Im Interview: Professor Marc Jacobsen

Besuch in einem südafrikanischen Haushalt
Besuch in einem südafrikanischen Haushalt
© Prof. A. Hesseling

Professor Marc Jacobsen arbeitet im Bereich pädiatrische Infektiologie. Sein Projekt: “Immune polarization in childhood tuberculosis: the role of helminthic co-infection”. Der Wissenschaftler im Interview.

Was ist der thematische Hintergrund des Projekts?

Wir untersuchen Immunantworten von Menschen, die zwei oder mehrere Infekte haben, die also ko-infiziert sind. In unserer Studie geht es um Tuberkulose und Darmerkrankungen verursacht durch parasitische Darmhelminthen (insbesondere Trichuris trichuria und Ascaris spec.). Wir widmen uns speziell Kindern, die an solchen Infekten leiden. Es wird schon lange diskutiert, ob Infektionen sich gegenseitig beeinflussen und sich damit negativ beispielsweise auf die Effektivität von Impfstoffen auswirken. Es gibt beispielsweise immer noch keinen wirksamen Impfschutz gegen Tuberkulose. Zwar gibt es einen Impfstoff, doch der wirkt nicht immer zuverlässig. Eine der Hypothesen ist, dass Ko-Infektionen hierbei eine hemmende Rolle spielen könnten.

Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Zur Erforschung von Infektionskrankheiten bin ich durch einen Wechsel an das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie nach meiner Doktorarbeit im Jahre 2002 gekommen. Hier hat mich von Anfang an die Patienten-nahe Forschung interessiert, ein Bereich der bis heute im Vergleich zu den Tiermodellen von Infektionserkrankungen eher unterrepräsentiert ist. Ich bin der Auffassung, dass man krankheitsrelevante Faktoren nur dann ausfindig machen und lösen kann, indem man Erkrankungen am Menschen genauer untersucht und dann weitere Forschung (auch an geeigneten Tiermodellen) betreibt. Diese Art der Forschung hat mich schon damals sehr gefesselt und tut dieses immer noch.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Klinik und Forschung in dem Projekt?

Wir versuchen, die Medizin extrem eng mit der Forschung zu verknüpfen. Wenn möglich, sollen die jungen Mediziner in der Ausbildung in diesem Projekt auch forschend tätig sein. Und es ist für Ärzte in Deutschland wichtig, etwas über die Krankheitsbilder zu lernen, die sie hier eigentlich gar nicht mehr sehen.

Wie funktioniert die enge Verknüpfung?

Ich bin als Biologe mit meinem Labor direkt an der Klinik für allgemeine Pädiatrie und Neonatologie des Uniklinikums Düsseldorf ansässig. Mein Anliegen ist, dass die Naturwissenschaftler in meinem Labor die klinisch relevanten Fragestellungen von den Medizinern lernen und in ihrer Forschung umsetzen – und die Mediziner können viel über die Fragestellungen und Herangehensweisen der Forschung lernen. Ich habe immer Doktoranden aus den Naturwissenschaften und der Medizin betreut und versucht Ihnen diese Ideen näher zu bringen.

Wie ist die Kooperation mit Afrika entstanden?

Mit den Projektpartnern in Südafrika arbeite ich seit 2005 zusammen. Das begann im Rahmen eines Grand Challenge-Projekt der Bill und Melinda Gates Foundation. Der Kontakt ist seitdem nicht abgerissen und die Zusammenarbeit war immer sehr fruchtbar.

Warum fiel die Wahl auf Südafrika?

In Südafrika erkranken in den armen Gegenden, gerade in den Townships, jährlich noch ein Prozent der Menschen neu an Tuberkulose. Das ist eine sehr hohe Zahl – deswegen war der Standort sehr naheliegend. In den Townships sind die vorhandenen Programme zur Entwurmung noch nicht so weit fortgeschritten, was das Projekt zur Untersuchung von ko-infizierten Kindern möglich macht.

Professor Marc Jacobsen
Professor Marc Jacobsen
© Clemens Hess, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Wie häufig sind Kinder mit Darmparasiten infiziert?

Wir untersuchen im Rahmen unseres Projektes auch die Häufigkeit und haben festgestellt, dass die Anzahl – auch in den Townships – merklich zurückgeht. Zwar haben immer noch rund zehn Prozent der Kinder Würmer, aber die staatlichen Entwurmungsstrategien zeigen mittlerweile auch hier Erfolge.

Welche Herausforderungen gibt es rund um das Projekt?

Es ist sehr aufwändig, Infrastrukturen aufzubauen und dann auch zu erhalten. Die Nachhaltigkeit bei solchen Projekten ist nur schwer zu gewährleisten. Deswegen halte ich eine längere Förderung wie bei unserem DFG-Projekt für sehr wichtig.

Wie erleben Sie Wissenschaft in Südafrika?

Meiner Einschätzung nach ist Südafrika in dieser Hinsicht kein typisches „afrikanisches Land“. Die Medizin ist auf dem höchsten europäischen Standard, es wird dort hervorragende Forschung betrieben. Ein Problem jedoch ist der Brain Drain, also das Wissenschaftler und Ärzte auswandern oder nach ihrer Ausbildung im Ausland nicht zurück kommen, und damit geht auch Südafrika ein großer Teil seiner Kapazität verloren.

Wie kann man gegensteuern?

Meine Hoffnung ist: Genau durch das was wir machen! Indem wir also Strukturen aufbauen, die langfristig Wissenschaftler und Ärzte vor Ort halten können. Das gelingt, so denke ich, wenn eine kritische Masse von Wissenschaftlern, Laborkapazität und Methoden erreicht ist. Und die Menschen im Land zu halten ist wirklich wichtig!

Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Wir nutzen in Deutschland verschiedene Methoden, die in Südafrika nicht durchgeführt werden können. Es ist deswegen geplant, dass wissenschaftliche Doktoranden unseres Kooperationspartners nach Deutschland kommen, um diese Methoden zu erlernen und in Südafrika zu etablieren.

Die Wissenschaftler und Ärzte in Südafrika sind begeistert und engagieren sich sehr in dem Projekt. Es ist für mich Herausforderung und Motivation zugleich, das nicht zu enttäuschen. Wir müssen allerdings auch etwas gegen die Angst kämpfen, dass Wissenschaftler aus Deutschland oder den USA nur die Früchte ernten und danach schnell wieder verschwinden. Dagegen würde ich gerne etwas tun.

Wie lässt sich das erreichen?

Das geht nur, wenn man die Perspektive hat, langfristig etwas aufzubauen. Ganz wichtig ist es, selbst vor Ort zu sein und dort auch Mitarbeiter zu haben, die unterstützend tätig sind. So ein Projekt geht nur gemeinsam, das sollte man auch vermitteln.

Wie schätzen Sie die Perspektiven ein?

Für mich ist ein ganz wichtiges Ziel für die Zukunft, dass wir Vernetzungen schaffen. Stärkere Vernetzungen – auch zwischen den afrikanischen Partnern – würden vor Ort die Wissenschaft und auch die Klinik ganz stark voranbringen.

… und bezogen auf Ihre Arbeit?

Wenn es nur nach mir ginge, dann würde ich in jedem Fall gerne in den Kooperationen mit Afrika aktiv bleiben, das liegt mir am Herzen. Es ist aber natürlich stark von der weiteren Förderung dieser Projekte abhängig. Ob solche Projekte weitergeführt werden, ist so natürlich auch eine politische Entscheidung, da die industrielle Forschung in diesem Bereich vernachlässigter Infektionserkrankungen relativ wenig beteiligt ist. Die Erforschung solcher Krankheiten wird daher immer stark von der Förderung öffentlicher Träger und gemeinnütziger Träger abhängen. Es kostet viel Geld – meiner Ansicht nach ist es das jedoch wert.

Zusatzinformationen

Wie viele Kinder nehmen teil?

In Deutschland sollen 50 Kinder mit Tuberkulose in die Studie aufgenommen werden – sowie die gleiche Anzahl von latent infizierten gesunden Kindern. Zweitere hatten Kontakt zu einem anderen Kind mit Tuberkulose, erkrankten nicht, werden aber behandelt, um das Auftreten der Tuberkulose zu verhindern. In Südafrika sind es jeweils 250 Kinder, die in die Studie aufgenommen werden. Sie sind im Durchschnitt etwa fünf bis sechs Jahre alt – darunter sehr kleine Kinder. Ein Nebeneffekt: Die Kinder werden entwurmt und gegen Tuberkulose behandelt.

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