Der Blick aufs große Ganze

Vereinte Geistes- und Materialwissenschaft

17. Juli 2019 Neue Umwelt-Perspektiven

Unerwartete Perspektiven auf unsere Umwelt eröffnen die Forschungsvorhaben des ebenfalls 2018 bewilligten Exzellenzclusters „Matters of Activity. Image Space Material“, der aus seinem Vorläufer „Bild Wissen Gestaltung. Ein interdisziplinäres Labor“ hervorgegangen ist.

3-D-Ausdruck einer stützenfreien Kugel

„Wir leben in einer natürlichen Umgebung aus intelligenten Materialien, ohne das zu begreifen“, unterstreicht der Berliner Kulturwissenschaftler und Clustersprecher Wolfgang Schäffner. Schon der mehrdeutige englische Titel führe dabei das zentrale Prinzip der „Fusion von Materialem und Symbolischem“ vor Augen. „Er bedeutet nicht nur etwas, er tut es auch“, erläutert Schäffner. Denn:„Er realisiert eine symbolisch-materiale Aktivität, deren symbolische Dimension am Material der Sprache hängt.“

Ziel der Forschung an der Berliner Humboldt-Universität ist es, Grundlagen für eine neue Kultur des Materialen zu schaffen. Eine materiale Revolution, so die Vision der Beteiligten, könnte weit folgenreicher und nachhaltiger sein als die gegenwärtige digitale Revolution. Die Eigenaktivität von Materialien sei in vielen Fällen schon bekannt, werde aber als Störung und Dysfunktionalität wahrgenommen, weil wir Materialien als passive Träger verstünden. Als Beispiel aus dem Alltag nennt Schäffner „arbeitendes Holz“, das je nach Luftfeuchtigkeit und Temperatur ganz unterschiedliche Materialeigenschaften besitzt. So kann es als Sensor oder Motor fungieren, ohne von außen zugeführte Energie zu benötigen. Die innere Aktivität von Materialien als Ressource zu erkennen ermöglicht es, nachhaltige, energieeffiziente Artefakte und Technologien zu entwickeln, etwa in den Bereichen Produktdesign, Wearables, Werkstofftechnik, Medizintechnik oder Logistik, aber auch bei Bildprozessen, in der Architektur oder in der Robotik. „Nur wenn künstliche und natürliche Intelligenz zusammenwirken“, glaubt Schäffner, „ergibt sich ein Ausweg aus der Krisedes Anthropozän.“

Um diese Rettung zu erreichen, bedarf es laut „Matters of Activity“ aber eines radikalen Umdenkens, das in erster Linie ein Zusammendenken ist. Die radikal unterschiedliche Betrachtung symbolischer Operationen und materialer Prozesse hat historisch die Trennung zwischen Natur- und Technikwissenschaften auf der einen und den Geisteswissenschaften auf der anderen Seite motiviert. Die Forschung am Exzellenzcluster will diese Trennung überwinden, indem sie die materialen und experimentellen Ansätze der Natur- und Ingenieurwissenschaften und den biologischen Fokus der Lebenswissenschaften mit der historisch-theoretischen und epistemologischen Perspektive verknüpft. Damit schließt „Matters of Activity” an komplexe interdisziplinäre Strukturen an, die der Vorgängercluster „Bild Wissen Gestaltung“ etabliert hat, und baut auf dessen Formate auf. Dazu gehören gemeinsame Masterprogramme mit der Bauhaus Stiftung Dessau und der Universidad de Buenos Aires ebenso wie Kooperationen mit Forschungseinrichtungen von New York über Paris bis Shanghai.

Bei regelmäßigen Lunch Talks, in einer eigenen Clusterzeitung und beim jährlichen Retreat tauschen sich die Forscherinnen und Forscher aller über 40 beteiligten Disziplinen aus. Zudem haben sie Ausstellungen als Forschungsmethode für sich entwickelt, laut Schäffner mit großem Zugewinn: „Wenn heterogene Ideen ohne offensichtlichen Zusammenhang in neuen Anordnungen zusammenkommen, erkennen wir darin manch neue wissenschaftliche Herausforderung.“

Die Idee, die innere Aktivität von Materialien zu erforschen, kristallisierte sich bei einem Spaziergang Schäffners mit dem Biomaterialforscher Peter Fratzl heraus, bei dem beide ihre gemeinsamen Zukunftsvisionen entwickelten. Mit der Realisierung des Exzellenzclusters geht auch ein ganz persönlicher Traum des Geisteswissenschaftlers in Erfüllung: tatsächlich selbst in naturwissenschaftlichen Labors forschen zu können. Der Trend zu einer „ganzheitlichen“ Sicht auf Forschungsgegenstände erfüllt eben manchmal auch ganz private Visionen.

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