Die nachhaltige Gesellschaft

Die Stadt am See

3. Januar 2022 Auswirkungen von Stadtentwicklung auf Gewässer

Gut 20000 Menschen leben in Bad Waldsee in Oberschwaben, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Die touristische Visitenkarte: der Waldsee. Er liegt mitten in der Stadt und ist vor rund 16000 Jahren während der jüngsten Eiszeit entstanden.

Waldsee in Oberschwaben

Könnte er reden, hätte er sicherlich viel zu erzählen: wie die Menschen damals gelebt haben, den See genutzt und durchaus auch schon verschmutzt haben. Das übernehmen nun Forscherinnen und Forscher, und zwar im 2020 genehmigten DFG-Forschungsvorhaben „Auswirkungen mittelalterlicher bis frühneuzeitlicher Stadtentwicklung auf Gewässer am Beispiel von Bad Waldsee“.

Das Unterfangen ist durchaus besonders: „Erstmals werden wirtschafts-, sozial- und umweltgeschichtliche Phänomene gemeinsam von Geistes- und Naturwissenschaften an einem zeitlich hochaufgelösten Seearchiv untersucht“, erklärt Matthias Hinderer vom Institut für Angewandte Geowissenschaften im Fachgebiet Angewandte Sedimentgeologie der TU Darmstadt. Er ist einer der Projektleiter.

Was Hinderer besonders begeistert, sind zwei Einzigartigkeiten, die im Projekt zueinanderfinden: Zum  einen ist da die mittelalterliche Stadt am See, über die es viele Karten, Urkunden, Dokumente und  historische Schriften gibt. Zum anderen existiert ein „lebendes“ Archiv: der See mit seiner Sedimentierung, deren Schichtungen wie „Baumringe der Geschichte“ Aufschluss über das Leben im Mittelalter leben können – zum Beispiel zur Frage, welche Schadstoffe damals aufgetreten und wie sie in den See gekommen sind. „Wir erhalten im Prinzip eine Jahresauflösung“, sagt Hinderer.„Verzahnen wir unsere Erkenntnisse mit denen der Historiker, kommen wir auf eine Zeitskala, auf der die Geowissenschaften plötzlich mit den Geschichtswissenschaften kommunizieren können.“

Während sich Hinderer um das „Sedimentarchiv“ kümmert, interessieren sich die Historikerinnen und Historiker vor allem für das Stadtarchiv und seine regionalen Pendants. „Das Spannende ist, dass wir die Möglichkeit haben zu rekapitulieren, wie die Wirtschaft in der Stadt am See ausgesehen und sich entwickelt hat“, sagt Projektleiterin Sigrid Hirbodian vom Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Tübingen. Möglicherweise lässt sich aus der Zusammenschau von historischem und Sedimentarchiv erkennen, ob, wann und wie sich die Geschichte der Stadt und ihres Umfelds auf die Seenentwicklung und Gewässerqualität ausgewirkt hat – und wie schnell sich die Wasserqualität und das aquatische Ökosystem von den anthropogenen Aktivitäten erholen konnten.

Am Ende des Projekts sollen die Erkenntnisse in einem Modell des mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Mensch-Klima-Umwelt-Systems für Bad Waldsee und Umgebung zusammengeführt werden. Aber noch etwas anderes zeichnet dieses Vorhaben aus: Es wird schon heute von vielen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt aktiv mitgetragen. So herrscht vor Ort ein reges öffentliches Interesse an dem DFG-Projekt. Und auch die Stadt unterstützt die Forschenden bei Tagungen und Workshops.

„Es ist großartig, dass das Projekt von allen Seiten so begrüßt wird“, resümiert Sigrid Hirbodian. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen, „unsere Erkenntnisse mit einer breiten Öffentlichkeit zu teilen“.

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