Der Blick aufs große Ganze

Religion als Antriebskraft

17. Juli 2019 Verhältnis von Religion und Politik

Auch Religion kann Wurzel politischer Auseinandersetzungen sein – oder aber Mittel zur Konfliktbewältigung. Diesen Aspekten widmen sich Vertreterinnen und Vertreter unter anderem der Philosophie, Soziologie, Theologie, der Politik-, Religions- und Rechtswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Religion und Politik

Im 2018 bewilligten und aus dem Exzellenzcluster „Religion and Politics in Pre-Modern and Modern Cultures“ hervorgegangenen Vorhaben „Religion und Politik. Dynamiken von Tradition und Innovation“ analysieren sie das Verhältnis von Religion und Politik in Geschichte und Gegenwart sowie in unterschiedlichen Kulturen.

„Über Jahrzehnte ist die Forschung davon ausgegangen, dass die politische und soziale Relevanz von Religion in  modernen Gesellschaften abnimmt“, sagt der Religionssoziologe und Clustersprecher Detlef Pollack. „Derzeit beobachten wir indes eine steigende Bedeutung religiös konnotierter sozialer Konflikte und politischer Bewegungen.“ In der neuen Förderperiode wendet sich der Verbund der Frage zu, warum Religion überhaupt eine politische Kraft ausüben kann. Auf welche Weise vermag sie gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen zu befeuern, einzudämmen und zu modifizieren?

Ein Aspekt der anstehenden Forschungsarbeiten betrifft Spannungen, die als Folge von Migrationsbewegungen auftreten. Große Teile der untersuchten Gesellschaften Europas und des östlichen Mittelmeerraums empfänden die Vervielfältigung religiöser und ethnischer Gruppierungen durch Zuwanderung als bedrohlich, so Pollack. „Wir untersuchen, welche Auswirkungen die Bedrohungswahrnehmung auf das kollektive Selbstverständnis, auf Gefühle der Zugehörigkeit und Identitätskonstruktionen sowie auf die Akzeptanz von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Bejahung europäischer Werte hat.“ Der Vergleich religiös aufgeladener sozialer Spannungen in der Gegenwart und der Geschichte ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Forschungsarbeit im Verbund, dem seit Kurzem auch Psychologinnen und Psychologen angehören. Pollack begrüßt die Erweiterung der im Vorgängercluster stark kulturgeschichtlich geprägten Forschung um die Perspektive auf die Innenwelt der Akteure: „Das Handeln ist ja vor dem Hintergrund seiner Motive ganz neu zu verstehen. Wir sind sehr gespannt, wie sich die Kolleginnen und Kollegen mit kulturgeschichtlichen und psychologischen Herangehensweisen aufeinander einlassen und wie sie voneinander lernen werden.“ Der geplante „Campus der Religionen“ der Universität Münster soll dem Cluster zudem eine anregende Infrastruktur bieten. Hier können Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Theologien und der konfessionsungebundenen Religionsforschung sich bald disziplinübergreifend und auf kurzem Wege miteinander austauschen. Ein clustereigenes Zentrum für Wissenschaftskommunikation unterstützt die Münsteraner Religionsforscher darin, ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit zu vermitteln. „Die Resonanz in den öffentlichen Medien war in den letzten Jahren sehr gut“, sagt Pollack. „Und die Öffentlichkeit nimmt uns als Ansprechpartner in Fragen zum religiös-politischen Feld wahr.“ Dabei ist dem Clustersprecher wichtig zu betonen, dass der Verbund sich nicht als Politikberater versteht: „Unsere Forschung liefert keine politischen Handlungsanweisungen. Was wir bieten können, ist gesellschaftlich relevantes Reflexionswissen.“

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