Das Digitale als Brückenbauer

Neue Perspektiven schaffen

6. Oktober 2020 Mittelalterliche Philosophie

In den Geisteswissenschaften soll die Digitalisierung auch helfen, Licht ins Dickicht der Fülle an  überlieferten Textmaterialien aus dem Mittelalter zu bringen. „Text und Kontext. Strukturen der Editionsgeschichte von Texten der mittelalterlichen Philosophie und ihrer Nachbardisziplinen“ heißt das
Projekt, das die DFG im April 2019 als Sachbeihilfe bewilligt hat.

Von Thomas von Aquin sind unzählige Schriften überliefert, aber nicht alle Texte stammen wirklich aus seiner Feder. Eine DFG-geförderte Datenbank macht über Editionen ersichtlich, ob Texte richtig zugeschrieben werden oder nicht.

„Anstelle eines klassischen Nachschlagewerks, das schon am Erscheinungstag überarbeitungsbedürftig wäre, schaffen wir eine umfangreiche, nutzerfreundliche Datenbank mit vielen Recherchemöglichkeiten, die ständig aktualisiert werden kann“, erklärt Projektleiter Rolf Schönberger, Philosophiehistoriker an der Universität Regensburg.

Durch die umfassende digitale Aufarbeitung von Daten zu Viten, Werken und zur Bibliografie der Editionsgeschichte können Forscherinnen und Forscher erstmals die Konjunktur der Interessen an bestimmten Texten im Verlauf ihrer Editionsgeschichte verfolgen. „Wir können also gewissermaßen die Wanderschaft von Texten bestimmter Autoren nachvollziehen“, sagt Schönberger.

Hinzu kommt, dass bis heute nur ein Bruchteil der geschriebenen Texte überhaupt ediert wurde, teilweise unter falschem Namen oder anonym. „Das Verhältnis von echten zu unechten Schriften, von gedruckten zu den ungedruckten, ist für die Mittelalterforschung so wichtig, weil die Überlieferung gigantisch ist“, so der Wissenschaftler. Thomas von Aquin beispielsweise werden mehr  philosophische Texte zugeschrieben, als aus der gesamten Zeit der Antike überliefert worden sind; aber nicht alles stammt wirklich aus seiner Feder. Gerade bei den wichtigsten Autoren sind die  bedeutenden Werkausgaben hochgradig durchsetzt mit nicht authentischen Werken. Aber wie wird ein Autor überhaupt verstanden, wenn er von unechten Texten umstellt ist? „Uns interessiert also weniger, wer der Autor ist, sondern vielmehr, wo sein Name über Jahrhunderte mit einem Text verbunden worden ist, den er gar nicht geschrieben hat“, sagt Schönberger. „Was bedeutet das für die Editionsgeschichte?“ In einem nutzerfreundlichen Format vorgelegt, könnten die Erkenntnisse aus den statistischen Daten verbreitete Forschungsmeinungen über den Haufen werfen oder aber stützen.

Die Datenbank hilft also auf mehrfache Weise: Dem Forscher eröffnet sie einen Überblick, wann, wo und wie oft ein Text erstmals ediert worden ist. Dem Editor einer Gesamtausgabe kann sie wiederum Gewissheit darüber geben, ob der Text auf seinem Schreibtisch wirklich – wie bisher angenommen – vom edierten Autor stammt. „Dass man mithilfe der Datenbank aber auch ein Gesamtbild eines Autors erhält, etwas erfährt über das Verhältnis seiner gedruckten Schriften zu den nicht gedruckten, der ihm fälschlich zugeschriebenen zu den zurecht zugeschriebenen, das ist eine gänzlich neue  Perspektive“, resümiert Schönberger. „Wir haben sozusagen eine neue Disziplin geschaffen.“ 

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