Zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ode an das Werk

5. Mai 2020 Interview mit Musikwissenschaftlerin Christine Siegert

Der 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens wird weltweit mit Konzerten, Ausstellungen und Events jeder Couleur gefeiert. Weniger sichtbar ist der Beitrag der Grundlagenforschung zum Jubiläum. Ein Gespräch mit der Bonner Musikwissenschaftlerin Christine Siegert über das aktuelle deutsch-britische DFG-Projekt "Beethoven in the House".

Interview: Rembert Unterstell, Chef vom Dienst der Interner Linkforschung

Wir führen dieses Interview im Bonner Beethoven-Haus, genauer: im Beethoven-Archiv, das sich seit vielen Jahren der Dokumentations- und Forschungsarbeit widmet, zum Beispiel durch historisch-kritische Beethoven-Werkeditionen.

Ist beethovenbezogene Forschung heute eine Sache außeruniversitärer Spezialisten?

Christine Siegert: Es gibt die außeruniversitäre Forschung, institutionalisiert wie in unserem Haus, und es gibt die universitäre Forschung; beide müssen zusammenarbeiten. Wir haben zum Beispiel eine Projektkooperation mit der Universität Wien, und natürlich arbeiten wir auch mit der Musikwissenschaft der Uni Bonn zusammen. Seit Februar sind wir auch An-Institut der hiesigen Universität, was die Verschränkung von universitärer und außeruniversitärer Forschung verdeutlichen mag.

Doch die vorherrschende Blickrichtung ist hier wie dort eine andere?

Christine Siegert: Ja, durchaus. Wir haben einen Schwerpunkt in der Erschließung und Erforschung von Quellen. Das liegt natürlich auch daran, dass wir im Beethoven-Haus reiche Sammlungen von Schrift-, Bild- und Audioquellen haben, deren Erforschung zu unseren Aufgaben zählen. Eine vorrangige Aufgabe ist die Erstellung einer Beethoven-Gesamtausgabe. Die universitäre Beethoven-Forschung ist eher kulturwissenschaftlich ausgerichtet oder setzt ästhetisch und musikanalytisch an. Jeder braucht den anderen, um zu einem Gesamtbild zu kommen.

Worin sehen Sie Wert und Nutzen einer auf 56 Bände angelegten Beethoven-Gesamtausgabe im Zeitalter des Digitalen?

Christine Siegert: Zunächst ist es eine Aufgabe, die es schon sehr lange gibt. Aus meiner Sicht sollte man solche Großprojekte auch zu Ende führen. Bei Editionen müssen Erkenntnisinteresse und Zugang zueinander passen. Die Bonner Beethoven-Ausgabe, die in den 1960er-Jahren gestartet wurde, verfolgt einen Zugang, der die Möglichkeiten einer gedruckten Ausgabe nutzt. Eine digitale Ausgabe müsste ganz anders konzipiert sein. Nach Abschluss der gedruckten Ausgabe liegt es nahe, eine genuin digital gedachte Beethoven-Werkausgabe anzugehen.

Das Interview ist im Magazin "forschung" (1/2020) erschienen. Externer LinkZum Magazin

Das Beethoven-Haus hat früher bereits mehrere Projekte zur Erschließung und Digitalisierung seiner Sammlungen mit DFG-Förderung umsetzen können.

Was bietet das Digitale Beethoven-Archiv, das für Musikliebhaber und Forscher gleichermaßen zugänglich ist?

Christine Siegert: Das Digitale Beethoven-Archiv war rückblickend eines der Pilotprojekte musikwissenschaftlicher Digitalisierung. Es hat sich weiterentwickelt – neben Quellendigitalisaten, etwa von Partituren und Autografen, bietet es viele Zusatz- und Kontextinformationen; auch Musikstücke lassen sich anspielen und Briefzeugnisse vorlesen; zukünftig muss das große Potenzial zu einer tieferen digitalen Erschließung noch weiter genutzt werden.

Was sind die Ausgangspunkte des erst im November bewilligten DFG-Projekts "Beethoven in the House"?

Christine Siegert:Für mich gibt es zunächst einen ganz undigitalen Ausgangspunkt – nämlich den, dass zu Beethovens Zeit, einer Zeit ohne  jede Musikträger, Musik nicht auf Knopfdruck zu  reproduzieren war, sondern selbst gespielt werden musste. Das Projekt beschäftigt sich mit Bearbeitungen von Musik, Hausmusik, die im privaten oder halböffentlichen Raum gespielt wurde. Hinzu kommt ein zweiter, digitaler Anknüpfungspunkt, der sich mit der Frage verbindet: Wie können die überlieferten Quellen in großer Zahl digital erschlossen werden, und zwar in unterschiedlicher Tiefe. Was macht eigentlich die jeweilige Bearbeitung aus – und wie kann man das mit digitalen Methoden beschreiben?

Was heißt das konkret?

Christine Siegert: Wir haben bei "Beethoven in the House" ein qualitativ orientiertes und ein quantitativ ausgerichtetes Teilprojekt. Hier am Beethoven-Haus möchten wir die Bearbeitungen untersuchen, sie mit analogen und digitalen Mitteln beschreiben. In Oxford und an der dortigen Bodleian Library werden die Digitialsierungexperten untersuchen, ob und wie sich eine teilautomatisierte Erschließung von Beethoviana realisieren lässt.

Sehen Sie darin auch das Besondere dieses Projekts?

Christine Siegert: Die grenzüberschreitende Kooperation zwischen dem e-research Centre der Universität Oxford, der Bodleian Library, Vertretern einer digitalen Musikwissenschaft an der Universität Paderborn und Editoren des Beethoven-Hauses ist sicher bemerkenswert. Das ist ein Glücksfall, weil sich die Institutionen so wunderbar ergänzen.

Gibt es nicht dennoch eine Herausforderung?

Christine Siegert: Eine Unsicherheit ist für mich die politische Unsicherheit nach dem Brexit; sie ist für mich aber auch ein wichtiger Grund, dieses Projekt jetzt durchzuführen. Wie werden uns damit auseinanderzusetzen haben, wie jetzt und mit welchen Modalitäten eine Zusammenarbeit funktioniert. Ich habe viel Zutrauen in die wissenschaftliche Zusammenarbeit auch in politisch stürmischen Zeiten.

Beethoven erhielt um etwa 1800 vier wertvolle Streichinstrumente von seinem Freund und Mäzen Fürst Karl Lichnowsky als Geschenk. Sie sind in der Dauerausstellung des Bonner Beethoven-Hauses zu sehen.

Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Beethoven-Jahr 2020?

Christine Siegert: Ich erwarte wichtige Impulse und einen nachwirkenden Aufschwung für die Forschung. Wir hatten im Februar 2020 einen großen, einwöchigen Beethoven-Kongress mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt, Arrivierten und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, die ihre Forschungsthemen und -projekte vorgestellt und miteinander diskutiert haben – deshalb haben wir den Kongress auch unter das Motto "Beethoven-Perspektiven" gestellt.

Zwischen 1770 bis 1792 lebte Beethoven in Bonn und verbrachte seine Kindheits- und Jugendjahre am Rhein; danach ging er für immer nach Wien.

Wird der "Bonner Beethoven" über- oder unterschätzt?

Christine Siegert: Im Marketing des Beethoven-Jahres wird der Komponist gerne als "Bonner Weltbürger" apostrophiert. Da wird einerseits die lokale Verwurzelung angesprochen, andererseits die globale Ausstrahlung. Zumindest in der traditionellen Beethoven-Forschung wird der Bonner Beethoven allerdings eher unterschätzt. Es macht aber wenig Sinn, den Bonner gegen den Wiener Beethoven auszuspielen. Ich glaube, man muss versuchen, Beethoven in seinem Wirken und Werk als Einheit zu begreifen. Auch daran kann uns das Jubiläumsjahr erinnern.

Externer LinkProjekt "Beethoven in the house" bei GEPRIS

Externer LinkAlle Beethoven-Projekte mit DFG-Förderung

Weitere Informationen

Prof. Dr. Christine Siegert

... leitet mit dem Beethoven-Archiv die musikwissenschaftliche Forschungs- und  Dokumentationsabteilung des Beethoven-Hauses.

Bevor sie im Herbst 2015 nach Bonn kam, war sie Juniorprofessorin an der Berliner Universität der Künste. Siegert studierte Musikwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Hannover und Amiens; 2003 wurde sie über den italienischen Komponisten und Beethoven-Zeitgenossen Luigi Cherubini promoviert. Anschließend war sie in verschiedenen musikwissenschaftlichen Editionsprojekten tätig (u. a. zu Joseph Haydn). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Editionsphilologie/digitalen Edition sowie in der Musik um 1800.

Das Bonner Beethoven-Haus

… wird von einem 1889 auf bürgerschaftliche Initiative gegründeten Verein getragen. Zur Kultureinrichtung gehört eine bedeutende Beethoven-Sammlung, das Museum in Beethovens Geburtshaus und eine musikwissenschaftliche Abteilung mit Archiv, Bibliothek und Verlag. Hinzu kommt ein Konzertbetrieb im eigenen Kammermusiksaal. "Die Verknüpfung von Sammeln und Bewahren, Erforschen und Erschließen, Präsentieren, Publizieren, Vermitteln und Interpretieren", so heißt es, "macht das Beethoven-Haus zu einem modernen Zentrum des Musik- und Kulturlebens."

Externer LinkZum Beethoven-Haus in Bonn