Im Interview: Professor Christian Drosten

Fledermäuse tragen Coronaviren in sich
Fledermäuse tragen Coronaviren in sich
© Dr. Stefan Klose, Universität Ulm

Professor Christian Drosten arbeitet am Institut für Virologie des Universitätsklinikums Bonn und forscht im Rahmen der Afrika-Initiative.

Was ist der thematische Hintergrund Ihres Projekts?

In dem Projekt geht es um sogenannte Coronaviren. Sie gehören zur gleichen Virus-Familie wie der SARS-Erreger. Im Nachgang zu der Epidemie, die 2003 aus China kam, stellte sich die Frage nach der Herkunft des Virus. Offenbar spielten Fledermäuse dabei eine Rolle. Wir haben entdeckt, dass auch Fledermäuse in Deutschland solche Viren haben – damals ein wichtiger Hinweis darauf, dass es anscheinend kein lokales, sondern ein weltweites Phänomen ist.

Wie entstand die Kooperation mit Afrika?

Erst einmal hatte diese gar nichts mit der Ausschreibung der DFG zu tun. Sie entstand aus dem Bedürfnis, die Frage nach der Herkunft des Virus zu beantworten. Bei zoonotischen Viren, also Viren aus dem Tierreich, beeinflussen Fehler bei der Probenentnahme das ganze Studienergebnis – die richtige Konzeption von Tierstudien ist entscheidend. Gemeinsam mit der Säugetierökologin Elisabeth Kalko von der Universität Ulm haben wir deshalb zunächst ohne Förderung angefangen, ghanaische Fledermäuse auf Viren zu untersuchen. Passend dazu kam dann der Aufruf.

Warum ist das Projekt in Ghana verankert?

Mit Blick auf die ökologischen Gegebenheiten hätte es durchaus auch ein anderes Land sein können. Aber bei solchen größeren Projekten ist es wichtig, dass man die Leute kennt, dass man gegenseitiges Vertrauen hat. Und dass man auch die Strukturen kennt, in denen man sich bewegt. Die Kontakte nach Kumasi, Ghana, bestehen schon seit meiner Zeit am Hamburger Tropeninstitut. Das „Kumasi Centre for Collaborative Research“ ist ein hervorragender Forschungsstandort, es wurde vom Bernhard Nocht Institut mitgegründet.

Welchen Forschungsfragen gehen Sie nach?

Unser Projekt behandelt zwei Aspekte: Wir untersuchen in Afrika, wo die Fledermaus-Diversität höher als in Europa ist, wie die genetische Breite dieser Viren aussieht. Sprich: Was gibt es eigentlich für Coronaviren in den Fledermäusen? Und wir fragen nach den ökologischen Gegebenheiten: Warum haben manche Fledermausgruppen besonders viele Viren? Könnte man sich etwa vorstellen, dass die Zerstörung eines Habitats dazu führt, dass sie sich alle Wirtstiere an einem Ort sammeln und sich die Viren deshalb besonders vermehren? In einer Kooperation zwischen uns und der Mikrobiologie in Kumasi lautet die Frage: Unter welchen Bedingungen überspringen die Viren die Speziesbarriere zwischen Tier und Mensch? Und kann man diese molekularen Veränderungen vielleicht am Virus erkennen?

Christian Drosten (2.v.l.) mit Team während einer Explorationsexpedition zur Studienflächenauswahl im Rahmen des DFG-Projektes zu Coronaviralen Zoonosen im August 2010
Christian Drosten (2.v.l.) mit Team während einer Explorationsexpedition zur Studienflächenauswahl im Rahmen des DFG-Projektes zu Coronaviralen Zoonosen im August 2010
© Dr. Stefan Klose, Universität Ulm

In dem Projekt werden auch soziologische Fragen bearbeitet. Worum geht es dabei?

In Kumasi analysiert eine Soziologin zum Beispiel die Effekte von Landflucht oder die Folgen des Handels von Kakao, der in Monokultur am Rande des Regenwalds angebaut wird. Sie hat sich aber auch damit befasst, warum in Ghana eigentlich Fledermäuse gegessen werden. Es war und ist wenig bekannt, dass Fledermäuse als Delikatesse gelten und auch systematisch gehandelt werden. Das ist wichtig zu wissen, denn es erklärt, warum es zu Kontakten zwischen Menschen und Fledermäusen kommt.

Das Projekt läuft seit dem Sommer 2010. Wie sind Sie gestartet?

Wir haben vorher Pilotprojekte in Ghana durchgeführt, auch gemeinsame Trainingseinheiten und Seminare gehörten dazu. So haben wir einen guten Überblick über die jeweils anderen Gruppen und Themen bekommen.

Wie sieht die konkrete Zusammenarbeit aus?

Grundsätzlich muss unsere Arbeit mit mehreren Ministerien in Ghana abgeglichen werden, da ist es wichtig, die Strukturen kennen. Manchmal gibt es in so einem interkulturellen Projekt Reibungsverluste, aber der Erkenntnisgewinn so groß, dass sich der Aufwand lohnt. Und ganz praktisch: Wenn Studierende aus Ghana zu uns kommen, dann werden sie in unsere Weiterbildung eingebettet, sie müssen zum Beispiel wie jeder andere Doktorand zum Journal Clubs beitragen. Wir legen außerdem sehr viel Wert auf persönlichen Kontakt. Unsere Postdocs und Doktoranden gehen in der Regel während ihres Projekts nach Ghana, um selber einmal in der Rolle des Gastes zu sein und die Arbeitsbedingungen der afrikanischen Kollegen zu erfahren.

Wie erleben Sie die Wissenschaft in Ghana?

Die Prioritäten sind andere. In Deutschland denken wir sehr stark an Forschung. Man braucht Drittmittel, will gut publizieren. In Ghana liegt den Leuten die Ausbildung, die Lehre, sehr stark am Herzen und steht auch als Leistungskriterium viel mehr im Vordergrund. Gleichzeitig ist der „Brain Drain“ ein Problem. Das liegt auch daran, dass so etwas wie Grundausstattung – wenn sie denn kostenintensiv ist – für die Forschung kaum vorhanden ist. Wenn ein afrikanischer Wissenschaftler stark an Forschung interessiert ist, dann lässt sich das eigentlich nur über externe Drittmittelprojekte umsetzen. Diese bieten auch ein größeres wissenschaftliches Netzwerk, in dem sich neue Projekte ansiedeln lassen.

Wie sehen die Perspektiven für die Kooperation aus?

Mit Blick auf die Zukunft würde ich unsere Zusammenarbeit gerne noch weiter ausbauen. Langfristig könnte ich mir auch ein Internationales Graduiertenkolleg zu unserem Forschungsthema vorstellen. Bei einer stärkeren Formalisierung unseres Programms würde ich gerne die Soziologie noch stärker einbinden. Und besonders interessant wird es sein, die Evolution von Viren ganz grundsätzlich in Kombination mit der Ökologie ihrer Wirte zu betrachten. Hier bin ich sehr froh, dass die DFG die Einrichtung eines neuen Schwerpunktprogramms zum Thema Virusökologie beschlossen hat.

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