteten die Beteiligten den Fokus dabei auf das Wechselspiel zwischen wissenschaftlichen, medialen und politischen Akteuren sowie auf die gewonnenen Erkenntnisse der Wissenschaft:

So betonte Ralf Heyder, Leiter der Koordinierungsstelle des Netzwerks Universitätsmedizin, ansässig an der Charité Berlin, zwar eine „noch nie dagewesenen Präsenz von Wissenschaft in den Medien und auch in der politischen Entscheidungsfindung“, die es während der Coronavirus-Pandemie gegeben habe. Das sei nur natürlich, denn in einer solch existenziellen Krise wende sich Politik „an Menschen, die die Antworten zur Lösung dieser Krise haben“. „Aber“, so Heyder weiter, „lässt sich diese Vorgehensweise ohne weiteres auf andere politische Entscheidungsprozesse, auf andere Krisensituationen übertragen? Ich weiß es wirklich nicht!“. Im Hinblick auf politische Kommunikation könne die Wissenschaft aber Dinge aus der Krise lernen, etwa „wenn es darum geht, dass wir schneller gute von schlechten Beweisen trennen und dieses Wissen auch in Informationen übersetzen müssen, die die breite Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger leicht verstehen können. Hier gibt es definitiv Verbesserungsmöglichkeiten!“

Die Psychologin und Expertin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, Professorin Dr. Cornelia Betsch, sah eine der Herausforderungen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler während der Pandemie darin, Meinung und Fakten klar voneinander zu trennen und diesen Unterschied in der Öffentlichkeit auch kenntlich zu machen. Zudem kritisierte sie den Umgang vieler Medien mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern: „Zu Beginn der Pandemie dachten viele Forschende: Was kann ich beitragen? Und dann stellte sich heraus, dass die Auswahl derjenigen, die von der Politik angehört oder von den Medien befragt wurden, ein ziemlich zufälliger Prozess war, und es schien, dass die Medien eine Art Vorauswahl für den politischen Prozess trafen“. Für die Zukunft wünscht sich Betsch eine verstärkte Interaktion zwischen Wissenschaft und Politik. „Wir müssen lernen miteinander zu sprechen, lernen einander zuzuhören. Und wir Wissenschaftlerinnen müssen verstehen, wie die Prozesse ablaufen, denn wir wussten nie, wie in dieser Krise Politik gemacht wird. Das müssen wir bei der nächsten Krise unbedingt verbessern!“, so Betsch.

Die Direktorin des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe in Bamberg, Professorin Dr. Cordula Artelt ergänzte, dass die Logiken von Wissenschaft und Medien zwar grundverschieden seien, die Wissenschaft sich aber nicht zurücklehnen und darauf beharren könne, dass gute Forschung nun einmal Zeit benötige. Stattdessen müsse sich die Wissenschaft der Frage stellen, wie sie zukünftig politische Kommunikation und politische Ratschläge besser formuliere. Die Infektiologin Professorin Dr. Marylyn Addo von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf mahnte aber auch die Filterfunktion von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an – insbesondere in der „Preprint Ära“. „Wenn plötzlich wissenschaftliche Daten in den Social Media aufgegriffen werden, die weder ein Peer Review unterlaufen haben, noch irgendwie eingeordnet werden, dann ist das nicht hilfreich.“ Addo forderte zudem, junge Forscherinnen und Forscher für den Dialog mit Medien besser auszubilden.

Zum Videomitschnitt der Paneldiskussion:

Zum Abschluss der Konferenz fasste DFG-Vizepräsidentin Professorin Dr. Britta Siegmund wichtige Erkenntnisse für die Zukunft der Pandemieforschung aus den Diskussionen des Tages zusammen: „Eine neugiergetriebene Forschung, die verschiedene Disziplinen miteinander verbindet, also im besten Sinne multidisziplinär arbeitet, liefert während einer Pandemie und darüber hinaus die wirkungsvollsten Antworten. Nur auf diese Weise erreichen wir ein höheres Level an Preparedness. Um globale gesellschaftliche Herausforderungen wie Pandemien, aber auch die Klimakrise, bekämpfen zu können, brauchen wir leistungsfähige globale Forschungsinfrastrukturen. Der Ruf nach grenzüberschreitender akademischer Zusammenarbeit war daher noch nie so dringend wie heute.“

Zum Videomitschnitt bei YouTube: