Die Vielfalt des Lebens

Im Kampf gegen den Krebs

22. August 2019 Individualisierung von Tumortherapien

Ebenfalls neu auf den Weg gebracht wurde der 2018 bewilligte Exzellenzcluster „Individualisierung von Tumortherapien durch molekulare Bildgebung und funktionelle Identifizierung therapeutischer Zielstrukturen (iFIT)“ an der Universität Tübingen, der neue Ansätze im Kampf gegen den Krebs verfolgt.

Forschungsarbeiten am Universitätsklinikum Tübingen für den 2018 bewilligten Exzellenzcluster

Noch immer erkrankt jeder zweite Mann und jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens an Krebs. „Hinzukommt, dass viele Tumore erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt werden – ein chirurgischer Eingriff hilft da oft nicht mehr“, erklärt „iFIT“-Clustersprecher und Ärztlicher Direktor der Tübinger Universitätsklinik für Innere Medizin VIII, Lars Zender. Neue, innovative und interdisziplinäre Konzepte und eine schnelle klinische Anwendung von Forschungsergebnissen seien deshalb notwendig.

„Wir wollen die biologischen Prozesse in Tumoren unter Stress verstehen und Schwachstellen identifizieren, die Angriffspunkte für neue Medikamente darstellen können“, sagt Zender. „Damit verfolgen wir einen völlig neuen Ansatz in der Krebstherapie.“ In der vergangenen Dekade habe die Wissenschaft versucht, durch Sequenzierungstechnologien mutierte Gene zu finden, die das Tumorwachstum antreiben. Es wurden Hemmstoffe gegen die resultierenden mutierten Proteine entwickelt, um so das Tumorwachstum zu unterdrücken. Dieser Ansatz führte jedoch nur bei wenigen Tumoren zu neuen Therapieoptionen. Der Tübinger Cluster hingegen setzt an den Stressfaktoren an, denen Tumore kontinuierlich ausgesetzt sind. „Dazu zählen DNA-Schäden, falsch gefaltete Proteine oder auch Sauerstoffarmut“, so Zender. Damit etwa falsch gefaltete Proteine unter Stress weiter existieren können, reprogrammieren die Tumorzellen ihre Physiologie und ändern ihre Signalwege. „Diese geänderte Verschaltung von Signalwegen und die Anpassung von hysiologischen Prozessen an den Stress sichern dem Tumor sein Überleben“, führt der Onkologe aus. „Die damit verbundenen biologischen Prozesse sind gleichzeitig Schwachstellen im Tumor, für die wir uns interessieren.“

Ein Alleinstellungsmerkmal von „iFIT“ ist, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Stresszustände und Stressantworten des Tumors durch moderne molekulare Bildgebung sichtbar machen können – etwa mit der Positronenemissionstomografie (PET). Ein konkretes Beispiel sind die geplanten Studien zur sogenannten therapieinduzierten Seneszenz, einem Schwerpunkt im Cluster: Alle Chemo-, Immun- oder molekularen Therapien können Tumorzellen in eine Art Winterschlaf treiben. Diese Zellen teilen sich zwar nicht mehr und tragen somit nicht direkt zum Tumorwachstum bei. Sie schütten aber Botenstoffe aus, die benachbarte nichtseneszente Tumorzellen aggressiver machen und die Bildung von Metastasen verstärken. Mittels PET können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die seneszenten Zellen identifizieren.

„Im nächsten Schritt wollen wir neue molekulare Therapien und Immuntherapien entwickeln, die wir nach einer herkömmlichen Krebsbehandlung individuell einsetzen, um alle verbliebenen seneszenten Tumorzellen zu eliminieren“, so Zender.

Durch die enge Verzahnung von Forscherinnen und Forschern aus verschiedenen Fachbereichen soll der Cluster langfristig dazu beitragen, neue nachhaltige Tumortherapien in die Klinik zu bringen, um die Prognose von Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen zu verbessern.