Der Blick aufs große Ganze

Neue Ziele, neue Methoden

17. Juli 2019 Ökonomische Märkte

Digitalisierte Märkte, krisenanfällige Finanzsysteme, wachsende Ungleichheit: Unsere Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen mit weitreichenden ökonomischen Implikationen. Neue Analyseansätze und wirtschaftspolitische Lösungsstrategien zu entwickeln, ist Ziel des 2018 bewilligten und an den Universitäten von Bonn und Köln angesiedelten Exzellenzclusters „ECONtribute“, dem ersten wirtschaftswissenschaftlichen Exzellenzcluster, der seit dem Start der Exzellenzinitiative eingerichtet wurde.

Blick in die New Yorker Börse

Allerdings greife es zu kurz, hier von reiner Wirtschaftspolitik zu sprechen, findet Felix Bierbrauer, einer der beiden Clustersprecher: „Der Begriff lässt an Steuerpolitik, Arbeitsmarktpolitik oder Finanzmarktregulierung denken.“ Passender für die Forschung im Exzellenzcluster sei das englische „public policy“. „Dieser Begriff steht für eine umfassende Perspektive auf die Gestaltung von Märkten und umfasst auch Aspekte wie Verbraucherschutz, Gestaltung des Bildungssystems oder Maßnahmen zum Klimaschutz“, erläutert Bierbrauer.

Märkte sind zentraler Bestandteil moderner Gesellschaften und essenziell für ihr Funktionieren. Doch unkontrolliertes Marktgeschehen kann auch unerwünschte Effekte haben. So berücksichtigen Marktprozesse ökologische Interessen häufig nicht in ausreichendem Maße und können Ungleichheiten in der Gesellschaft fördern. „ECONtribute“ will neue Forschungsfelder definieren – und sie mittels interdisziplinärer Denkansätze aus verschiedenen Zweigen der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, aber auch aus benachbarten Fachrichtungen wie Psychologie, Politikwissenschaft oder Rechtswissenschaft erschließen. Innovative Forschungsansätze sollen neue Perspektiven in der wissenschaftlichen Analyse von Marktversagen und Staatseingriffen eröffnen. „Wir möchten mit unserer Forschung konkret zu einer besseren Funktionsweise von Märkten beitragen und wirksame politische Maßnahmen zum Nutzen der Gesellschaft anstoßen“, sagt dementsprechend auch Isabel Schnabel, die zweite Clustersprecherin. Dafür treten die Clustermitglieder im Rahmen des „ECONtribute“-Netzwerks aktiv in den Austausch mit wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern.

Die Forschungsaktivitäten des neuen Exzellenzclusters sollen im neu gegründeten Reinhard Selten Institute gebündelt werden. Ihre theoretisch wie empirisch vorangetriebenen Themen reichen von der Stabilität der Finanzmärkte über die Verteilung sowie den Verbraucherschutz bis hin zum Markt- und Organisationsdesign. Dabei untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler systematisch die Frage, wie fairness- und effizienzorientierte Ziele sich zueinander verhalten. Wie können Gesellschaft und Politik mit Situationen umgehen, in denen die Verwendung von Geld als Tauschmittel sozial nicht akzeptiert ist – wie etwa im Fall von Organspenden? Rechtfertigen Argumente der Fairness ein politisches Eingreifen in den Preismechanismus, beispielsweise bei Mietpreisbremsen oder Mindestlöhnen? Zudem erforschen die Clusterbeteiligten das Potenzial verhaltenswissenschaftlich basierter Interventionen wie „nudges“, also sanfter Verhaltensanreize. Können sie einen signifikanten Beitrag dazu leisten, politische Herausforderungen zu bewältigen, zum Beispiel im Bereich des Klimaschutzes?

Ein von den Sozialwissenschaften inspirierter Ansatz, den die Forscherinnen und Forscher im Rahmen von „ECONtribute“ in der Betrachtung von Finanzmärkten anwenden möchten, ist die Identifikation und Untersuchung von Narrativen mittels quantitativer Textanalyse. Ziel ist es, diese auf ihr Potenzial als Risikoindikator zu testen.

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