Der Blick aufs große Ganze

Ein neues Kapitel der Afrikaforschung

17. Juli 2019 Forschung mit und über Afrika

Jener Kontinent, auf dem die Wurzeln des modernen Menschen vermutet werden, steht im Fokus des Bayreuther Exzellenzclusters „Africa Multiple“. Seine Mitglieder wollen bei der fachübergreifenden Zusammenarbeit, bei deutsch-afrikanischen Kooperationen im Bereich der Wissensproduktion und bei einer digitalen Forschungsumgebung „neue Wege beschreiten“, wie der Islamwissenschaftler und Clustersprecher Rüdiger Seesemann betont.

Afrokubanische Tänzerin in Havanna

Ziel der ambitionierten Forschungsvorhaben an der örtlichen Universität ist also nichts Geringeres als eine tief greifende Neuausrichtung der Afrikastudien. Ein großer Vorteil ist, dass der Cluster bereits auf die Erkenntnisse und Erfahrungen der 2018 beendeten Bayreuther Internationalen Graduiertenschule für Afrikastudien zurückgreifen kann.

Die heutige Afrikaforschung ist von ihrer kolonialen Vergangenheit, in der die Wissenschaft als Werkzeug kolonialer Machtausübung eingesetzt wurde, schwer zu trennen. Vor diesem Hintergrund ist das Clustercredo „Forschung über Afrika nur mit Afrika“ für die Beteiligten von großer Bedeutung. In diesem Sinne arbeitet er von Bayreuth aus eng mit afrikanischen Institutionen zusammen. In einer ersten Phase will man vier „African Cluster Centres“ identifizieren, also Fakultäten und Forschungszentren mit besonderer Expertise in den eigenen Forschungsfeldern. Die Leiterinnen und Leiter dieser Zentren werden anschließend in Entscheidungen über die Forschungsausrichtung und Themenschwerpunkte eingebunden. Um diesem Ziel näherzukommen, greift der Cluster in seinem „Forum für reflexive Afrikastudien“ systematisch Grundsatzfragen auf, etwa die nach einer Dekolonisierung der Wissensproduktion oder nach einer „Afrikanisierung des Wissens“.

Mit seinem Konzept beschreitet „Africa Multiple“ einen Mittelweg zwischen den klassischen „Area Studies“ mit einem regional fokussierten Blickwinkel auf ihre Forschungsgegenstände und den jüngeren „Global Studies“. Neben dem Kontinent steht damit auch die afrikanische Diasporamit ihren unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten etwa in Jamaika, Kuba, den USA oder auch in Berlin im Fokus. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, sind die Beteiligten in regem Austausch mit Partnerinstitutionen auf allen fünf Kontinenten, und der Exzellenzcluster wird die internationale Vernetzung auch weiter ausbauen. „Bayreuth ist schon jetzt Knotenpunkt weltweiter Afrikastudien“, betont Sprecher Seesemann.

„Durch seine sich wandelnden und in globale Verflechtungen eingebetteten Beziehungen konstituiert sich Afrika ständig neu“, erläutert Seesemann den neuen Ansatz. Die Forscherinnen und Forscher im Cluster betrachten Afrika daher als multipel, relational und reflexiv: als Vielheit, die als Ergebnis komplexer Beziehungen und Rückbezüge immer wieder neu entsteht. „Africa Multiple“ möchte soziokulturelle Vorgänge auf allen Ebenen dieser Vielheit verstehen. Kernthemen der Forschung sind Moralitäten, Wissen, Kunst und Ästhetik, Mobilitäten, Affiliationen und Lernen. Der Cluster greift auf ein breites Methodenspektrum zurück. Bei der Forschung auf Feldern, Märkten und an Landesgrenzen, in Behörden, Institutionen, Filmstudios und Künstlerkreisen kommen empirische Zugänge wie ethnografische Beobachtungen oder unterschiedliche Interviewtechniken um Einsatz. Sie werden ergänzt durch computergestützte Text-, Diskurs- und Medienanalysen. Romanistin und Co-Sprecherin Ute Fendler erwartet zudem, „dass die aktuellen Migrations- und Fluchtbewegungenund die Formierungen neuer diasporischer Identitäten sowie die weltweit verzweigten Arbeitsverflechtungen uns immer wieder neue Perspektiven abverlangen werden.”

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