Der Blick aufs große Ganze

Demokratie unter Druck

17. Juli 2019 Liberale Ordnung

Protestbewegungen sind ein Zeichen der Krise, in der sich die liberale Demokratie weltweit befindet. Probleme mit aufsteigendem Populismus und transnationalem Terrorismus, aber auch Migration und der Klimawandel hängen unmittelbar mit den aktuellen Auseinandersetzungen um die liberale Ordnung zusammen.

Constations of the Liberal Script

Der 2018 eingerichtete Exzellenzcluster „Contestations of the Liberal Script (SCRIPTS)“ untersucht die Ursachen, Ausprägungen und Konsequenzen dieser Auseinandersetzungen. Neben der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin beteiligen sich das Wissenschaftszentrum Berlin und fünf weitere Berliner Wissenschaftseinrichtungen an dem Verbund. „Wir möchten verstehen, warum das liberale Ordnungsmodell trotz seiner politischen, wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften in die Krise geraten ist“, erläutert die Politikwissenschaftlerin Tanja Börzel, die zusammen mit Michael Zürn Sprecherin des Clusters ist.

Der Begriff „Skript“ stammt ursprünglich aus der Theaterwissenschaft. „Er ist weniger stark in speziellen Fächerkulturen verankert als begriffliche Konzepte zur Gesellschaftsordnung oder zum Gesellschaftssystem“, erläutert Börzel. „Deshalb passt er gut zu unserem interdisziplinären Ansatz.“ Gleichzeitig sei er trotzdem sehr präzise: „Ob der chinesische Staatskapitalismus, Putins illiberale Demokratie oder der politische Islam: Jedes Skript lässt sich anhand seiner Komponenten charakterisieren, also anhand seiner Kernidee, der tragenden Akteure, der institutionellen Umgebung und des Grades der legitimen Abweichung.“ Die letztgenannte Komponente bezeichnet den individuellen Freiraum zur Interpretation von Regeln und Vorschriften, den ein auf Selbstbestimmung basierendes liberales System seinen Akteuren lässt.

Die an „SCRIPTS“ beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden mit ihren internationalen Fellows unter dem Dach eines neuen Clustergebäudes in Berlin zusammenarbeiten. Die tägliche Interaktion, so Börzel, sei eine entscheidende Voraussetzung, um gemeinsame Visionen in erfolgreiche Innovationen umzusetzen. Im Exzellenzcluster treffen verschiedene Disziplinen und Regionalexpertisen, ihre quantitativen und qualitativen Methoden sowie generalisierende Konzepte und lokale Wissensbestände aufeinander.

Die beteiligten Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um das liberale Skript nur durch die Verknüpfung unterschiedlicher Methoden aus den Sozialwissenschaften und den Regionalstudien zu verstehen sind. Deshalb haben sie ein sogenanntes Data and Methodology Center geschaffen, in dem sie bestehende Methoden verknüpfen und neue gemeinsame Ansätze entwickeln. Das Spektrum der zu integrierenden Methoden reicht von der ökonomischen Experimentalforschung bis zur sozialwissenschaftlichen quantitativen Textanalyse. Mit diesen Mitteln erforschen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in vergleichenden Studien die Einstellungen verschiedener Bevölkerungen zum liberalen Skript. Um ihre Konzepte „reisefähig“ und ihre Untersuchungsmethoden übertragbar zu machen auf verschiedenste Regionen, Kulturen und Gesellschaften, haben sich die Beteiligten dem Ansatz der doppelten Reflexivität verschrieben. Ständig wägen sie Kontextgebundenheit und Generalisierbarkeit ihrer Thesen ab, um bei Bedarf ihre Methoden der Forschungsumgebung anzupassen.

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