Der Blick aufs große Ganze

Muster aus der Vergangenheit

5. September 2018 Wurzeln gesellschaftlicher Phänomene

In die Vergangenheit richtet sich der gemeinsame Blick von Forscherinnen und Forschern aus den Geistes-, Natur- und Lebens- sowie den Ingenieurwissenschaften im Exzellenzcluster „Social, Environmental, and Cultural Connectivity in Past Societies (ROOTS)“, der auf der Graduiertenschule „Integrierte Studien zur menschlichen Entwicklung in Landschaften“ aufbaut.

Steinmonument zwischen Bäumen

„ROOTS“ soll Wurzeln gesellschaftlicher Phänomene in historischen und prähistorischen Welten ergründen. Dabei steht der Cluster in der Tradition der intensiv gelebten, fachübergreifenden Zusammenarbeit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Erkenntnisse sollen dabei helfen, aktuelle gesellschaftliche und ökologische Phänomene besser zu verstehen – und Daten für bessere Prognosen beispielsweise zur Bevölkerungs- und Klimaentwicklung liefern.

Zentral bei den Betrachtungen von „ROOTS“ ist der Begriff der „Konnektivität“: Er bezeichnet die Verflechtung und das Ineinandergreifen von gesellschaftlichen Aspekten und Umweltkriterien. „Der Grad der Konnektivität kann den Zustand einer Gesellschaft bestimmen“, erklärt der prähistorische Archäologe und Clustersprecher Johannes Müller, „friedlich bis kriegerisch, nachhaltig bis chaotisch, kooperativ bis extrem ungleich.“ In sechs Themenschwerpunkten werden Ursachen der Konnektivität vergangener Welten in den Bereichen Umwelt, Ernährung, Wissen und Technologie, Stadtentwicklung, soziale Ungleichheit sowie Konflikt und Schlichtung untersucht.

„Wir vermuten, dass selbst unter unterschiedlichsten Lebensbedingungen verschiedener Welten ähnliche Muster zum Tragen kommen“, erläutert Müller eine der Thesen, die der Cluster verfolgt. Um diese Muster zu identifizieren, untersuchen die Forscherinnen und Forscher beispielsweise vergangene Phasen der verstärkten Globalisierung oder Regionalisierung und Perioden der Klimaveränderung.

Die Wissenschaftler arbeiten in sogenannten Laboratorien, das heißt zeitlich und räumlich definierten Szenarien der Vergangenheit. Dabei verwendet „ROOTS“ eine große Bandbreite modernster Methoden aus allen Disziplinen und deren innovative Kombinationen. „Derzeit erleben wir geradezu eine Revolution der archäologischen Methodik“, so Müller. „Sie eröffnet verschiedene neue Wissensarchive, und die bedienen wir mit kulturhistorischen Fragestellungen.“

So ließ sich zum Beispiel anhand von Knochenuntersuchungen der Ernährungszustand verschiedener Gesellschaftsschichten analysieren und mit anderen Phänomenen in Beziehung setzen: „Betrachten wir gleichzeitig deren Waffenbesitz, Befestigungsanlagen oder auch die Spuren kriegerischer Auseinandersetzungen, können wir Vermutungen darüber anstellen, wie soziale Ungleichheit das Konfliktpotenzial einer Gesellschaft beeinflusst.“ Aus der Zusammenschau der verschiedenen Erkenntnisse ergeben sich umfassende, mehrdimensionale Biografien von Landschaften und der sie bewohnenden Gemeinschaften. Das Konzept dieses „reflective turn“ begleitet die interdisziplinäre Wissensproduktion und den Erkenntnisgewinn mit kritischen Reflexionen. Der intensive Austausch untereinander und mit externen Experten dient zum Beispiel dazu, identifizierte Muster auf ihr Potenzial als Erklärungsmodelle für aktuelle Herausforderungen zu überprüfen. Bei „ROOTS“ bündeln drei Plattformen die vorhandene Infrastruktur und Expertise, um sie allen Clustermitgliedern zur Verfügung zu stellen: Eine Technologieplattform stellt technische Ausrüstung bereit, eine Humanities-Plattform bietet Unterstützung unter anderem für die kulturwissenschaftliche Datenanalyse; eine Kommunikationsplattform unterstützt den Austausch der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untereinander und fördert den Dialog des Exzellenzclusters mit der Öffentlichkeit sowie mit gesellschaftlichen und politischen Instanzen. Hierbei kommen auch digitale Formate wie Blogs und Video-Livestreams von Ausgrabungsorten in der Ukraine oder in Sibirien zum Einsatz.

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