Sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung zu diesen Fragen versetzt die Gesellschaft somit erst in die Lage, sich von der verhängnisvollen Macht einmal festgelegter Zuschreibungen, Assoziationsketten und Imaginationsstrukturen zu lösen, insbesondere, wenn diese schon seit Jahrhunderten bestehen und in einer Vielzahl von Diskursen und Handlungspraktiken tief verwurzelt sind.

Erforscht wird dabei die sozialpsychologische Dynamik von Stereotypen und Vorurteilen in Gruppenbildungs- und Identifikationsprozessen oder die mediale Stereotypen-Reproduktion etwa in der Islam-Berichterstattung, bis hin zu der nur vermeintlich technischen Frage, wie solche Vorurteile in Bewertungsalgorithmen etwa zur Bonitätsermittlung bei Versicherungen und für predicitve analytics eingespeist werden und Benachteiligungen und Vorurteile gegebenenfalls zementieren.

Sozial- und geisteswissenschaftliche Untersuchungen unerlässlich

Derart unbesehene Verweisketten sozialer Andersartig- und Minderwertigkeitskonstruktionen beziehen ihre Kraft aus dem Schüren kollektiver Ängste und begünstigen Spiralen wechselseitiger Gewalt. Die Ergebnisse sozial- und geisteswissenschaftlicher Untersuchungen sind daher unerlässlich, um die historische und rezente Produktion solcher Verweisketten sichtbar zu machen und schließlich unterbrechen zu können. Denn erst im Zuge der Erkenntnis, dass es sich dabei stets um kontingente Annahmen und gemachte Strukturen einer jeweiligen sozialen, politischen oder kulturellen Praxis handelt, lassen sich auch Bezüge zu Anderen in angstfreier und nicht-herabwürdigender Weise herstellen. Eine nicht-rassistische Gesellschaft ist nur auf dem Fundament der rigorosen Erforschung ihrer eigenen Rassismen möglich.

Die DFG hat alleine von 2015 bis 2019 insgesamt 581 Projekte mit Bezügen zur Rassismus-Forschung mit einem Gesamtvolumen von 238 Mio. Euro gefördert. Auch während der Coronavirus-Pandemie verengt sie, trotz einer ganzen Reihe von Sondermaßnahmen zur Krisenbewältigung, ihre Förderung nicht auf biomedizinische Forschung, sondern fördert weiterhin Projekte in allen Disziplinen in unvermindertem Umfang. Denn aus Sicht der DFG ist ein breit angelegter Wissensspeicher, der aus der intrinsischen Motivation der besten Wissenschaftler:innen entsteht, die beste Krisenprävention. Viele der Projekte mit Rassismusbezug werden daher in exzellenter Weise, mit hoher internationaler Sichtbarkeit und in enger Kooperation zwischen Wissenschaftler:innen verschiedener Institutionen durchgeführt.

Förderung von Diversität der Forschungsthemen zu Rassismus

Die Forschungsthemen reichen von quantitativen Analysen, die Rassismus vor allem im Verhältnis zu anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit untersuchen, über Kriminalitätszuschreibungen zu ethnischen Gruppen sowie Dynamiken der Human-Typisierung oder Politiken der Ungleichheit bis hin zu kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Studien zur Kolonialmedizin (im Rahmen einer Genealogie des Rassebegriffs). Entsprechend erforschen einzelne Projekte Dynamiken ethnischer Differenzierung und ethnischer Konflikte, den (politischen) Umgang mit subnationalen Differenzen, kulturell verschiedene Körperkonzepte oder die Post-Race-Debatten in den USA. Auch gibt es gegenwartsbezogene Untersuchungen zu Reaktionen auf die Unterbringung von Asylsuchenden oder zum Verhältnis zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Diskriminierung.

Die große Menge geförderter Projekte und ihre thematische Breite sind Indizien dafür, wie groß der Forschungsbedarf in Bezug auf Rassismus, dessen Ursprünge, Formen und Auswirkungen ist. Auf dieses Eingeständnis muss aber zugleich die Bereitschaft folgen, nicht nur Wissen zu erweitern und Forschung zu fördern, sondern gerade auch unter Bedingungen unvollständigen Wissens zu handeln. Das Bestehen von Forschungsdesideraten darf kein Grund sein, gegenüber bekannter und erwartbarer Diskriminierung untätig zu sein.

Dies betrifft jeden einzelnen von uns aber auch die Kontexte, in denen wir uns bewegen. So benötigen gerade auch Institutionen Governance-Strukturen, die es erlauben, Rassismen zu erkennen, effektiv zurückzudrängen und, so möglich, zu verhindern. Diese sollten einerseits Strukturen zur Vermeidung von und zum Umgang mit Diskriminierung umfassen und andererseits gestaltende Maßnahmen hin zu mehr Diversität. Auch der DFG ist es daher ein besonderes Anliegen, einen nicht-diskriminierenden Wettbewerb um Fördermittel zu garantieren und, wo immer möglich, Rahmenordnungen für die Förderung von mehr Diversität zu etablieren.

Es ist ratsam, dort gegenzusteuern, wo Normalität gestaltet werden kann. So können die Wissenschaften sich noch stärker und entschlossener internationalisieren und ihre Diversitätsstrategien noch ehrlicher diskutieren. Und dies bei weitem nicht nur, aber eben auch aus Gründen der Exzellenzförderung. Darum hat die TU Berlin nun nach britischem Vorbild ein Diversity-Impact-Assessment implementiert. Und dass die britische Forschungslandschaft sich hier konsequenter zeigt, mag aus historischer Sicht vielleicht wenig überraschen, sollte uns aber im globalen Wettbewerb um die besten Wissenschaftler:innen zu denken geben.
Keine soziale Struktur ist davor gefeit, ihre eigene Rassismusblindheit zu entwickeln. Daher sind wir alle gefordert, die - sei es nur passive - Inanspruchnahme rassistischer Strukturen zeitnah zu erkennen, zu verstehen und ihr entschieden entgegen zu treten. Für die Wissenschaft bedeutet dies, zusammenzuarbeiten, zu forschen und Forschung zu fördern.

Die Autorin: Professorin Dr. Katja Becker ist Biochemikerin und Medizinerin und seit Januar 2020 Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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