Ein Beitrag aus "forschung" 2/2020

Rassismus, der nicht vergehen will

Forschungsprojekt zu Stimmen und Zeugnissen des Protests

Im Kampf gegen die alltägliche Diskriminierung setzten Aktivisten in den USA der 1960erund 1970er-Jahre auf Soul und Funk, Performances und mediale Inszenierungen. Ein Forschungsprojekt führt Zeugnisse und Stimmen des Protests zusammen.
Autoren: Wilfried Raussert und Matti Steinitz

Eindrucksvolle Black-Lives-Matter-Fotografie: Lami Cooper vor einem Street-Art-Porträt von Nina Simone, Jazz- und Blues-Ikone sowie Bürgerrechtsaktivistin.

Es war ein Bild, das um die Welt ging: Siegerehrung bei den Olympischen Spielen in MexikoStadt im Jahr 1968. Eine Hand in einem schwarzen Handschuh in den Himmel gereckt, ohne Schuhe und in schwarzen Socken, präsentierten sich die beiden US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos nach dem Wettkampf im Stadion – und einem Millionenpublikum an den Fernsehapparaten. Kaum war der erste Ton der amerikanischen Nationalhymne erklungen, nahm der symbolische Akt seinen Lauf.

Mit ihrer Performance lösten die Sportler einen weltweiten Eklat aus. Zugleich war ihre Performance ein stummer, aber höchst wirksamer Protest gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Denn die Gesten waren wirkungsvoll, und die Bilder blieben langfristig in Erinnerung. Die Aktivisten und Protestbewegungen afrostämmiger Menschen auf dem gesamten amerikanischen Kontinent schöpften Mut und Kraft. Für die beiden Amerikaner und den weißen Australier Peter Norman, der sich mit ihnen solidarisierte, war es jedoch der Beginn von Ausgrenzung und Verschmähung, die drastische Folgen für ihre Karrieren und Familien haben sollten. Es bedurfte erst der Administration Barack Obamas, dass die Sportler 2016 für ihren emblematischen Black-Power-Gruß gewürdigt werden sollten. Dies geschah anlässlich des Empfangs des damaligen Olympiateams im Weißen Haus durch den ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA.

Black-Lives-Matter-Bewegung: Eine neue öffentliche und mediale Debatte über Rassismus

Zeitsprung in den Mai 2020: In Minneapolis verliert George Floyd sein Leben durch brutale Polizeigewalt. Eine neue öffentliche und mediale Debatte über Rassismus und seine Gesichter entbrennt, nicht nur in den USA. Überhaupt zeigen die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, dass der Wandel zu einer gerechteren Gesellschaft in den Vereinigten Staaten, aber auch in Ländern wie Brasilien zu stagnieren scheint, wenn nicht gar rückläufig ist. Als Reaktion auf erhöhte Polizeigewalt, insbesondere gegen jüngere, afroamerikanische Männer und die anhaltend hohe Quote von Inhaftierungen afrostämmiger Menschen in den USA, gründete sich 2014 die Black-Lives-Matter-Bewegung. Über die USA hinaus hat sie vor allem in Kanada und Brasilien an gesellschaftspolitischer Bedeutung gewonnen.

Und wie bei der Verbreitung des Gedankenguts der Black-Power-Bewegung spielt erneut Musik für die Aktionen und Programme der Black-Lives-Matter-Bewegung eine zentrale Rolle: Von Hip-hop-Künstlerinnen und -Künstlern an der Straßenecke bis zu international renommierten Musikerinnen und Musikern wie Kendrick Lamar, Beyoncé, Alicia Keys und Rihanna bringen Künstler ihren Protest gegen die gesellschaftliche Diskriminierung von afrostämmigen Menschen nachhaltig zum Ausdruck.

Musik und Performance haben eine Schlüsselrolle

Künstler, Musiker und Aktivisten wirken zusammen, um Gerechtigkeit und Frieden in der Gesellschaft anzumahnen und der Staats- und Polizeigewalt gegen afrostämmige Menschen entgegenzuwirken. Ob 2016 bei öffenlichen Inszenierungen durch Rap-Ikone Kendrick Lamars, durch Beyoncé beim SuperBowl oder die Reaktionen 2019 auf die Ermordung des 19-jährigen Afrobrasilianers Pedro Gonzaga - bei den sozialen und kulturellen Bewegungen aus afrostämmigen Gemeinschaften in den USA, in der Karibik und Lateinamerika ist auffällig, dass der Musik und Performance eine Schlüsselrolle zukommt.

Charakteristisch für die Verbreitung sozialer Bewegung durch Musik ist das Miteinander von Soul, Funk und der Black-PowerBewegung der 1960er- und 1970erJahre. Sie fand mit der Gründung der Black-Panther-Party 1967 in Oakland, Kalifornien, einen ersten Höhepunkt.
Über Soul und Funk verbreitete sich das Gedankengut von Norden nach Süden. In lateinamerikanischen Ländern wie Kolumbien, Panama und Brasilien waren musikalische Netzwerke verantwortlich für die Verbreitung von Black Power in den 1970er-Jahren. Lieder von Soul-Ikone James Brown, „Say It Loud (I’m Black and I’m Proud)” und Jazz-Legende Nina Simone, „To Be Young, Gifted and Black“, wurden zu Hymnen für den schwarzen Widerstand gegen Rassismus und Diskriminierung.

Musik, die Geist, Gefühl und Körper ansprach, erwies sich als erfolgreiches Mittel zu einer grenzüberschreitenden Bewusstseinsbildung und Mobilisierung. Neben Rhythmus und Liedtext spielten auch Performance- und Kleidungstil eine symbolische Rolle, da sie identitäts- und gruppenstiftend wirken. Die Verbreitung von Soul und Funk erfolgte zum Teil innerhalb der Marktstrategien der Kulturindustrie, oftmals jedoch auch auf sehr individuellen und zufälligen Wegen durch Radio oder DJs. Das führte in der US-Öffentlichkeit zu mehr Debatten und Aufbruch, die afrostämmigen Gruppierungen in Lateinamerika verhielten sich damals eher zurückhaltend.

Forschung im Austausch mit Akteuren und Religion

Die Wege, die bei der Übermittlung von Ideen, Gedanken und Emotionen durch Musik gegangen werden, sind vielfältig. Für eine historische Einordnung und Analyse ist zunächst Archiv- und Quellenarbeit notwendig. Um die Weitergabe und den Austausch von Ideen und Musikformen nachverfolgen zu können, sind Skype- und Videokonferenzen mit Vertretern der Black-Panther-Party sowie Aktivisten und Musikern aus den USA, Panama und Brasilien wichtig. Viel wirksamer ist allerdings die Forschung vor Ort und der persönliche Austausch mit Wissenschaftlern, Aktivisten, Musikern, Produzenten und DJs in der Region. Dementsprechend kommt Forschungsaufenthalten in New York, Panama und Rio de Janeiro eine wichtige Rolle zu, um Archive zu erkunden und Zeitzeugenberichte sowie autobiografische Erinnerungen mit Audio- und Videoaufnahmen festzuhalten.

Das Projekt folgt einem dialogischen Verständnis von Forschung und Wissensproduktion. Idealerweise soll das Wissen im direkten Austausch mit Aktivisten, Musikern, Produzenten und DJs entstehen und verbreitet werden. Sinnvoll ist es, regionalwissenschaftliche Studien nicht „über“ die Region und Gruppierungen, sondern im Austausch „mit“ der Region und den Akteuren zu betreiben. Zu diesem Zweck rief das Projektteam das internationale Netzwerk "The Black Americas / Las négras Americas" samt Externer LinkInternetplattform ins Leben.

Die bisherigen Recherchen, Interviews und Aufzeichnungen ermöglichen Einblicke in die Gegenwart und Vergangenheit afrostämmiger sozialer und kultureller Bewegungen auf dem amerikanischen Kontinent. Während die Verknüpfungen zwischen afrostämmigen Musikformen im Norden und Süden die Pfade, Akteure und Medien beleuchten, die an der Verbreitung der Black-Power-Bewegung und ihres Gedankenguts maßgeblich beteiligt waren, zeigen die lokalen Zeugenberichte, dass die Wirkungskraft von Musik für Widerstandsbewegungen noch deutlich höher eingestuft werden muss, als dies bisher geschah.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Wilfried Raussert ist Direktor der International Association of Inter-American Studies und Professor für Nordamerikastudien und Interamerikanische Studien an der Universität Bielefeld. Zusammen mit Matti Steinitz, M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt, gründete er 2016 die transdisziplinäre Internetplattform "The Black Americas / Las négras Americas".

Die DFG-Förderung erfolgt im Rahmen des Projekts „Between Spanish Harlem, Funky Colón, and Black Rio: Soul, Migration of Music, and Translocal Identity Constructions in the Black Power Era (1965–1975)”.

Internetseite: Externer Linkwww.uni-bielefeld.de/cias/blackamericas

"forschung" 2/2020

Der Artikel wurde für die Onlinefassung leicht gekürzt. In ungekürzter Fassung ist er in der Link auf PDF-Dateiforschung 2/2020 zu lesen.