Hoch hinaus

Artenverdrängung im See

17. Oktober 2018 Geoökosysteme

Die Lebensbedingungen verändern sich auf unserem Planeten permanent, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Eines der am stärksten gefährdeten Geoökosysteme der Welt befindet sich auf dem Tibet-Plateau. Die rund 2 Millionen Quadratkilometer große Hochebene am Himalaya spielt eine wichtige Rolle für den globalen Wasser-, Energie- und Stoffhaushalt.

Ablagerungen von See- und Flusssedimenten in charakteristischen Schichten erlauben einen Blick in die Entwicklung des Nam Co seit mehreren Tausend Jahren.

Veränderungen ist auch das Monsunsystem unterworfen, das in der Vergangenheit empfindlich auf Klimaänderungen im Nordatlantik reagiert hat. In jüngster Zeit mehren sich Hinweise, dass es auch das Wetter in Europa beeinflusst.

„Wir beobachten in den vergangenen Jahren eine rapide Klimaveränderung auf der Hochebene", sagt Antje Schwalb von der TU Braunschweig, Sprecherin des deutsch-chinesischen Graduiertenkollegs „Geoökosysteme im Wandel auf dem Tibet-Plateau (TransTiP)", das 2017 bewilligt wurde. Mit ihren Kolleginnen und Kollegen will Schwalb herausfinden, wie und vor allem wie schnell sich diese auf das empfindliche Geoökosystem, etwa auf Wasserverfügbarkeit und Wasserqualität, auswirkt. Im Fokus steht mit dem Nam Co der auf 4718 Metern gelegene, zweitgrößte Salzsee Chinas, der etwa viermal so groß ist wie der Bodensee. Die Forscherinnen und Forscher interessieren dabei vor allem die Stoffflüsse, etwa von Sediment, Kohlenstoff und Wasser, und die Einflussfaktoren auf diese Flüsse. Dazu zählt neben der Erhöhung der globalen Temperaturen auch die Landnutzung. Beispielsweise weiden immer mehr asiatische Hochgebirgsrinder auf dem Plateau – mit weitreichenden Folgen.

Seit 2004 arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beider Länder auf dem südlichen Tibet-Plateau eng zusammen. „Wir profitieren dabei enorm von der hervorragenden Geräteausstattung unserer chinesischen Partner", so Schwalb. Aus seinen bisherigen Untersuchungen weiß das Team auch, dass sich die saisonale Niederschlagsverteilung auf dem Plateau ändert. Wird es feuchter, auch weil das Eis in den Bergen taut, so wird den Seen mehr Schmelzwasser zugeführt, was die Seespiegel steigen lässt. Tibet-Plateau und Himalaya sind Quellgebiet einer Reihe großer Flüsse, die wichtig sind für die Wasser- und Energieversorgung in Indien, China und Teilen von Südostasien. „Im Moment gibt es keine Probleme, aber was passiert, wenn das Eis in den Bergen dauerhaft geschmolzen ist?", fragt die wissenschaftliche Koordinatorin des Graduiertenkollegs Nicole Börner. „Hier ist es wichtig, die Entwicklung genau zu beobachten, um sich gegebenenfalls rechtzeitig auf Änderungen einzustellen." Erste Änderungen sind bereits deutlich zu erkennen, etwa bei den Kieselalgen im Nam Co: Bislang dominierende Arten verschwinden, neue Arten, die ganz andere Bedingungen bevorzugen, breiten sich aus. Die über Jahrtausende dominante Art Cyclotella ocellata wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch Stephanodiscus medius verdrängt, eine typische Frühjahresform. Dies zeigt an, dass die Eisbedeckung des Sees schon deutlich früher im Jahr abtaut, was auf die steigenden Temperaturen zurückzuführen ist.

Mehr Informationen über den Einfluss des globalen Klimawandels erhoffen sich die Forscherinnen und Forscher von Satellitenaufnahmen und von Materialablagerungen am und im See, den Sedimenten. Diese sind Klimaarchive, die etwas über Temperatur und Niederschlag in der Vergangenheit verraten. „Wir wollen mit ihrer Hilfe herausfinden, wie das Geoökosystem in den vergangenen rund 2000 Jahren auf Veränderungen reagiert hat, und daraus Schlussfolgerungen für die zukünftige Entwicklung ziehen", resümiert Schwalb.

Weitere Informationen