Der Blick aufs große Ganze

Protest und Politik

17. Juli 2019 Ungleichheitsforschung

Die Existenz von Narrativen kann Hinweise darauf geben, wie eine Gesellschaft wirtschaftliche Ungleichheit wahrnimmt. Diese Wahrnehmung kann deutlich von der tatsächlichen Güter- und Chancenverteilung abweichen und politische Aktivität hervorrufen: ob bei Pegida in Dresden, den Gelbwesten in Frankreich oder bei EU-Anhängern und Brexit-Befürwortern in Großbritannien.

Verteilung der Internetverfügbarkeit in einem globalen Maßstab

Protestbewegungen gegen reale oder wahrgenommene Ungleichheit kamen in den letzten Jahren in diversen Formen auf. Konstanzer Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler nehmen solche Protestbewegungen im Rahmen des 2018 bewilligten Exzellenzclusters „Die politische Dimension von Ungleichheit“ genauer unter die Lupe. Sie nähern sich dem Phänomen der Ungleichheit aus verschiedenen Perspektiven: Was prägt die individuelle und gesellschaftliche Wahrnehmung von Ungleichheit? Unter welchen Umständen führt diese Wahrnehmung zur Mobilisierung und „Partizipation“ – also zur aktiven Teilnahme an Protestbewegungen oder zum Engagement in etablierten politischen Verbänden und Parteien? Und: Was braucht es, damit die Politik wirksame Maßnahmen gegen Ungleichheit konzipieren und umsetzen kann?

„Der Fokus auf die politische Dimension zeichnet die neue Art von Ungleichheitsforschung aus, die wir im Cluster verfolgen”, hebt Sprecher Marius Busemeyer hervor. So arbeitet in Konstanz die Politikwissenschaft beispielsweise mit der Linguistik zusammen. Gemeinsam möchte man anhand computergestützter Analysen von politischen Texten und Diskursen die Rolle der Sprache und neuer sozialer Medien in politischen Mobilisierungsprozessen besser verstehen. Eine weitere Besonderheit des Verbunds ist die Kooperation von Forscherinnen und Forschern aus den Politikwissenschaften, der Verhaltensökonomie, der politischen Psychologie und der Umfrageforschung, um Einstellungen zur Ungleichheit in Gesellschaften zu untersuchen. Busemeyer schätzt die „gelebte Kultur der Kreativität“ an der Universität Konstanz, in der neuartige Formen der Zusammenarbeit gut gedeihen.

Viele der Konstanzer Clusterprojekte verfolgen international vergleichende Ansätze. Dabei steht der Cluster im regen Austausch mit Kooperationspartnern an internationalen Standorten wie Oxford, Paris und New York. Gemeinsam erheben sie Umfragedaten oder organisieren Feldforschung wie Experteninterviews oder linguistische Untersuchungen vor Ort. Aktuelle Protestbewegungen in ihrer Vielfalt an politischen Ausrichtungen und Organisationsformen sind eines der Forschungsgebiete. „Wir möchten verstehen, wie Ungleichheit als soziales Problem die Entstehung solcher Bewegungen fördert und wie diese ihre politische Wirkung entfalten“, erklärt Marius Busemeyer. Aus ihren Ergebnissen hoffen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse darüber zu gewinnen, inwiefern politische Prozesse Ungleichheit verstärken oder mildern: „Ist steigende Ungleichheit ein Phänomen, das durch anonyme Kräfte wie Globalisierung und technologischen Wandel vorangetrieben wird, oder kann die Politik diese Prozesse gestalten?“

Ein speziell für den Exzellenzcluster eingerichteter „MethodsHub“ soll dabei die IT-Infrastruktur für die gemeinsame Nutzung und Analyse großer, komplexer Datenmengen schaffen. Er dient als Schnittstelle zwischen bestehenden Fachzentren der beteiligten Disziplinen, insbesondere der Umfrageforschung, der Verhaltensökonomie und der Linguistik. Und er wird zum Zentrum methodischer Aus- und Weiterbildung über den Cluster hinaus. Langfristig wird der „Hub“ dazu beitragen, die sozialwissenschaftliche Expertise in der Methodenforschung der Universität Konstanz weiter auszubauen.