Die nachhaltige Gesellschaft

Zukünfte der Nachhaltigkeit

3. Januar 2022 Gesellschaftlicher Wandel zu mehr Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist inzwischen ein zentraler Leitbegriff des gesellschaftlichen Wandels. Und kaum ein anderer Begriff ist mit so unterschiedlichen Zielen und Entwicklungen verknüpft. So kann es sich heute kein Unternehmen mehr leisten, auf eine Nachhaltigkeitsstrategie zu verzichten.

Graffiti von Greta Thunberg

Klimaaktivistinnen und Naturschützern hingegen reichen diese Zugeständnisse oft nicht: Sie fordern striktere Regeln. Unbestritten ist, dass die ökologische Krise moderne Gesellschaften nahezu zwingt, sich mit Nachhaltigkeitsproblemen auseinanderzusetzen.

Auf welche Art und Weise sie dies tun, steht im Fokus der von der Kolleg-Forschungsgruppe „Zukünfte der Nachhaltigkeit: Modernisierung, Transformation, Kontrolle“, die 2020 an der Universität Hamburg ihre Arbeit aufgenommen hat. „Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist, dass Probleme der Nachhaltigkeit, die durch die ökologische Krise entstehen, ein wesentliches Element des gesellschaftlichen Wandels in der Gegenwart und in der Zukunft sind“, erklärt der Soziologe Sighard Neckel als ihr Sprecher.

Kolleg-Forschungsgruppen sind ein speziell auf geistes- und sozialwissenschaftliche Arbeitsformen zugeschnittenes Förderangebot. Die Idee dahinter: ein weit gefasstes Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren und zusammenzuführen. So wie hier das Thema Nachhaltigkeit. „Am Ende wollen wir auf Grundlage unserer Befunde zu den unterschiedlichen Entwicklungsrichtungen von Nachhaltigkeit analytische Synthesen erstellen, nach welchen Gesichtspunkten sich moderne Gesellschaften verändern“, erklärt Neckel. Dafür lädt das Kolleg Expertinnen und Experten aus aller Welt ein – und nutzte 2020 zumindest noch die ersten Monate vor dem Corona-Lockdown, um internationale Fellows in Hamburg zu empfangen. Immer dabei: writers in residence, also Journalistinnen und Journalisten, die einen Brücke zwischen der Öffentlichkeit und der Wissenschaft bauen. Coronabedingt wurde das Veranstaltungsprogramm inzwischen auf digitale Formate umgestellt. „Da war ein Umdenken erforderlich, aber es funktioniert“, sagt Neckel. Dennoch sei klar, dass „eine Verdichtung der intellektuellen Debatte eingeschränkt“ bleiben müsse. „Dies braucht die physische Präsenz.“

Die Kolleg-Forschungsgruppe unterscheidet drei Entwicklungspfade von Nachhaltigkeit: Modernisierung, Transformation und Kontrolle. „Die ökologische Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet, dass institutionelle und ökonomische Rahmenbedingungen nicht grundsätzlich verändert, sondern den Bedingungen der ökologischen Krise angepasst werden“, erklärt Neckel. Dafür setzt die Gesellschaft auf technische Innovationen wie Geoengineering und ökonomische Mechanismen wie die CO2-Bepreisung, mit der die kohlenstoffintensive Erzeugung von Gütern und Energie wirtschaftlich unrentabel gemacht werden soll.

Die zweite Tendenz nennen die Hamburger Expertinnen und Experten „Transformation“: ein grundlegender Umbau der Lebens- und Wirtschaftsweise, ein neuer Ordnungsrahmen, der Gemeinwohl und Natur gleichermaßen schützen soll. „Dies beträfe auch die Doktrin vom Wachstum und gewisse Einschränkungen des Konsums. Damit würde aber infrage gestellt, ob der Kapitalismus überhaupt nachhaltig sein kann.“ Während die Entwicklungspfade von Modernisierung und Transformation versuchen, schwere ökologische Schocks und Katastrophen noch zu verhindern, setzt die Strategie der „Kontrolle“ auf die Beherrschung von Katastrophen, die selbst kaum noch zu vermeiden wären. „Dieser Entwicklungspfad begünstigt autoritäre Regierungsvorstellungen, die ihr Vorgehen mit ökologischen Notständen begründen.“

Ob Modernisierung, Transformation oder Kontrolle: In der Praxis existieren diese Entwicklungsrichtungen natürlich nicht in reiner Form. Aber gerade diese Verschränkungen interessieren die Forscherinnen und Forscher. „Wir beobachten zum Beispiel, dass bestimmte transformative Programme eines ökologischen Wandels durchaus mit gesellschaftlichen Kontrollvorstellungen assoziiert sein können“, so Neckel.

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