Ein Beitrag aus "forschung" 3/2019

An die Spitze der Bewegung!

Politische Kommunikation in der Online-Welt

Online-Medien, Suchmaschinen und soziale Netzwerke verändern längst die politische Kommunikation. Und damit auch politische Entscheidungsprozesse. Es vollzieht sich ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit, den es zu gestalten gilt. Ein Beitrag von Gerhard Vowe und Philipp Henn.

Die Dynamik der Online-Medien ist ungebrochen: Ihr Spektrum erweitert sich und bildet ein Innovationspotenzial, das auch politisch genutzt wird. Dadurch geraten die traditionellen Träger politischer Kommunikation unter Druck, insbesondere Medienanbieter, Parteien und Regierungen. Der Stellenwert von Plattformen wie Facebook oder Instagram für die politische Kommunikation ist merklich gestiegen. Über sie kann Einfluss auf Arena, Agenda und Tempo der öffentlichen Kommunikation genommen werden. Deshalb wird intensiv diskutiert, ob das demokratische Gemeinwesen dabei gewinnt oder Schaden nimmt. Zwar ist die Akzeptanz der Online-Medien hoch; es sind aber zunehmend auch kritische Töne zu hören, etwa zu Fake News oder Hate Speech.

Wie verändert sich also die politische Kommunikation durch die Diffusion der Online-Medien und welche politischen Folgen bringt dies mit sich? Treiber der Veränderungen in der Kommunikation ist die Digitalisierung. Sie ermöglicht in einem bislang nicht vorstellbaren Ausmaß, Informationen zu übertragen, zu speichern und maschinell zu verarbeiten. Das geht einher mit einer Effizienzsteigerung, also einer radikalen Senkung der Kosten für Informationsverarbeitung bei gleichzeitiger Steigerung der Qualität, zum Beispiel der Genauigkeit, Zuverlässigkeit oder Geschwindigkeit.

Dies eröffnet Optionen auch für die politische Kommunikation, also für politische Information, für Konversation über politische Themen, für politische Partizipation und für die Organisierung politischer Prozesse.

Vom "Internet" zum Web 3.0

Mit der Durchsetzung des Internets ab 1993 ("Web 1.0") erweiterten sich die Spielräume für Organisationen, Interessengruppen und Einzelpersonen, sich politisch zu artikulieren und zu informieren. Mit dem "Web 2.0" verbreiteten sich ab 2005 Geräte, Plattformen und Anwendungen, die überall und permanent eine Vernetzung mit anderen ermöglichen, auch um ein Gegengewicht zu den etablierten Medien zu schaffen. Seit 2010 wächst im "Web 3.0" das Gewicht von Dienstleistungen auf Basis Künstlicher Intelligenz, auch in politischer Hinsicht. So lernen Auskunfts- und Empfehlungssysteme, den Informationsstrom immer passgenauer auf die persönlichen Präferenzen zuzuschneiden. Und Dialoge in natürlicher Sprache mit "Intelligenten Assistenten" erleichtern die Suche auch nach politischen Informationen.

Diese Optionen werden mehr und mehr genutzt – insbesondere von denen, die politische Kommunikation in Zukunft prägen werden, also die jüngeren Jahrgänge, die besser Gebildeten, die politisch stärker Interessierten. Darauf reagieren politische Organisationen, die gerade diese Gruppen erreichen müssen, sofern sie politisch erfolgreich sein wollen. Dadurch verändert sich die politische Kommunikation insgesamt und mit ihr die Öffentlichkeit in all ihren Facetten.

Zu politischen Themen äußern sich mehr Akteure

In sozialer Hinsicht wird politische Kommunikation pluraler, sie nimmt an Vielfalt zu und an Zusammenhalt ab. Denn zu politischen Themen äußern sich mehr Akteure als früher, und diese unterscheiden sich stärker voneinander. Außenseiter von den politischen Rändern versuchen über Online-Medien, Einfluss auf Politik zu nehmen. So können etwa zum Klimawandel nun auch Gruppen außerhalb des Mainstreams ihre Positionen verbreiten. Gleichzeitig verlieren Journalisten und Pressesprecher an Einfluss. Stattdessen treten neue Schleusenwärter auf den Plan, zum Beispiel Influencer auf YouTube oder neue "Intermediäre", also Plattformen, auf denen sich Gruppen austauschen und organisieren. Und öffentliche Meinung bildet sich auf neuen Gleisen: Der Einzelne kann den Online-Medien vielfältige Informationen über die Meinungen der anderen Einzelnen entnehmen.

Wenn Tausende etwa ein Votum zur Migration durch Likes befürworten oder es an andere weiterleiten, dann schließen Menschen daraus auf die öffentliche Meinung. Dabei können sie sich massiv darüber täuschen, was tatsächlich Mehrheit und was Minderheit ist. Und auch schon die Vermutungen über mögliche Wirkungen von Online-Aktivitäten bringen Politiker, aber auch Bürger dazu, selbst kommunikativ aktiv zu werden und etwa eine Gegenposition zu verbreiten.

Der Artikel ist als Vorwort unter dem Titel "Ein Sinnbild für die Gemeinschaft" im Magazin "forschung" (3/2019) erschienen. Interner LinkZum Magazin 

In inhaltlicher Hinsicht orientiert sich politische Kommunikation stärker als früher an individuellen Interessenprofilen. Mit den generellen Angeboten aus dem Massenmedium Zeitung ist kaum mehr jemand zufrieden. Es muss persönlich zugeschnitten sein – und das ermöglichen lernfähige Systeme auf Basis von Algorithmen immer besser. Dies ist für politische Information längst nicht so weit realisiert wie etwa für Werbung. Deshalb sind bei vielen politischen Themen inhaltlich noch keine signifikanten Unterschiede zwischen Online- und Offline-Quellen festzustellen. Auch die Thesen zu "Filterblasen" und "Echokammern" lassen sich derzeit nur eingeschränkt bestätigen. Denn Menschen präferieren zwar grundsätzlich Informationen, die konform zu ihren Einstellungen sind, aber nach wie vor werden sie mit vielem konfrontiert, was nicht zu ihren Einstellungen passt. Und gerade Meinungsführer in den sozialen Netzmedien nutzen viele Berichte aus klassischen Massenmedien, die sie dann selektiv verarbeiten und vor allem selektiv weitergeben. Noch ist nicht der Punkt erreicht, an dem insgesamt der politische Einfluss von Online-Medien auf Wissen, Urteile und Entscheidungen der Menschen den Einfluss traditioneller Medien übertrifft. Aber dieser Punkt ist in Sichtweite.

Politische Kommunikation wird konvergenter

Im Hinblick auf die Kommunikationsformen wird politische Kommunikation konvergenter. Früher strikt getrennte Medien werden in den alltäglichen Kommunikationspraktiken eng verknüpft, etwa Medien der Massenkommunikation und Medien der interpersonalen Kommunikation. Auf dem Smartphone sind beispielsweise die Apps von Spiegel Online und WhatsApp oft unmittelbar nebeneinander platziert, und so sorgen die Nutzer selbst dafür, dass Themen, Nachrichten und Deutungen durch die verschiedenen Medien diffundieren. Dadurch ergibt sich ein Ping-Pong-Spiel zwischen sozialen Netzmedien und etablierten Massenmedien.

In räumlicher Hinsicht erweitern sich die Horizonte für politische Kommunikation – sie wird globaler. In einer Online-Welt blickt man mehr als früher über die nationalstaatlichen Grenzen. Globale  Probleme wie Klimawandel, Welthandel, Terrorismus und vor allem Migration haben regionale und lokale Folgen und prägen auch die dortige Kommunikation. Dabei bildet sich aber keine Einheitskommunikation heraus. Vielmehr wird über Probleme und Lösungen von Land zu Land sehr unterschiedlich kommuniziert – wie die Migrationsdebatte zeigt.

Politische Entscheidungsprozesse verdichten sich

Viele Kommunikationsprozesse haben sich deutlich beschleunigt und verdichtet. Allerdings verändert sich die politische Kommunikationspraxis insgesamt nicht so rasch wie oft behauptet. Die Beharrungstendenzen in den etablierten Organisationen sind ausgeprägt. Dennoch passen sich politische Organisationen an die veränderten Bedingungen an und integrieren Online-Medien in ihre Kommunikationspraxis. Tempo und Richtung der Veränderung werden davon bestimmt, wie sich andere Organisationen verhalten: Verbände orientieren sich an anderen Verbänden, Parteien an anderen Parteien.

Mit der politischen Kommunikation verändert sich auch Politik. So wird es deutlich schwieriger, durch verbindliche Entscheidungen einen stabilen und legitimen Rahmen zu schaffen. Es verkürzen und verdichten sich die Entscheidungsprozesse – getrieben von einer beschleunigten Kommunikation. Und da immer mehr Akteure mitreden und mitwirken, ist bei jeder noch so kleinen Entscheidung eine Vielzahl partikularer Interessen zu berücksichtigen, die zumeist stark normativ aufgeladen werden und sich deshalb Kompromissen verweigern.

Eine von Online-Medien geprägte Kommunikationswelt

Wie sollte man die Zukunft der politischen Kommunikation sehen – eher licht oder eher düster? Seit Bestehen des Internets hört man utopische und dystopische Stimmen. Gegenwärtig dominiert eine düstere Sicht. Grundsätzlich sind die durch Digitalisierung ermöglichten Veränderungen ambivalent. Sie eröffnen Chancen insbesondere für Außenseiter und bergen Risiken für Akteure in Machtpositionen. Dadurch ergeben sich Konflikte, wie die Zukunft der politischen Kommunikation gestaltet werden soll. Denn die Digitalisierung treibt die kommunikative Entwicklung zwar voran, determiniert sie aber nicht.

Der strukturelle Wandel kann vor allem durch Regeln für Kommunikation gestaltet werden: Regeln, die Individuen für sich und ihr Umfeld setzen, etwa für die Smartphone-Nutzung, Regeln die Organisationen setzen, etwa für die Moderation von Online-Foren, und gesetzliche Regelungen durch Staaten. Bei alldem öffnet sich ein großer Spielraum, wie etwa die unterschiedlichen Auffassungen von Meinungsfreiheit zeigen.

Wir erleben derzeit den Übergang in eine von Online-Medien geprägte Kommunikationswelt.  Allerdings sind die politischen Veränderungen nicht „disruptiv“, wie vielfach behauptet. Vielmehr setzen sich die beschriebenen Tendenzen nur teilweise durch. Widerstände bei Individuen, Gruppen, Organisationen und ganzen Gesellschaften bilden ein Gegengewicht. Dennoch bündeln sich die Tendenzen zu einem strukturellen Wandel der Öffentlichkeit mit erheblichen Auswirkungen auf die Politik. Dieser Wandel ist vergleichbar mit früheren Brüchen wie der Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit im 16. Jahrhundert oder der Herausbildung der modernen Massenkommunikation im 19. Jahrhundert.

Der nächste Schub in diesem strukturellen Wandel ist bereits sichtbar und verbindet sich mit der Anwendung von Künstlicher Intelligenz in der politischen Kommunikation, etwa in Wahlkampagnen. Auch das wird zu intensiven Debatten führen – und dabei ist eine sozialwissenschaftliche Forschung gefordert, die Online-Medien konsequent als methodisches Instrumentarium einsetzt.

Die Autoren

Prof. Dr. Gerhard Vowe ist Seniorprofessor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und war von 2011 bis 2018 Sprecher der DFG-Forschungsgruppe "Politische Kommunikation in der Online-Welt".

Philipp Henn, M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Deutschen Welle in Bonn und war von 2012 bis 2018 Koordinator der DFG-Forschungsgruppe.

Adresse: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für Sozialwissenschaften, Universitätsstr. 1, 40225 Düsseldorf

DFG-Förderung im Rahmen der Forschungsgruppe "Politische Kommunikation in der Online-Welt".