Von den Beiträgen der Wissenschaft zur Rassismus-Bekämpfung

Ein Plädoyer von Katja Becker

Im Oktober 2020 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel von Professorin Dr. Katja Becker mit dem Titel "Gleichbehandlung braucht ein Kriterium". In ihrem Plädoyer hier erklärt die DFG-Präsidentin ausführlich, warum eine nichtrassistische Gesellschaft die Erforschung ihrer eigenen Rassismen braucht.

Seit einigen Monaten und womöglich verstärkt unter dem sozialen Druck der Coronavirus-Pandemie werden in den USA, aber auch hierzulande, Fragen nach strukturell bedingtem, gesellschaftlichem Rassismus vielschichtig diskutiert. Die Debatte berührt Themen postkolonialer Verantwortung und erinnerungspolitischer Repräsentation, aber auch offenen und verdeckten Rassismus in öffentlichen Institutionen, bis hin zu der Frage nach der Funktion des Rasse-Begriffs im Grundgesetz. Zu all diesen Aspekten, zu deren vertieftem Verständnis sowie zum Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten kann die Wissenschaft wertvolle Beiträge leisten.

Der Rasse-Begriff ist selbst das Ergebnis von Rassismus

So ist in diesem Zusammenhang zunächst auf die im Herbst vergangenen Jahres verabschiedete Jenaer Erklärung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft hinzuweisen, die dem Rassismus in erfrischender Klarheit jegliche wissenschaftliche Grundlage entzieht. Ausgangspunkt der Erklärung ist dabei ein menschheitsgeschichtlicher: "Der anatomisch moderne Mensch entstand vor über 250.000 Jahren in Afrika, von dort verbreitete er sich in kleinen Gruppen von Menschen über die restliche Welt. Die Nicht-Afrikaner zweigten sich vor ca. 60.000 Jahren von den Menschen aus dem östlichen Afrika ab und besiedelten einen Großteil der Welt." Dementsprechend ist auch das menschliche Erbgut über den gesamten Globus verteilt: "Es gibt im menschlichen Genom unter den 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen fixierten Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nicht-Afrikanern trennt."

Vor diesem Hintergrund unterstreicht die Erklärung: "Die Einteilung der Menschen in Rassen war und ist zuerst eine gesellschaftliche und politische Typenbildung, gefolgt und unterstützt durch eine anthropologische Konstruktion auf der Grundlage willkürlich gewählter Eigenschaften wie Haar- und Hautfarbe." Der Rasse-Begriff ist demnach selbst das Ergebnis von Rassismus, der seinerseits pseudo-wissenschaftliche Rasse-Begriffe erst hervorbringt.

Diversität ist eine Frage der Exzellenz und Verantwortung

Effektiv bekräftigt die Erklärung somit die wissenschaftliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für die (genetischen) Unterschiede zwischen Menschen nicht-rassistische Kategorien zu finden. Dabei geht es um das Erarbeiten von Lösungen, die Diskriminierung verhindern. Doch mindestens genauso wichtig ist zu erkennen, welche Chancen, welchen Mehrwert für alle Beteiligten die Unterschiede zwischen uns Menschen schaffen. Ein solcher Ansatz ist, die genetische und soziokulturelle Differenz von Menschen als Diversität wertzuschätzen.

In Forschungsprozessen bedeutet das Einbeziehen von Diversitätsdimensionen häufig den Unterschied zwischen guter und bester Forschung. Exzellente Forschung wird wahrscheinlicher, wenn diese aus dem Interagieren möglichst vieler unterschiedlicher Perspektiven hervorgeht. Diversität ist somit ebenso eine Frage der Exzellenz wie der Verantwortung. Zu gerne würde man daher heute sagen, in der Wissenschaft gebe es keinen Rassismus. Die Wissenschaftsgeleitetheit ist uns heute Ausdruck für eine Forschungsförderung, die sich an der intrinsischen Neugierde der Forschenden und an wissenschaftlicher Qualität orientiert statt an politischen Prioritäten. Sie ist Garant der Wissenschaftsfreiheit, doch garantiert sie leider nicht, dass die Wissenschaften dem Humanismus und ethischen Grundwerten verpflichtet bleiben. Wie leicht sogenannte "wissenschaftsgeleitete Verfahren" missbraucht werden können, zeigt ein Blick in die deutsche Geschichte.

Denn niemals dürfen wir vergessen, dass in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts zu der sogenannten wissenschaftsgeleiteten Forschungsförderung auch national-völkisches Denken, unumwundener Rassismus und ein Pathos radikaler Sachlichkeit gehörten. Daraus erwuchs eine kalte, menschenferne Wissenschaft, die verbrecherische Experimente im Dienste einer faschistischen Politik durchführte, aber auch aus eigenem Antrieb. Deswegen darf "wissenschaftsgeleitet" auch nicht zur leeren Formel verkommen: Wissenschaftsgeleitete Forschungsförderung ist nur so gut wie die Wissenschaft integer ist, wie wir selbst als Wissenschaftler:innen ständig an unserer Integrität arbeiten und dies auch an andere vermitteln.

"forschung" 4/2020

Der Beitrag ist ursprünglich in der Ausgabe des Magazins "forschung" 4/2020 erschienen. Interner LinkZum Heft

Erforschung von Rassismus bedarf der Förderung

Wie schwierig und wichtig das sein kann, dokumentieren beispielsweise die Beiträge zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Diese Beiträge zeigen aber auch, dass eine menschendienliche Kultur und Politik der Forschungsförderung ihrerseits auf immer neue Forschungserkenntnisse angewiesen ist. Auch den Rassismus in all seinen Formen werden wir nicht verstehen können, ohne ihn in der gebotenen thematischen Breite und inhaltlichen Tiefe zu erforschen und solche Forschung bewusst zu fördern. Schon der flüchtige Blick auf die viel-fältigen Facetten laufender Forschung mag dies erhellen, verdeutlicht er doch zugleich, dass akademische Forschung gesellschaftliche Debatten bereichern und erweitern kann.

Nimmt man zunächst eine naturwissenschaftliche Perspektive ein, so liegen mit der Jenaer Erklärung bündige Einsichten zur zoologischen Ordnung des Menschen vor. Dies bedeutet gleichwohl nicht die vollständige Klärung aller taxonomischer Fragen der allgemeinen Biologie. Die Erklärung verweist aber darauf, dass "Denkschemata des biologisch begründeten Rassismus" und dessen Analogien - auch über die Forschung hinaus - überdacht und infrage gestellt werden müssen. Was man etwa im Deutschen unter einer Hunderasse versteht, wird im Englischen treffender als Züchtung (breed) bezeichnet. Ein Blick in die Humanmedizin hinge-gen eröffnet noch ganz andere Perspektiven. So kann es beispielsweise wichtig und sehr dienlich sein, Patientinnen und Patienten gemäß ihrer genetischen Dis-position (neben Alter und Geschlecht) in Gruppen einzuteilen, um etwa adäquate Arzneimitteldosierungen vornehmen oder Risiken von Nebenwirkungen reduzieren zu können.

Auch künftig werden also Beschreibungen menschlicher Subgruppen erforderlich sein. Und nicht nur in pharmakologischen, sondern natürlich auch in einer Reihe gesellschaftlicher Zusammenhänge: Die etwa systematische Ungleichbehandlung einer bestimmten Gruppe kann überhaupt erst erkannt und behoben werden, wenn man diese Gruppe zuvor definiert und auch benennt. Anders gesagt: Wollen wir Gleichbehandlung und Gerechtigkeit sicherstellen - wollen wir wirklich ethisch handeln können -, brauchen wir epistemische Kategorien, die hierzu differenzierte Urteile ermöglichen. Diese epistemischen Kategorien sind (wenn auch nicht spannungsfrei) ebenso wissenschaftlich revidierbar wie gesellschaftlich und politisch verhandelbar und in beiden Fällen niemals restlos naturalisierbar: Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, wie wir über unsere Teile sprechen möchten und wie Respekt füreinander, auch sprachlich, möglich ist. Diese Frage kann die Wissenschaft nicht beantworten, aber sie kann uns helfen, die unterschiedlichen Zusammenhänge dieser Frage besser zu verstehen und ist somit die Grundlage jeglicher Rassismus-Bekämpfung.

Die soziale Konstruktion von Andersartigkeit

Dies wird nirgendwo so deutlich, wie in jenem sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschungskomplex, dessen grundlegende Fragestellung die soziale Konstruktion von Andersartigkeit ist. Diese Konstruktionen entstehen ganz allgemein durch Zuweisungen bestimmter Eigenschaften zu einem äußeren Merkmal wie Hautfarbe oder Geschlecht. Abstrakt besehen funktionieren die Ausprägungen der Fremdenfeindlichkeit, vom Antisemitismus über den Antiziganismus bis zur Islamophobie, ebenso wie Rassismus, Sexismus und auch Speziesismus nicht anders als jene Witze, die von der Zuschreibung vermeintlicher Eigenschaften einer bestimmten Personengruppe zehren – in harmlosen Fällen sind dies Ostfriesen, Schwaben oder Beamte.

In welchem Maße solche Formen des Humors handgreiflichen Rassismus verstärken, aber auch desavouieren können, wird übrigens erforscht und diese Forschung bedarf beständiger Aktualisierung. Denn während im Witz Vorurteile und Stereotype in eine performative Offenheit gebracht werden - man hat die Möglichkeit, sie belustigend zu finden oder auch witzlos -, so sind sie dem Rassismus leider Ernst. Und diese Ernsthaftigkeit rührt aus einer antagonistischen Logik, wonach "die Anderen" eine vermeintlich substanzielle Bedrohung für die eigene Gruppe darstellen.

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