Hoch hinaus

Spurensuche im äthiopischen Hochland

17. Oktober 2018 Bale Mountains

So sehr die Berge als Naturschauspiel begeistern: Sie bleiben lebensfeindlich. Erst spät habe der Mensch begonnen, sich dort anzusiedeln, so die gängige Meinung in der Forschung. Dies gilt auch für das größte afrikanische Hochland, die Bale Mountains in Äthiopien.

Die Seesedimente des in 3800 Metern gelegenen Karsees Garba Guracha auf dem Sanetti-Plateau in Äthiopien sind ein wichtiges Archiv der Umweltgeschichte.

Eingriffe des Menschen wurden bislang nur für die letzten 2000 Jahre nachgewiesen. Doch vielleicht haben die Menschen diese Bergregion bereits weitaus früher für sich entdeckt. Dies will ein Team aus Geografen, Archäologen, Bodenkundlern, Quartärforschern und Zoologen von zehn Universitäten in Äthiopien und Europa herausfinden.

Die Initiative hierzu ging von dem Marburger Biogeografen Georg Miehe aus, dem Sprecher der 2016 gestarteten DFG-Forschergruppe „The Mountain Exile Hypothesis: How Humans Benefited From and Re-Shaped African High Altitude Ecosystems During Quarternary Climatic Changes". „Mit unserer zentralen Hypothese – die Besiedlung des Hochlands seit der Mittelsteinzeit – stellen wir gängige Auffassungen infrage", sagt Miehe. Mit verschiedensten Methoden wollen die Forscher untersuchen, seit wann Menschen als eiszeitliche Jäger und frühe Hirten das größte alpine Ökosystem Afrikas durch Abbrennen von Erika-Wäldern zu einer alpinen Kulturlandschaft gemacht haben.

Das Hochland liegt nur 500 Kilometer entfernt vom mutmaßlich ältesten Fundplatz von Waldbränden, die der Mensch verursacht hat. Erste Ergebnisse der Forschergruppe könnten die Hypothese früher Eingriffe ins Ökosystem bestätigen. Dazu zählen 18 000 Jahre alte Holzkohlen, vorzeitliche Werkstätten zur Gewinnung von Steinwerkzeugen aus Obsidian in 4220 Metern Höhe und Siedlungsspuren, die aufgrund erster Datierungen auf ein Alter von 31 000 Jahren geschätzt werden. Viele Fragen sind allerdings noch offen: Welches Klima hat in diesem Bergland zur Eiszeit geherrscht? Welche der einschneidenden Klimaschwankungen im Übergang zur folgenden Warmzeit lassen sich rekonstruieren? Und wie haben die Menschen auf veränderte Umweltbedingungen reagiert? Beispielsweise wurde die Sahara während des Höhepunkts der letzten Eiszeit zu einer knochentrockenen, menschenfeindlichen Wüste. „Wir wissen aber nicht, wohin die Menschen in dieser Zeit gezogen sind – vielleicht haben die Bale Mountains eine Überlebensmöglichkeit geboten. Denn in Afrika sind die Berge immer feuchter als die Umgebung. Möglicherweise gab es dort genug Pflanzen, Wild und Futter", mutmaßt der Marburger Forscher.

Wie Kriminologen untersuchen und werten die Forschergruppen die unterschiedlichsten Indizien durch archäologische Ausgrabungen bis hin zu Bohrkernen mit ihren Sedimentschwankungen, Holzkohlen, Pollen, kleinsten Muschelkrebsen oder stabilen Isotopen. Auch die Pflanzendecke liefert verknüpfbare Hinweise. „Es gibt Arten wie den Wegerich, die wir Siedlungsanzeiger oder auch Kulturfolger nennen, die eng an den Einfluss des Menschen gebunden sind. Können wir Pollen solcher Arten im Bohrkern nachweisen, wäre das ein wichtiger Hinweis", erklärt Miehe. Die Rekonstruktion des Klimas stützt sich auf ein Netz von zehn Klimastationen, die zwischen 1250 und 4370 Metern Höhe liegen, und auf die Interpretation von Wettersatellitenbildern. Ein neuer Ansatz besteht darin, den Lebensraum winziger und nur hier vorkommender Käfer als Eiszeit-Klimazeugen einzusetzen.

Georg Miehe ist selbst gespannt, was die Daten und ihre Verknüpfung ergeben. „Bis jetzt deutet einiges darauf hin, dass die Umweltgeschichte des größten alpinen Ökosystems Afrikas neu geschrieben werden kann. Aber selbst wenn wir die herrschende Mehrheitsmeinung unerwarteterweise bestätigen sollten, hätte sich die Arbeit gelohnt."

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