Die Vielfalt des Lebens

Neuartige Therapiekonzepte bei neurologischen Erkrankungen

23. August 2019 Demenz, Schlaganfall, Multiple Sklerose unter ganzheitlicher Betrachtung

Der „Munich Cluster for Systems Neurology (SyNergy)“ verfolgt in der Betrachtung und Behandlung neurologischer Krankheiten einen ganzheitlichen Ansatz. Ob Demenz, Schlaganfall oder Multiple Sklerose: Für all diese Krankheitsbilder gibt es Experten und Spezialistinnen. „SyNergy“ hat diese traditionellen Grenzen der neurodegenerativen, vaskulären und inflammatorischen Erkrankungen aufgelöst.

Je wärmer die Farbgebung, desto stärker die Aktivierung (links) im Mäusegehirn. Mäuse mit einer Mutation des TREM2-Gens können diese speziellen Immunzellen nicht mehr aktivieren (rechts).

Erstmals gefördert wurde der Cluster 2012 - im vergangenen Jahr erhielt er für weitere sieben Jahre eine Bewilligung. Worum es geht, erklärt der Stoffwechselbiochemiker und einer der beiden Sprecher des Clusters so: "Auch wenn sich die Erkrankungen von den Erscheinungsformen deutlich unterscheiden, sind doch ähnliche Entstehungsmechanismen beteiligt. Und die will SyNergy verstehen, um neuartige Therapiekonzepte zu ermöglichen.“

Tatsächlich sind pathophysiologische Mechanismen eng verknüpft: Schlaganfallpatienten beispielsweise haben oft eine Demenz und ein höheres Risiko, Alzheimer zu entwickeln. „Und es gibt wiederum keinen Alzheimerpatienten, der nicht auch eine Gehirnentzündung aufweist und gleichzeitig Probleme bei der Hirndurchblutung hat“, sagt Haass. Denn die typischen Eiweißablagerungen gibt es nicht nur in den Nervenzellen des Gehirns, sondern auch an den Wänden von Blutgefäßen. Und das führt zum Verschluss der Gefäße und zu kleinen Hirnblutungen.

Aus der gemeinsamen Perspektive, die das Großprojekt der beiden Münchner Universitäten, der Max-Planck-Institute für Biochemie, für Neurobiologie und für Psychiatrie, des Helmholtz Zentrums München und des DZNE entwickelt hat, entstehen aber nicht nur bahnbrechende neue Erkenntnisse, sondern auch Ansätze für Therapien. So konnten die Forscherinnen und Forscher zeigen, dass Mutationen des Gens TREM2, die das Alzheimerrisiko erheblich erhöhen, einen unerwarteten Funktionsverlust hervorrufen. „TREM2 stimuliert normalerweise die Immunzellen des Gehirns, vor allem im frühen Krankheitsstadium giftige Eiweißablagerungen zu beseitigen“, sagt Haass. „Die Mutationen verhindern jedoch diesen Abwehrmechanismus.“ Eine therapeutische Aktivierung von TREM2 im frühen Krankheitsstadium könnte demnach helfen, „der Plaquebildung entgegenzuwirken“.

Im Cluster arbeiten die Forscherinnen und Forscher bereits an der Entwicklung von Antikörpern, die TREM2 stabilisieren und so zu einer verstärkten Aktivierung der „Mikroglia“ genannten Immunzellen führen. Das Beispiel zeigt laut Haass, dass die translationale Forschung in der neuen Förderperiode eine entscheidende Rolle spiele: „Wir wollen zu neuen Ufern aufbrechen!“

Die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen hat sich bereits mehr als bewährt, was sich nicht nur an einer langen Publikationsliste ablesen lässt. „In SyNergy kommen zwei hervorragende Hochschulen zusammen – das ermöglicht uns Wissenschaft ohne institutionelle Grenzen“, sagt Thomas Misgeld, Professor für Neuronale Zellbiologie und Clustersprecher aufseiten der Technischen Universität München (TUM). Dazu beigetragen hat auch das eigens für den Cluster eingerichtete Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD). „Es koppelt unsere Forschung an die Klinik, da es in die Patientenversorgung eingebunden ist“, erläutert Misgeld. „Wir Grundlagenforscher können direkt die Klinikerinnen und Kliniker fragen – und umgekehrt. Wir sitzen alle in einem Gebäude und arbeiten am selben Thema.“

Nach diesem Vorbild soll nun ein weiteres SyNergy Research Center entstehen, in diesem Fall für Neuroinflammation und Neurowissenschaften.